Ein britischer Spezialversicherer skaliert agentenbasierte KI über die gesamte Schadenorganisation. Die Umsetzung zeigt, dass künstliche Intelligenz im Versicherungsbetrieb nicht mehr experimentell eingesetzt wird, sondern zunehmend operative Kernprozesse übernimmt.
Der britische Versicherer Acorn Group hat seine Zusammenarbeit mit dem Softwareanbieter Simplifai deutlich ausgeweitet und setzt agentenbasierte KI nun unternehmensweit in der Schadenbearbeitung ein. Rund 400 Schadenbearbeiter arbeiten künftig mit automatisierten Entscheidungs- und Analyseprozessen entlang der gesamten Claims-Kette.
Zuvor war die Technologie Anfang 2025 in einem begrenzten Umfang eingeführt worden. Laut Unternehmen führte die erste Phase bereits zu messbaren Verbesserungen bei Bearbeitungszeiten, Betrugserkennung und Kostenkontrolle. Die aktuelle Ausbaustufe markiert nun den Übergang vom Pilotprojekt zum operativen Plattformbetrieb.
Fokus auf kritische Schadenentscheidungen
Die KI wird gezielt in Bereichen eingesetzt, die traditionell als besonders komplex und kostenrelevant gelten:
Betrugserkennung
Eingehende Dokumente und E-Mails werden automatisiert mit dynamischen Risikolisten abgeglichen. Hinweise auf fingierte Unfälle oder Identitätsdiebstahl sollen erkannt werden, bevor Zahlungen ausgelöst werden.
Grossschäden
Motorfahrzeugschäden mit möglichem Totalschaden werden automatisch identifiziert. Die Systeme unterstützen Sachbearbeiter bei der Entscheidung Reparatur oder Abschreibung.
Sachschadenprüfung
Gutachten und Rechnungen werden zusammengefasst, bewertet und mit Tarif- und Richtlinienlogik abgeglichen. Dadurch entfällt ein grosser Teil manueller Dokumentenprüfung.
Das Ziel besteht weniger in der vollständigen Automatisierung als in der Verlagerung menschlicher Arbeit: Mitarbeitende sollen sich auf komplexe Fälle und Kundenkontakt konzentrieren, während Routineanalyse maschinell erfolgt.
Geschwindigkeit statt Change-Management-Marathon
Bemerkenswert ist die Einführungsgeschwindigkeit. Innerhalb von zwei Tagen wurden 186 Schadenbearbeiter auf die neuen Systeme geschult. Produktivitätsgewinne traten laut Unternehmen unmittelbar auf.
Damit widerspricht das Projekt einer verbreiteten Annahme der Branche, wonach KI-Einführung zwangsläufig langwierige organisatorische Transformation erfordert. Entscheidend scheint hier weniger Technologiekompetenz als Prozessintegration zu sein: Die Anwendung arbeitet parallel zu bestehenden Systemen.
Modernisierung ohne Systembruch
Viele Versicherer stehen vor einem strukturellen Zielkonflikt: Kernsysteme modernisieren oder Automatisierung vorantreiben. Acorn verfolgt beides gleichzeitig. Die Architektur der Plattform ermöglicht, dass KI-Workflows sowohl auf alten als auch auf neuen IT-Umgebungen laufen.
Das reduziert typische Risiken von Transformationsprojekten – etwa Projektstopps oder eingefrorene Releases während Migrationen – und erklärt, warum die Implementierung operativ kaum Reibung erzeugte.
Bedeutung für den Markt
Der Schritt signalisiert einen Wandel in der Nutzung von künstlicher Intelligenz im Versicherungssektor. Während zahlreiche Häuser weiterhin isolierte Anwendungsfälle testen, wird hier erstmals eine durchgehende Schadenbearbeitung organisatorisch auf KI-Unterstützung ausgelegt.
Damit verschiebt sich die Rolle der Technologie: von Effizienztool einzelner Prozesse zu infrastrukturellem Bestandteil der operativen Wertschöpfung. Für Versicherer bedeutet dies vor allem eines: Wettbewerbsvorteile entstehen künftig weniger durch einzelne Algorithmen, sondern durch die konsequente Integration in Arbeitsabläufe.