Es sind oft die kleinen Anekdoten, die grosse Umbrüche greifbar machen. Ein gezeichnetes Ei, das als Bestellung gedacht war und als Eiscrème serviert wurde. Eine Szene aus Peking, irgendwo in den frühen Jahren der Öffnung Chinas, erzählt im Podcast Paul the Insurer. Sie markiert den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die heute als eine der radikalsten Transformationen der globalen Versicherungswirtschaft gilt.
Die Reise zur Chinesischen Mauer beginnt in einer Limousine mit weissen Vorhängen. Begleitet wird der Erzähler von jungen Menschen, geprägt von den Nachwirkungen der Kulturrevolution, mit rudimentären Englischkenntnissen, aber grosser Neugier. Es ist ihre erste Begegnung mit einem ausländischen Versicherer und sie steht sinnbildlich für ein Land an der Schwelle zur internationalen Integration.
Die offiziellen Gespräche verlaufen steif, ritualisiert, geprägt von diplomatischen Floskeln über historische Verbindungen zwischen China und der Schweiz. Doch hinter diesen formalen Kulissen liegt eine Realität, die von kulturellen Missverständnissen, sprachlichen Barrieren und struktureller Abschottung geprägt ist. Hotels gibt es kaum, Kommunikation ist schwierig, selbst ein einfaches Frühstück wird zur Herausforderung.
Langsame Annäherung, grosse Wirkung
Die folgenden Jahre sind geprägt von Geduld. Zahlreiche Besuche bei der People’s Insurance Company of China verlaufen ernüchternd. Bürokratie dominiert, Fortschritte sind kaum sichtbar, das Geschäft bleibt marginal. Doch dann setzt eine Zäsur ein: die Reformpolitik von Deng Xiaoping.
Mit der wirtschaftlichen Öffnung beginnt eine Entwicklung, die rückblickend als «Great Leap Forward» der Versicherungsbranche bezeichnet werden kann, zwar nicht im historischen, sondern im technologischen Sinne. Innerhalb weniger Jahrzehnte transformiert sich der chinesische Versicherungsmarkt von einem rudimentären System zu einem der modernsten weltweit.
Der Sprung ins digitale Zeitalter
Was China von vielen westlichen Märkten unterscheidet, ist das Fehlen von Altlasten. Während europäische Versicherer bis heute mit komplexen Legacy-Systemen kämpfen, konnte China direkt in die digitale Ära einsteigen. Prozesse wurden nicht schrittweise modernisiert, sondern grundlegend neu gedacht.
Diese Dynamik zeigt sich nicht nur in der Versicherungswirtschaft. Selbst in abgelegenen Regionen wie Shangri-La, auf dem tibetischen Hochplateau, verschmelzen traditionelle Lebensweisen mit moderner Technologie: Bauern pflügen ihre Felder und telefonieren gleichzeitig mit dem Mobilgerät. Ein Bild, das den technologischen Leapfrogging-Effekt eindrücklich illustriert.
Europas strukturelle Bremse
Im Vergleich dazu wirkt Europa oft wie ein Schwergewicht. Jahrzehntelang gewachsene IT-Infrastrukturen, regulatorische Komplexität und fragmentierte Märkte bremsen die Innovationsgeschwindigkeit. Die vielzitierte «Legacy-Problematik» ist mehr als ein technisches Hindernis, sie ist ein strukturelles.
Doch auch hier zeichnet sich ein Wendepunkt ab. Künstliche Intelligenz wird zunehmend als Hebel gesehen, um bestehende Systeme zu überbrücken, Prozesse zu automatisieren und neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen. Die Hoffnung: dass Technologie nicht nur Effizienz steigert, sondern auch regulatorische Prozesse intelligenter macht.
Inspiration jenseits der Mauer
Die Reise zur Grossen Mauer endet mit einer Erkenntnis, die über das Anekdotische hinausgeht. Wer verstehen will, wie tiefgreifend sich die Versicherungsbranche verändern kann, sollte den Blick nach China richten. Nicht als Blaupause, sondern als Inspirationsquelle.
Denn die zentrale Lektion lautet: Transformation ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern der Haltung. Offenheit für Veränderung, Mut zum Bruch mit bestehenden Strukturen und die Bereitschaft, neue Wege konsequent zu gehen, sind die eigentlichen Treiber.
Oder, wie es im Podcast anklingt: Wer Inspiration sucht, sollte sich auf den Weg machen. Im Idealfall bis zur Grossen Mauer und begleitet von den Versicherern von morgen.
Binci Heeb
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