Vectoryx positioniert sich als regulierte Multi-Party-Infrastruktur für die Schadenabwicklung und bringt unter anderem mit einer ChatGPT-Integration die Erstmeldung direkt in den Dialog mit Betroffenen. Co-Founder Alexander Stade über Medienbrüche, Interoperabilität und die Frage, warum Schadenmanagement selten an der Regulierung scheitert.
Gebäudeschäden sind komplexe Ereignisse mit vielen Beteiligten: Eigentümer, Bewohner, Hausverwaltung, Broker, Versicherer und Sanierungspartner. Genau an dieser Schnittstelle setzt Vectoryx an mit «Claims», einem Produkt für die Schadenregulierung, welches alle Parteien in Echtzeit verbindet. Mit einer eigenen Anwendung im ChatGPT Store geht das Unternehmen zudem einen ungewöhnlichen Weg: die Schadensmeldung als dialogbasierte KI-Erfahrung. Im Gespräch mit thebrokernews erklärt Co-Founder Alexander Stade, wo die eigentlichen Bruchstellen im Schadenprozess liegen, wie regulierte Infrastruktur und KI-Interfaces zusammenspielen und wohin sich Vectoryx als Unternehmen entwickeln will.
Was war der konkrete Moment oder die konkrete Erfahrung, die zur Gründung von Vectoryx geführt hat?
Vectoryx ist aus eigener Betroffenheit entstanden. Ich habe über mehrere Jahre eine eigene Hausverwaltung aufgebaut und später veräussert. Genau dort ist der Schmerzpunkt entstanden: Schadenmanagement ist ein extrem umfangreicher Prozess mit sehr vielen Beteiligten. Und selbst wenn man alle Informationen zusammengeführt, eine saubere Datengrundlage geschaffen und diese an den Versicherer übermittelt hatte, vergingen anschliessend nochmals zwei bis zehn Monate, bis die Freigabe für die Ausführung der Arbeiten kam, was die Zufriedenheit aller Betroffenen massiv verschlechtert hat und alle Beteiligten schlussendlich aktiv Kunden «gekostet» hat.
Wir hatten also auf der einen Seite enorme Kommunikationsaufwände im Schadenfall, auf der anderen Seite enorme Koordinationsaufwände, etwa um Gutachter oder Sanierer mit den Betroffenen zusammenzubringen und danach überhaupt wieder in den Prozess zurückzufinden. Einer der Co-Founder kommt aus dem Versicherungsmaklersegment und hatte bei Schäden an Einfamilienhäusern exakt dieselben Koordinations- und Kommunikationsaufwände wie wir aus der Wohnungswirtschaft. Dazu kommt die wirtschaftliche Realität: Das Handling von Schäden ist personal- und IT-lastig, wird aber in der Regel nicht gesondert vergütet, sondern vom Kunden als Inklusivleistung betrachtet. Hoher Aufwand, kein Ertrag. So ist die Firma entstanden. Wir haben das Ganze projektiert, mit Schadensanierern, Versicherern und weiteren Hausverwaltungen gesprochen und daraus das erste Produkt entwickelt, das sich seitdem sehr stark weiterentwickelt hat.
Sie sagen, Schadenmanagement scheitere selten an der Regulierung selbst, sondern an fehlenden oder unsystematischen Informationen. Können Sie das an einem typischen Fall aus der Praxis festmachen?
Nehmen wir den Wasserschaden. Sehr übergeordnet läuft das so: Der Schaden wird dem Verwalter gemeldet, der Verwalter nimmt ihn auf und koordiniert anschliessend. Er bringt den Schadensanierer mit den Betroffenen zusammen, er informiert Makler und Versicherer, er steuert also genau diese Kommunikations- und Koordinationsaufwände. Parallel sammelt er Daten ein: Ursachenanalysen, Leckortungsberichte, Messprotokolle, Trocknungsangebote, Demontage- und Wiederherstellungsangebote und Beteilligteninformationen, welche sich aufgrund den Datenschutzbestimmungen meist nicht unkompliziert proaktiv speichern lassen, z.B. im WEG-Mietverhältnis.
Daraus entsteht eine Datengrundlage, die an den Versicherer übermittelt wird. Das Problem ist: Die Schadenmeldung kommt in der Praxis beim Versicherer in der Regel nicht so an, dass alle Daten vorliegen. Der Versicherer muss prüfen, gleicht die Daten ab und fragt dann nachträglich nach, weil Stammdaten fehlen, Informationen zu Beteiligten fehlen, die Leckortung fehlt, die Angebote nicht stimmig sind oder andere Inhalte fehlen. Das verzögert den gesamten Prozess, und zwar aktiv beim Versicherer. Genau da setzen wir an: Wir geben dem Versicherer die Daten strukturiert und in standardisierter Datenqualität, sodass er Entscheidungen in Minuten statt in Monaten treffen kann, weil alle entscheidungsrelevanten Informationen vorliegen.
Wie hat sich die Idee von Vectoryx seit der Gründung verändert, was haben Sie unterwegs gelernt, das Sie zu Beginn nicht erwartet hätten?
Dass es im Kern kein reines Software-, sondern ein Übersetzungsproblem ist. In der Versicherungswelt haben wir sehr lange Sales-Zyklen. Gleichzeitig arbeiten Gutachter und Schadensanierer in weiten Teilen manuell. Es treffen also völlig verschiedene Wirtschaftszweige aufeinander: das Handwerk über den Schadensanierer, die Prüfung von Inhalten durch den Gutachter, der Versicherer mit seinen traditionell stark regulierten Prozessen und der Hausverwalter mit seiner stetig wachsenden Digitalisierung. Jeder dieser Beteiligten spricht seine eigene Sprache, und man muss sie alle an einen Tisch holen.
Ein gutes Beispiel ist das Handwerk: Es ist ausserordentlich schwierig zu digitalisieren, daran haben sich schon ganz andere versucht. Das scheitert meist weniger an der Technik als daran, dass beim Handwerker schlicht keine Notwendigkeit besteht. Genau dieses Problem haben wir adressiert und strukturiert gelöst, indem wir alle Beteiligten in einem Prozess zusammenführen, ohne weitere Hürden zu schaffen.
Vectoryx verbindet Versicherer, Immobilienverwalter und Sanierungspartner in einem System. Wo genau entstehen heute die grössten Informationsverluste zwischen diesen Parteien?
Im Grunde immer dort, wo ein Systemsprung stattfindet. Und diese Systemsprünge sind sehr vielfältig. Das Handwerk funktioniert anders, auch softwareseitig, als die Wohnungswirtschaft. Die Wohnungswirtschaft funktioniert anders als die Versicherungslandschaft. Überall dort, wo ein Systembruch liegt, entstehen genau diese Verluste und teils massiven Aufwände in der Zusammenführung. Das gilt aber ebenso an dem Punkt, an dem die Betroffenen einbezogen werden. Manche Betroffene sind hochdigital unterwegs, andere sind z.B. achtzig Jahre alt und möchten ausschliesslich telefonieren. Wir haben es also nicht nur mit systembedingten, sondern auch mit generationsbedingten Brüchen zu tun. Hier agieren wir dann in Teilen auch als Impact-Startup, da wir die Inklusion, soweit es uns möglich ist, aktiv fördern und alle Beteiligten möglichst nahtlos einbinden.
Sie setzen auf BiPRO- und GDV-Konformität in Deutschland und deren Entsprechungen in Österreich und der Schweiz als Grundlage. Wie wichtig ist regulatorische Anschlussfähigkeit für die Akzeptanz bei etablierten Versicherern und wo bremst sie Innovation eher aus?
Wir orientieren uns mit unseren Prozessen an BiPRO und am GDV-Standard, sind aber bewusst nicht vollständig darauf festgelegt. Wir schauen vielmehr, dass wir diese verschiedenen Standards tatsächlich in der Praxis platzieren. Dazu zählt auch FRIDA, die Initiative im Versicherungsbereich, die über eine Wallet genau diesen Informationsfluss über die verschiedenen Beteiligten zusammenführen will. Und da entsteht natürlich ein Reibungspunkt, denn es steht die Frage im Raum, welches grundsätzliche Interesse ein Versicherer an einer Standardisierung hat. Er macht sich dadurch möglicherweise sogar ein Stück weit austauschbar: Wenn alle Informationen auf derselben Systemlandschaft basieren, wird es schwieriger, die eigene Kompetenz zu zeigen. Das ist allerdings eher eine Zukunftsfrage.
Für uns ist im ersten Schritt tatsächlich egal, mit welchem System der Versicherer arbeitet, denn wir können uns an jede bestehende Systemlandschaft anbinden. Wir können über APIs direkt ins Versicherersystem gehen. Wir können aber auch Agenten nutzen, um die Systeme des Versicherers ohne zusätzliche Kosten und mit sehr geringem Implementierungsaufwand zu bedienen. Genau das machen wir gerne in Piloten: direkt ins System, Informationen liefern, ohne dass es vorab eine komplexe Systemintegration braucht.
Mit der ChatGPT-Integration gehen Sie einen ungewöhnlichen Weg für die Erstmeldung. Warum ein Konsumenten-Interface wie ChatGPT statt einer eigenen App oder eines eigenen Portals?
Wir bieten selbstverständlich auch an, dass Betroffene über einen Link direkt in unseren Schadenprozess einsteigen oder simpel per klassischer E-Mail informiert werden. Aber man muss die Realität sehen: Es gibt heute wahnsinnig viele Apps. Der Versicherer hat seine App, die Hausverwaltung hat ihre App, teilweise haben inzwischen auch die Handwerker eigene Apps. Für den Betroffenen im Schadenfall ist dann kaum nachvollziehbar, wo der Fall gerade hängt, wie es weitergeht und welche Informationen benötigt werden.
Wir könnten jetzt die nächste App auf den Markt bringen und sagen: Leute, meldet euch hier an, um den Fortschritt zu sehen. Das machen wir bewusst nicht. Stattdessen ist es charmant, in die Systeme zu gehen, in denen die Menschen ohnehin schon arbeiten. Die Nutzerzahlen von ChatGPT und vergleichbaren Systemen zeigen, dass diese Interfaces angekommen sind. Genau dafür ist die GPT-Integration da: dort, wo die Beteiligten sowieso arbeiten, den Schaden anlegen, Informationen nachsteuern und Statusupdates abrufen zu können. Und sie erlaubt uns noch etwas: Schäden können uns auch dann gemeldet werden, wenn noch gar kein Vertrag mit einem Versicherer, einer Hausverwaltung oder einem Makler besteht. Auf dieser Ebene steuern wir in alle Richtungen aus.
Wie stellen Sie sicher, dass eine dialogbasierte, KI-gestützte Schadenmeldung tatsächlich vollständige und belastbare Daten liefert, gerade bei komplexen Gebäudeschäden?
Indem wir alle Beteiligten an einen Tisch holen. Wir wissen sehr genau, welche Informationen die verschiedenen Versicherer benötigen, weil wir entsprechende Partnerschaften pflegen. Wir haben Datenbanken und Integrationen, etwa zur Prüfung von Angeboten und wir binden Gutachter ein. Dadurch können wir im Moment der Schadenmeldung direkt reagieren, und diese Reaktion ist der unmittelbare Einbezug von Schadensanierer, Gutachter, Makler und den weiteren Beteiligten. So stellen wir die Informationen bereits in der Schadenmeldung so zusammen, dass sie anschliessend unkompliziert und vollständig an den Versicherer übertragen werden kann.
Eine native Integration auf Basis des OpenAI Apps SDK ist in Vorbereitung. Was ändert sich dadurch gegenüber dem heutigen GPT-Store-Modell?
Die Freigabe dafür haben wir tatsächlich bereits erhalten, die Veröffentlichung steht sehr kurzfristig an. Der Unterschied ist, dass der Nutzer unsere Applikation direkt in seine täglichen Workflows einbauen kann. Er kann unsere Integration aus einem bestehenden Chat heraus aufrufen und die Schadenmeldung genau dort anstossen. Und er kann sie kontextbezogen nutzen: Wenn sich jemand ohnehin gerade mit ChatGPT z.B. über Mietminderung unterhält, über reguläre Durchlaufzeiten oder über Rückfragen zur Nebenkostenabrechnung, kann er auf seinen konkreten Schaden differenzieren und über unser SDK genau dazu Rückfragen stellen. Auch aus der Wohnungswirtschaft heraus wird es interessant, da hier viele der Applikationen über GPT-Schnittstellen arbeiten: Wenn der Objektbetreuer sich «morgen» also mit GPT über ein Objekt «unterhält», kann hier bereits der Absprung zu uns stattfinden, völlig ohne Systemsprung. Auch diese storebasierten Absprünge sind in Zukunft somit möglicherweise möglich.
Das Ganze ist in der finalen Veröffentlichung, und in den nächsten Monaten wird da noch einiges dazukommen.
Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus, wer bezahlt für Vectoryx und wie verändert sich diese Frage, wenn immer mehr Prozessschritte automatisiert ablaufen?
Bezahlt wird unser Modell unter anderem durch die Versicherer, denn sie haben den grössten Vorteil. Der Versicherer ist plötzlich in der Lage, Schäden innerhalb von Minuten, statt von Monaten zu regulieren. Wir bieten ihm auf dieser Ebene die Möglichkeit, pro Schadenfall rund tausend Euro an eigenen Personalressourcen einzusparen. Und, viel wichtiger, er steigert die Zufriedenheit seiner Versicherungsnehmer und macht sich dadurch am Markt einzigartig.
Eine automatisierte, strukturierte Bearbeitung und vor allem das Am-Ball-Bleiben beim Kunden, das proaktive Informieren, obliegt vollständig uns. Wir reagieren also nicht nur, wir informieren aktiv. Entscheidend ist: Wir liefern keine Software, die erst wieder von jemandem bespielt und gepflegt werden muss, wie das bei klassischen SaaS-Modellen der Fall war. Wir liefern eine Lösung. Und diese Lösung betrifft den Versicherer am stärksten, weil er den grössten Nutzen daraus zieht. Mit Blick auf die Zukunft verschlanken KI-Technologien die Prozesse natürlich weiter, und darauf setzen wir als AI-native, agentenbasiertes Unternehmen sehr stark. Dazu muss man aber auch sagen: Jeder einzelne Schadenfall kann so komplex sein und so viele Wege links, rechts oder durch die Mitte eröffnen, dass wir uns eher als Deep-Tech-Unternehmen verstehen, denn als klassisches InsurTech-Unternehmen.
Wo sehen Sie die grössten Widerstände bei Versicherern und Verwaltungen, wenn es um die Einführung einer plattformübergreifenden Schadeninfrastruktur geht?
Beim Versicherer liegt der Widerstand vor allem darin, dass er viele Prozesse, etwa die Aufnahme des Schadens, heute noch bei sich selbst sieht. Es braucht also ein Umdenken und die Öffnung für KI-native Lösungen, um die eigene Servicequalität zu steigern. Das ist ein historisch gewachsenes, traditionelles Thema der Branche: Versicherer sind grosse Unternehmen mit langen Entscheidungswegen, entsprechend lang sind die Zyklen. Es braucht schlicht Zeit, um dort hineinzukommen.
Wir haben allerdings sehr spannende Pilotprojekte in der Pipeline, über die dann auch entsprechende Volumina bearbeitet werden können. Bei den Verwaltungen sehen wir dagegen praktisch keine Widerstände, denn für den Hausverwalter ist unsere Leistung kostenfrei. Wir reduzieren seinen Aufwand pro Schadenfall im Mittel um rund zehn Stunden, verteilt über mehrere Monate. Unsere Hausverwaltungskunden bekommen von uns ein Dashboard, und wir haben Kunden, bei denen wir bereits hunderte Arbeitstage an Personal- und Systemressourcen eingespart haben, die anderweitig verwertet werden können.
Angebunden sind übrigens nicht nur klassische Fremdverwalter, sondern auch Bestandshalter und Kapitalanleger. Und da wir als White-Label-Lösung agieren, sieht niemand, dass wir im Hintergrund arbeiten. Wir steigern Servicequalität und Kundenzufriedenheit im Namen unserer Kunden. Entsprechend gibt es in der Wohnungswirtschaft keine negativ behafteten Befürchtungen gegenüber unserer Leistung.
Sie sind aktuell vor allem im DACH-Raum unterwegs. Wie skalierbar ist Ihr Modell über nationale Regulierungsgrenzen hinweg?
Wir sind bereits in den USA aktiv und haben dort eine eigene Niederlassung. Tatsächlich ist es so: Den «Schadenfall» haben wir in jedem Land dieser Welt. Es gibt stets einen Wohngebäudeversicherer, und es gibt am Ende jemanden, der den Schaden reparieren muss. Der Prozess, den wir hier aufbauen, ist damit in jedem Land reproduzierbar, sicher mit der einen oder anderen regulatorischen Anpassung, aber im Grundsatz ist er immer gleich. Das funktioniert in Deutschland, in Frankreich, in UK, in den USA und ebenso in asiatischen Märkten. Entsprechend planen wir aktuell eine sehr starke Skalierung in weitere Länder.
Wie viel Entscheidungsspielraum überlassen Sie der KI im Schadenprozess und wo ziehen Sie bewusst eine Grenze zur menschlichen Prüfung?
Wir treffen in der Regel zunächst keine Regulierungsentscheidung. Wenn ein Schaden unsere Qualitätspipeline durchlaufen hat, und dazu gehört unter anderem der Abgleich zwischen Ursache, Versicherungspolice und Versicherungsbedingungen, wissen wir zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, ob der Schaden versichert ist oder nicht. Regulieren tun wir an dieser Stelle aber nicht, die Entscheidung bleibt beim Versicherer.
Mit einzelnen Versicherern arbeiten wir allerdings so weit zusammen, dass wir Regulierungsfreigaben erhalten: Wenn Schäden unseren Qualitätsmerkmalen entsprechen, können wir Frequenzschäden bis zu einer definierten Freigabegrenze von vornherein so freigeben, dass beim Versicherer im Nachgang gar kein Aufwand mehr entsteht. Damit fangen wir Frequenzschäden ab, die teilweise bis zu sechzig Prozent der Gesamtschäden ausmachen.
Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang die Nullschadenmeldung. Zu Beginn eines Schadens weiss niemand, ob dieser überhaupt versichert ist, das stellt sich erst im Verlauf und nach Ursachenanalyse heraus. Entsprechend bearbeiten wir sehr viele Schäden, die am Ende nicht versichert sind. Damit lösen wir die Dunkelziffer auf, die heute bei den Versicherern besteht: Schäden, die nicht versichert sind, Schäden unterhalb des Selbstbehalts, die nie gemeldet werden, oder Schäden, bei denen ein Makler oder Verwalter aktiv entscheidet, sie nicht zu melden, um die eigene Schadenquote nicht zu erhöhen. Der Schaden wird faktisch geschluckt. Die Folge ist, dass Underwriting und Risikokalkulation eigentlich gar nicht sauber möglich sind.
Genau das lösen wir auf, weil wir am Objekt angesiedelt sind. Uns ist egal, ob es in der Vergangenheit (oder in der Zukunft) einen Versichererwechsel, einen Maklerwechsel, einen Verwalterwechsel, oder einen Eigentümer- oder Mieterwechsel gab, denn wir sitzen immer auf dem Objekt. Dadurch können wir historische Stammdaten und historische Risikodaten liefern, was bislang schlicht niemand konnte, und den Blindspot im Underwriting auflösen.
Schlussendich haben aber auch wir Mitarbeiter, welche sich beim komplexeren Sachverhalten aktiv in den Prozess einschalten und Fragen klären oder Entscheidungen treffen.
Welche Rolle spielt Vertrauen bei Versicherten wie bei Versicherern, wenn ein KI-System zur zentralen Schnittstelle für Schadenfälle wird?
Man muss sehen, dass wir in der Regel zunächst nur steuern. Die eigentlichen Entscheidungen treffen die verschiedenen Instanzen. Entscheidend ist, dass wir die Menschen über den gesamten Prozess hinweg am Ball halten. Denn es geht ja meistens nicht darum, dass jemand zwingend mit einem Menschen sprechen möchte. Wenn ein Betroffener beim Versicherer, beim Sanierer oder beim Verwalter anruft, will er in aller Regel eine Information, weil sein Informationsbedürfnis nicht erfüllt ist. Genau das steuern wir von vornherein aus, indem wir Betroffene und jeden anderen Stakeholder so informiert halten, dass zu jedem Zeitpunkt klar ist, wann was passiert. Der grosse Vorteil ist, dass es in diesen Prozessen keine Blindspots mehr gibt. Und weil diese Blindspots fehlen, ist das Vertrauen deutlich höher als in der klassischen Schadenbearbeitung, in die viele Personalressourcen fliessen müssen, die naturgemäss anfällig sind für Urlaub, Krankheit und Personalengpässe. Wir steuern als sehr zuverlässiger Partner.
Wo steht Vectoryx in drei Jahren? Bleibt es ein Werkzeug für Schadenmanagement, oder wird daraus etwas Grösseres, etwa eine Dateninfrastruktur für die gesamte Immobilien- und Versicherungswirtschaft?
Wir sehen uns künftig als zentrale Datenschnittstelle für Versicherungsschäden in der Wohnungswirtschaft. Unsere Kernmaschinerie wird immer das Schadenmanagement bleiben, also das KI-native und agentenbasierte Schadenmanagement. Daneben gibt es aber natürlich Möglichkeiten, das Produkt weiterzuentwickeln. Wir verfügen über sehr viele Risikodaten und können, wie beschrieben, belastbare Risikoindexdaten liefern. Wir haben zudem enorm viele Daten zu Wiederherstellungsangeboten, zu Preisen und Preisentwicklungen. Damit können wir sowohl die Versicherungs- als auch die Immobilienwirtschaft umfassend dazu beraten, wie sich Risiken etwa durch Instandhaltungsmassnahmen mindern lassen. Und diese Risikominderung lässt sich in den Versicherungsprämien einpreisen. Fehlen dem Versicherer Risikoinformationen, können wir genau diese liefern.
Ein wichtiger Punkt kommt hinzu: Die Wohngebäudeversicherung ist für viele Versicherer derzeit ausgesprochen unattraktiv. Man sieht das daran, dass sich viele aus dem Markt zurückziehen, in den einzelnen Ländern gibt es eigentlich nur noch eine Handvoll wirklich relevanter Wohngebäudeversicherer. Das liegt daran, dass Schäden immer teurer und die Bearbeitung immer länger wird. In Amerika liegen die Durchlaufzeiten bis zur Rückmeldung durch die Versicherung im Mittel bei über 55 Tagen, mit stark steigender Tendenz. Auch in Deutschland wird das seit Längerem stark moniert. Wir sind mit unserer Leistung in der Lage, die Gebäudeversicherung wieder auf einen Stand zu bringen, der für den Versicherer attraktiv ist und dem Immobilienbesitzer als Versicherungsnehmer die Sicherheit gibt, dass sein Gebäude realistisch versichert ist und für diesen u.a. auch die Haftung selbst zu reduzieren.
Wenn Sie einer Person, die morgen einen Wasserschaden in ihrer Wohnung meldet, nur einen einzigen Rat geben könnten, welcher wäre das?
Haben Sie Verständnis für die klassischen Durchlaufzeiten der verschiedenen Beteiligten. Diese arbeiten meist zwar bereits zusammen, aber eben nicht auf einem zeitlichen Standard, welcher in der heutigen Zeit meist vorausgesetzt wird.
Gleichzeitig muss man heute ehrlich darauf hinweisen, dass die Durchlaufzeiten beim Versicherer sehr lang sind. Dafür kann weder der Verwalter etwas, noch sind die Beteiligten im Handwerk schuld – das sind Durchlaufzeiten, die die gesamte Branche treffen und teils auch darin begründet liegen, dass der Gesetzgeber Anforderungen stellt, welche in ihrem Umfang meist schwer zu überblicken sind.
Wir versuchen hier aufzuklären: Diese Zeiten existieren am Markt und sie belasten die Betroffenen. Aber die Zeiten ändern sich, und es gibt z.B. durch uns durchaus Möglichkeiten, Schäden qualitativ und deutlich schneller zu bearbeiten.
Wie gehen Sie mit Datenschutz um, wenn ein KI-System Schadendaten über mehrere Parteien hinweg zusammenführt?
Wir orientieren uns selbstverständlich an den geltenden Datenschutzstandards und erbringen unsere Leistung durchgehend im Rahmen der Auftragsdatenverarbeitung. Das heisst: Der Betroffene wie auch alle anderen Stakeholder sind so angebunden, dass die jeweilige Partei, genau die Daten von uns erhält, welche ausschliesslich zur Erfüllung des berechtigten Interesses der Beteiligten benötigt werden. Unser Ansatz ist, Daten nur so weit zu speichern, wie es tatsächlich notwendig ist, und sie in einzelnen Prozessschritten gegebenenfalls sogar zu anonymisieren. Wir halten diese Standards ausdrücklich für sinnvoll. Auch hier liefern wir dem Versicherer beispielsweise einen weiteren großen Entlastungsvorteil: Wir filtern Daten im Rahmen der Meldung bereits so vor, dass diese datenschutztechnisch unkritisch sind. Spannend wird es im Detail, denn zwischen z.B. dem deutschen und dem amerikanischen Markt gibt es durchaus erhebliche Unterschiede, dies ist aber ein anderes Thema.
Die Fragen hat Binci Heeb gestellt.
Alexander Stade ist Gründer und CEO von Vectoryx. Bevor er das Unternehmen 2025 gründete, baute er über mehrere Jahre eine eigene Hausverwaltung in der WEG- und Mietverwaltung auf. Die dort erlebten Reibungsverluste im Schadenmanagement wurden zum Ausgangspunkt für Vectoryx.
Mit Vectoryx entwickelt er heute eine KI-native Infrastruktur, die Versicherer, Immobilienverwalter, Versicherungsmakler und Sanierungspartner in einem Prozess zusammenführt. Das Unternehmen ist in Hamburg und New York ansässig; 2026 wurde Stade mit Vectoryx für das Founders Program des Global Insurance Accelerator in Des Moines ausgewählt.
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