KI beschleunigt die Forschung, Gentherapien versprechen Heilung mit einer einzigen Behandlung. Doch laut dem neuen Zurich-Report «Beyond 2030: The Future of Life Sciences» entscheiden über den Erfolg der Branche künftig weniger die Labore als die Systeme dahinter: Lieferketten, Daten, Finanzierung und Haftung.
Penny Seach, Chief Underwriting Officer International bei Zurich, fasst es im Vorwort knapp zusammen: «Breakthroughs are accelerating. Delivery is not» (Die Durchbrüche kommen immer schneller. Ihre Umsetzung nicht). Der Report stützt sich auf über 80 Fachleute. Ganz oben auf ihrer Risikoliste stehen KI und digitaler Missbrauch sowie die Auswirkungen neuer Technologien, vor Makroökonomie, Handel und Gesundheitsbedrohungen. Ausgerechnet die Technologien, welche die Forschung beschleunigen, bereiten also die grössten Sorgen, weil sie neue Abhängigkeiten von Daten, Cloud und wenigen Anbietern schaffen.
Kalter Krieg um die Medizin
Die Ära der globalen Kostenoptimierung geht zu Ende. Produktion, Studien, Gesundheitsdaten und Rechenleistung werden zu Fragen der nationalen Sicherheit. Lizenzdeals mit chinesischen Biotechfirmen erreichten 2025 einen Rekord von 135,7 Mrd. USD, die USA erheben Zölle von bis zu 100 Prozent auf bestimmte Arzneimittelimporte, die EU antwortet mit dem Critical Medicines Act. Für den Pharmastandort Basel ist das keine abstrakte Geopolitik. Pointiert ist die Beobachtung zu den Verwaltungsräten: Wer nie einen einzigen Rohstofflieferanten akzeptieren würde, verlässt sich bedenkenlos auf eine einzige Cloud oder einen einzigen KI-Anbieter.
Das Gesundheitswesen im Visier
In den USA war das Gesundheitswesen 2025 der meistangegriffene Sektor kritischer Infrastruktur, mit 460 Ransomware-Attacken. Mehr als die Hälfte der vernetzten Medizingeräte hat mindestens eine bekannte kritische Schwachstelle. Forschungsdaten und KI-Modelle werden selbst zur Beute, und was heute verschlüsselt gestohlen wird, könnte morgen ein Quantencomputer knacken.
Die KI entwirft in Tagen, der Patient wartet zehn Jahre
Ein Wirkstoffkandidat ist heute schnell gefunden. Bis zum Patienten dauert es trotzdem rund ein Jahrzehnt und oft über eine Milliarde Dollar; weniger als zehn von hundert Medikamenten in klinischen Studien werden zugelassen. Der Engpass liegt nicht mehr in der Entdeckung, sondern im Beweis. Das Kapital reagiert: Präklinische Programme sanken um 14 Prozent, späte Phasen wuchsen.
Wer haftet um zwei Uhr morgens?
Eine Smartwatch meldet nachts einen unregelmässigen Herzrhythmus, eine App gibt Entwarnung, kein Arzt ist beteiligt. Geht etwas schief, tragen Hersteller, Softwareentwickler, Gesundheitssystem und Patient gemeinsam Verantwortung, aber wer genau? Die FDA führte Ende 2025 über 1’450 KI-gestützte Medizinprodukte. Produkt-, Berufs- und Cyberrisiken verschmelzen zunehmend im selben Schadenfall.
Einmal geheilt, jahrzehntelang haftbar
Gentherapien kosten Millionen, wirken aber über Jahrzehnte. Der Zahler bezahlt im ersten Jahr, die Einsparungen fallen über 20 oder 30 Jahre an. Ergebnisabhängige Verträge schaffen Verpflichtungen, die das Produkt überdauern. Und mit der revidierten EU-Produkthaftungsrichtlinie gelten Software und KI erstmals ausdrücklich als Produkte.
Was das für Versicherer und Broker bedeutet
Zurich rät, nicht das Produkt, sondern das Versprechen zu bepreisen. Was geschieht, wenn eine Therapie die zehnfache Patientenzahl erreicht? Greift dann die Produkthaftpflicht, die Berufshaftpflicht, Cyber oder Tech-E&O? Für Broker öffnet sich ein Beratungsfeld weit über die klassische Life-Sciences-Police hinaus: Lieferketten, Cloud-Abhängigkeiten und Ergebnisverträge verstehen und die Deckungslücken finden, bevor es ein Gericht tut.
Versicherbarkeit, so der Report, werde zum Signal der Reife. Aus dem Mund eines Versicherers wenig überraschend, falsch ist es deshalb nicht. Die Wissenschaft liefert. Ob der Durchbruch beim Patienten ankommt, entscheiden Menschen.
Der vollständige Report finden Sie hier.