Kapazität ist da, die Prämien sinken teilweise – und trotzdem wird die Welt der Versicherer nicht einfacher. Die 19. Folge des LBC Insurance Radar von Marco La Bella spannt den Bogen von der Strasse von Hormuz über den Hagelsturm vom August bis zur Einbruchssaison. Die gemeinsame Botschaft: Wer seine Risiken kennt, verhandelt besser.
Zum Auftakt widmet sich die Folge dem aktuellen Aon-Trendbarometer. Der Schweizer Versicherungsmarkt verfügt in vielen Sparten über ausreichend Kapital, der Wettbewerb ist intensiv. Unternehmen mit gutem Risikoprofil können davon profitieren, etwa bei D&O- oder Kreditversicherungen, wo attraktive Konditionen möglich sind. Bei Haftpflicht, Motorfahrzeugen und Krankentaggeld bleibt die Lage dagegen angespannt, Letzteres belastet durch steigende krankheitsbedingte Absenzen und hohe Leistungskosten. Kapazität gibt es also, sie wird aber selektiver vergeben. Wer Risikomanagement, Schadenhistorie und Prävention nachvollziehbar dokumentieren kann, sitzt am längeren Hebel.
Wenn die Police an der Meerenge endet
Wie schnell Geopolitik die Versicherbarkeit verschiebt, zeigt die Lage rund um die Strasse von Hormuz. Kriegsrisikodeckungen für Schiffe sind weiterhin erhältlich, allerdings zu Prämien, die in besonders exponierten Fällen bis zu zehn Prozent des Schiffswerts pro Reise erreichen können. Eine Versicherung kann Schäden durch Angriffe abfedern, aber sie liefert weder das Öl noch gleicht sie Preissteigerungen aus. Auch die klassische Betriebsunterbrechungsversicherung hilft bei blockierten Handelsrouten oft nicht weiter, wenn kein versicherter Sachschaden vorliegt. Alternative Lieferketten und vorausschauende Vertragsgestaltung werden damit zur eigentlichen Absicherung.
Ein Nachmittag, 1,7 Milliarden Franken
Swiss Re warnt vor den wachsenden finanziellen Folgen von Hagel, Sturm, Hitze und Waldbränden. Wie konkret diese Warnung ist, hat die Schweiz am 28. August 2026 erlebt: Die versicherten Schäden des Unwetters werden auf über 1,7 Milliarden Franken geschätzt, rund 800 Millionen davon allein bei Motorfahrzeugen. Das Problem ist die Gleichzeitigkeit, ein einziges Ereignis trifft Tausende Gebäude, Fahrzeuge und Betriebe auf einmal. Hinzu kommen Trockenheit und Waldbrände, die Transport, Produktion und Energieversorgung unterbrechen. Gebäudeschutz, robuste Lieferketten und realistische Versicherungssummen rücken damit ins Zentrum.
Die Lücke, von der niemand wusste
Im Cyberteil geht es um zwei kritische Sicherheitslücken in PHP, einer Technologie, die hinter unzähligen Websites, Onlineshops und Kundenportalen steckt. Unter bestimmten Bedingungen lässt sich damit aus der Ferne Schadcode auf Servern ausführen. Das Bundesamt für Cybersicherheit ruft zu raschen Updates auf. Brisant ist weniger die Lücke selbst als die Tatsache, dass viele Unternehmen gar nicht wissen, welche Software ihre IT-Dienstleister im Hintergrund einsetzen. Für Cyberversicherer ist zeitnahes Patchen längst ein Kriterium. Für Unternehmen heisst das: Überblick über die eigenen Systeme, klare Zuständigkeiten, ein Notfallplan, der mehr ist als ein PDF im Ordner.
Innovation aus dem Swiss InsurTech Hub
Vier Unternehmen aus dem Umfeld des Swiss InsurTech Hub zeigen, wohin die Reise geht. Microrep setzt mit «Repair First» darauf, beschädigte Brillen zu reparieren statt zu ersetzen. Previsia digitalisiert die Risikoprävention in der Industrie- und Gewerbeversicherung. Go Healthy will per App gesünderes Verhalten fördern und Stress sowie Schlafprobleme reduzieren. Insaio entwickelt KI-gestützte Sprachassistenten, die Beratenden Administration, Terminvereinbarung und Kundenanfragen abnehmen. Der gemeinsame Nenner: Technologie soll Risiken früher sichtbar machen und Fachleuten Zeit für die anspruchsvolle Beratung zurückgeben.
Suva: Kontrolle zahlt sich aus, die Kosten steigen trotzdem
Die Suva hat 2025 rund 2,9 Millionen Rechnungen medizinischer Leistungserbringer geprüft und knapp 300’000 davon beanstandet. Damit wurden ungerechtfertigte Ausgaben von 123 Millionen Franken verhindert, ohne diese Kontrollen lägen die Prämien laut Suva rund drei Prozent höher. Rund 75 Prozent der Prüfungen laufen inzwischen automatisiert. Gestiegen sind die Heilkosten dennoch: 2025 zahlte die Suva rund 1,34 Milliarden Franken für Behandlungen nach Unfällen. Ein schönes Beispiel dafür, dass Maschine und menschliche Fachkontrolle zusammen mehr erreichen als jede für sich – und dass auch das den Trend nur bremst, nicht umkehrt.
Mehr Freiheit in der Vorsorge, mehr Risiko auch
Eine Swiss-Re-Studie zeigt, dass die Verantwortung für die Altersvorsorge zunehmend bei den Versicherten selbst liegt. Wer Kapital statt Rente bezieht, trägt das Risiko, dass das Geld bei langer Lebensdauer nicht reicht oder durch Inflation an Kaufkraft verliert. Für Lebensversicherer und Beratende entstehen daraus neue Aufgaben. Digitale Tools und KI können die Analyse unterstützen, bei Entscheidungen über Jahrzehnte bleibt das persönliche Gespräch aber unersetzlich.
Wenn es früh dunkel wird
Zum Schluss ein saisonaler Klassiker. Laut AXA stiegen die Einbruchdiebstähle pro versichertem Haushalt 2025 um rund vier Prozent, zwischen Oktober und März registriert die Versicherung etwa 45 Prozent mehr Fälle als im Sommerhalbjahr. AXA zahlte 2025 über 22 Millionen Franken aus, der Durchschnittsschaden lag erstmals über 7000 Franken. Gesicherte Türen und Fenster, Licht und aufmerksame Nachbarn helfen, ebenso ein kritischer Blick auf die Hausratversicherung, gerade bei Schmuck, Uhren oder Kunst.
Die Einordnung
In seinem Fazit bringt Marco La Bella die Themen auf einen Nenner: Versicherbarkeit ist mehr als eine Sammlung von Policen. Ein Cyberangriff, ein Lieferkettenunterbruch oder ein Unwetter trifft selten nur einen Geschäftsbereich. Unternehmen müssen ihre kritischen Prozesse und Abhängigkeiten kennen, um Deckungslücken rechtzeitig zu erkennen. Für Broker verschiebt sich die Rolle damit vom Produktvermittler zum Risikoanalysten. Technologie hilft dabei, das Urteil ersetzt sie nicht.
Binci Heeb
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