Ein Jahr Praxis statt 3 Jahre Lehre: Wie Brokerbüros mit KV-Praktikanten Admin entlasten

Viele Brokerinnen und Broker sind fachlich stark und trotzdem im Alltag zu oft mit Ablage, Datenpflege und Standardkorrespondenz blockiert. Mario Trusgnach von der Fachhochschule für Wirtschaft & Informatik Winterthur (FSWI) […]


Ein Jahr Praxis statt drei Jahre Lehre: Mario Trugsnach, Dozent und Praktikumsverantwortlicher FSWI will Brokerbüros mit KV Praktikanten entlasten.

Ein Jahr Praxis statt drei Jahre Lehre: Mario Trusgnach, Dozent und Praktikumsverantwortlicher FSWI will Brokerbüros mit KV Praktikanten entlasten.

Ein Jahr Praxis statt drei Jahre Lehre: Mario Trusgnach, Dozent und Praktikumsverantwortlicher FSWI will Brokerbüros mit KV Praktikanten entlasten.

Viele Brokerinnen und Broker sind fachlich stark und trotzdem im Alltag zu oft mit Ablage, Datenpflege und Standardkorrespondenz blockiert. Mario Trusgnach von der Fachhochschule für Wirtschaft & Informatik Winterthur (FSWI) erklärt im Interview, wie ein einjähriges KV-Praktikumsmodell diese Engpässe entschärfen soll: mit vorbereiteten Lernenden, klaren Kompetenzprofilen und planbarer Vollzeit-Kapazität für kleinere und mittlere Brokerbetriebe.

Administrative Last, steigende Regulierungs- und Dokumentationspflichten sowie fehlende Ressourcen für eine klassische KV-Lehre: Gerade in Brokerunternehmen mit 5 bis 50 Mitarbeitenden verdichten sich die Herausforderungen. Gleichzeitig wächst der Druck, Nachwuchs aufzubauen, ohne den Betrieb mit Ausbildungsaufwand zu überfordern.

Mario Trusgnach, Dozent und Praktikumsverantwortlicher an der Fachschule für Wirtschaft und Informatik (FSWI) in Winterthur, hat dafür ein Modell entwickelt, das schulische Grundlagen konsequent vorzieht und den Praxisteil als einjähriges Vollzeit-Praktikum in den Betrieb verlagert. Im Gespräch zeigt er, welche Aufgaben Praktikantinnen und Praktikanten realistisch übernehmen können, wo zwingend Fachpersonen gefragt bleiben und welche Voraussetzungen nötig sind, damit Betriebe bereits nach wenigen Wochen spürbar entlastet werden.

Herr Trusgnach, welches konkrete Problem in Brokerunternehmen hat Sie dazu gebracht, dieses Praktikumsmodell zu entwickeln?

In vielen Brokerunternehmen erlebe ich dasselbe Spannungsfeld: Die Kundenberaterinnen und Kundenberater sind fachlich top ausgebildet, verbringen aber einen grossen Teil ihres Tages mit administrativen Aufgaben wie Offertunterlagen nachführen, Policen ablegen, Kundendaten bereinigen, Schadenkorrespondenz sortieren, Termine koordinieren. Das sind alles wichtige Tätigkeiten, aber keine originäre Brokerarbeit im Sinn von Beratung, Bedarfsermittlung oder Verhandlung mit den Versicherern.

Gleichzeitig höre ich von vielen Inhabern kleiner und mittlerer Brokerbetriebe: «Wir würden gerne Nachwuchs aufbauen, aber wir haben schlicht nicht die Kapazität für ein klassisches, dreijähriges Lehrverhältnis.» Die Anforderungen an einen Lehrbetrieb, die lange Bindung, die schulische Begleitung, das alles schreckt ab, gerade bei 5–20 Mitarbeitenden.

Genau dieses Problem wollen wir mit dem KV-Praktikumsmodell adressieren: Wir bringen vorbereitete Lernende ins Haus, die für ein Jahr Vollzeit im Betrieb mitarbeiten, administrativ entlasten und gleichzeitig gezielt an die Brokerwelt herangeführt werden, ohne dass der Brokerbetrieb gleich die volle Last einer kompletten Lehre tragen muss.

Worin unterscheidet sich Ihr KV-Praktikum grundsätzlich von einer klassischen KV-Lehre oder einem WMS-Praktikum?

Unser KV-Praktikum ist weder ein «verkürzter Lehrvertrag» noch ein typisches WMS-Praktikum, sondern eine klare Zwischenform:

Vollzeitschule zu Beginn:
Die Lernenden absolvieren zuerst rund drei Semester Vollzeitschule an der FSWI. In dieser Zeit erwerben sie kaufmännische Grundlagen (Wirtschaft, Informatik, Sprachen) und arbeiten praxisnah in Projekten, Rollenspielen und Fallstudien.

Zusätzliches Praxistraining (ab 2026):
Mit dem neuen Modul trainieren wir 11 sehr konkrete KV-Kompetenzen, u.a. Telefonie, Korrespondenz, Terminplanung, Dokumentenmanagement, Datenerfassung, Empfang, Protokollführung und einfache Finanzaufgaben. Bevor die Lernenden in den Betrieb kommen, haben sie diese Tätigkeiten bereits unter Praxisbedingungen geübt. Zusätzlich trainieren wir je nach Interesse der Lernenden spezifische Branchenkenntnisse wie z.B. im Bereich Versicherung und Broking Inhalte in Anlehnung an den VBV-Mindeststandard.

Einjähriges Vollzeit-Praktikum:
Anders als in der betrieblichen Lehre fehlen während des Praktikumsjahres die regelmässigen Schultage. Die Lernenden stehen den Betrieben während zwölf Monaten an fünf Tagen pro Woche zur Verfügung. Für Brokerbetriebe bedeutet das: volle planbare Kapazität und deutlich weniger Koordinationsaufwand mit der Schule. Und die Lernenden können sich ganz auf den Betrieb konzentrieren

Prüfungsvorbereitung an der Schule:
Nach dem Praktikum kehren die Lernenden für ein Semester an die FSWI zurück und bereiten sich konzentriert auf das Qualifikationsverfahren vor. Der Betrieb muss also keine Prüfungsvorbereitung übernehmen.

Im Vergleich zur klassischen KV-Lehre ist der schulische Teil stärker vorgezogen.

Sind die Lernenden aus Ihrer Sicht primär in Ausbildung oder bereits produktive Mitarbeitende auf Zeit?

Beides und genau in dieser Kombination liegt der Mehrwert.

Einerseits sind sie klar Lernende:

  • Es gibt definierte Lernziele, einen Ausbildungsplan und regelmässige Qualifizierungen.
  • Sie sollen Neues ausprobieren, Verantwortung schrittweise übernehmen und sich fachlich wie persönlich entwickeln.

Andererseits sind sie produktive Mitarbeitende auf Zeit:

  • Durch die intensive schulische Vorbereitung und das Praxistraining beherrschen sie zentrale Büro- und Administrationsaufgaben und haben bereits branchenspezifisches Know-how bereits bei Praktikumsstart.
  • Sie können von Beginn weg Dossiers pflegen, Termine koordinieren, Dokumente ablegen, Standardkorrespondenz bearbeiten und so Fachpersonen entlasten.

Wer sie nur als «Schülerinnen und Schüler» sieht, unterschätzt ihr Potenzial. Wer sie als «günstige Sachbearbeiter» einplant, überschätzt ihre Rolle. Richtig verstanden sind sie Nachwuchskräfte, die im Alltag und immer mit klarer fachlicher Begrenzung, einen spürbaren Beitrag leisten.

Welche Aufgaben können die Praktikantinnen und Praktikanten nach Start realistisch selbstständig übernehmen?

Gerade in Brokerunternehmen gibt es viele wiederkehrende Tätigkeiten, die sich gut standardisieren und übertragen lassen. Nach einer strukturierten Einführung können Praktikantinnen und Praktikanten typischerweise recht schnell selbstständig übernehmen:

  • Dokumenten- und Dossiermanagement:
    • Posteingang öffnen, scannen, klassifizieren und korrekt zuordnen (Policen, Offerten, AVB, Schadenkorrespondenz).
    • Digitale Ablage und Nachführung von Kunden- und Vertragsdossiers gemäss internen Vorgaben.
    • Systematisches Archivieren von physischen Unterlagen.
    • Versand von Prämienrechnungen und Deklarationen
  • Datenpflege und einfache Auswertungen:
    • Erfassen und Aktualisieren von Stammdaten im CRM oder Brokermanagement-System.
    • Mutationen nachführen (Adressänderungen, Ansprechpartner, Vertragsdaten).
    • Erstellen einfacher Übersichten und Listen mit Tabellenkalkulationen (z.B. Policenübersichten, Ablaufkontrollen, Schadenübersichten).
  • Kommunikation und Korrespondenz:
    • Standardisierte E-Mails und Briefe nach Vorlagen (Terminbestätigungen, Versand von Unterlagen, Zahlungserinnerungen ohne fachliche Beratung).
    • Telefonanrufe entgegennehmen, richtig zuordnen, Gesprächsnotizen erfassen und weiterleiten.
    • Protokolle bei internen Sitzungen erstellen und Beschlüsse dokumentieren.
  • Organisation und Support:
    • Planung und Koordination von Terminen für Kundenmeetings, Jahresgespräche oder interne Besprechungen.
    • Vorbereitung von Unterlagen für Kundentermine (Dossiers, Präsentationen, Vergleichstabellen).
    • Unterstützung bei kleineren Projekten, z.B. Versand von Kundeninformationen oder Pflege von Adressverteilern.

Diese Aufgaben decken sich weitgehend mit den 11 Praxiskompetenzen, die wir an der Schule gezielt trainieren. Die Lernenden kommen also mit praktischer Routine in genau diesen Bereichen.

Wo müssen Broker ausdrücklich weiterhin Fachpersonen einsetzen?

Überall dort, wo es um Beratung, Haftung und komplexe fachliche Entscheide geht, bleiben qualifizierte Brokerinnen und Broker zwingend. Praktikanten können diese Prozesse administrativ unterstützen und Unterlagen vorbereiten, Daten erfassen, Protokolle führen, aber sie ersetzen die fachliche Verantwortung nicht.

Wie lange dauert es erfahrungsgemäss, bis ein Betrieb im Alltag tatsächlich eine Entlastung spürt?

Unsere Erfahrungen aus anderen kaufmännischen Praktika und die Rückmeldungen aus der Praxis zeigen ein typisches Muster, das sich gut auf Brokerbetriebe übertragen lässt:

  • Woche 1–4: Onboarding und Orientierung
    • Kennenlernen von Systemen, Produkten, Abläufen und Team.
    • In dieser Zeit investiert der Betrieb spürbar Zeit in Einführung, Begleitung und Kontrolle.
  • Woche 5–8: Übernahme erster Routinetätigkeiten
    • Die Lernenden übernehmen selbstständig klar definierte Standardaufgaben (Post, Ablage, Terminkoordination, einfache Datenpflege, Standardkorrespondenz).
    • Ab diesem Zeitpunkt berichten viele Betriebe von einer ersten spürbaren Entlastung.
  • Monat 3–6: Stabilisierung und Ausbau
    • Die Lernenden arbeiten in ihren Bereichen weitgehend eigenständig und benötigen nur noch punktuelle Unterstützung.
    • Es können zusätzliche Aufgaben übernommen werden, z.B. Mitwirkung an einfachen Schaden- oder Offertprozessen auf administrativer Ebene.
  • Monat 7–12: Hohe Eigenständigkeit im definierten Rahmen
    • Innerhalb der klar abgesteckten Aufgabenfelder laufen die Praktikanten praktisch «selbst».
    • Die Fachpersonen können ihre Zeit stärker auf Beratung, Kundenkontakt und Verhandlungen fokussieren.

Entscheidend sind ein strukturierter Einarbeitungsplan, klar definierte Aufgaben und eine erreichbare Praxisverantwortliche Person, dann kommt die Entlastung erfahrungsgemäss relativ schnell.

Sie orientieren sich am VBV-Mindeststandard: Welche konkreten Kompetenzen bringt ein Lernender dadurch am ersten Arbeitstag mit?

Die Ausrichtung am VBV-Mindeststandard stellt sicher, dass die Lernenden grundlegende fachliche und methodische Kompetenzen für das Versicherungsumfeld mitbringen. Konkret heisst das am ersten Arbeitstag:

  • Branchenverständnis auf Einstiegsniveau:
    • Kenntnis grundlegender Begriffe und Prinzipien in der Versicherungswelt.
    • Verständnis für die Rollen von Versicherern, Brokern und Kundinnen/Kunden.
    • Sensibilisierung für Beratungs- und Dokumentationspflichten sowie Datenschutz.
  • Sichere Basis in Kommunikation und Korrespondenz:
    • Entgegennahme von Telefonanrufen, strukturierte Gesprächsnotizen, professionelles Weiterleiten.
    • Erstellen von E-Mails und Briefen in geschäftsgerechter Sprache.
    • Sorgfältige Aktualisierung von Kontaktdaten im System.
  • Geübter Umgang mit Büroorganisation und Dokumenten:
    • Ordnung am Arbeitsplatz, strukturierte Ablage von physischen und digitalen Unterlagen.
    • Systematisches Archivieren von Dokumenten nach Vorgaben.
    • Bewusstsein für Datenschutzbestimmungen und deren Einhaltung.
  • Kompetenz im Umgang mit Daten und Auswertungen:
    • Arbeiten mit Tabellenkalkulationen und einfachen Datenbanken.
    • Erfassen, Anpassen und Kontrollieren von Daten.
    • Erstellung einfacher Berichte mit Zahlen, Daten und Fakten.
  • Zusätzliche Praxisfähigkeiten aus dem Praxistraining (11 Kompetenzen):
    • Von Terminplanung über Protokollführung, Gäste- und Kundenbetreuung bis Empfang und Telefonzentrale.

Für Brokerunternehmen bedeutet das: Die Lernenden kennen die Grundlogik der Branche und sind gleichzeitig sehr konkret auf typische Büro- und Administrationsaufgaben vorbereitet.

Wie viel Betreuungsaufwand pro Woche müssen kleinere Brokerbetriebe realistisch einplanen?

Gerade kleinere Brokerunternehmen müssen den Betreuungsaufwand genau abwägen. Realistisch ist folgende Grössenordnung:

In den ersten 1–2 Monaten:

  • Rund 2–3 Stunden pro Woche für geplante Einarbeitung:
    • Erklären von Prozessen (z.B. Dossierführung, Offert-Workflow, Schadenablauf).
    • Gemeinsames Durchgehen von Beispielen und ersten Aufgaben.
    • Klärung von Fragen und Rückmeldungen zu erledigten Arbeiten.
  • Zusätzlich fallen im Alltag kurze Rückfragen an, die sich mit wachsender Routine reduzieren.

Ab dem 3. Monat:

  • Ca. 1–1,5 Stunden pro Woche für:
    • Wochenplanung und Prioritätensetzung.
    • Feedback- und Entwicklungsgespräche.
    • Einführung in neue Aufgabenbereiche oder zusätzliche Verantwortlichkeiten.

Wichtig ist: Der Betrieb muss nicht die Rolle der Berufsschule übernehmen. Allgemeine kaufmännische Grundlagen, Office-Anwendung, Korrespondenzregeln und viele Standardprozesse werden vorab an der FSWI trainiert. Im Betrieb geht es primär um die Übertragung auf die spezifischen Abläufe und Systeme eines Brokerunternehmen.

Für welche Betriebsgrössen funktioniert dieses Modell besonders gut und für welche eher nicht?

Das Modell ist grundsätzlich so gestaltet, dass es für eine breite Palette von Brokerunternehmen interessant ist. Trotzdem gibt es klare Idealprofile:

Besonders gut geeignet für:

  • Kleine und mittlere Broker (ca. 5–50 Mitarbeitende):
    • Hier ist die administrative Belastung meist hoch, und es gibt genügend wiederkehrende Aufgaben, die sich bündeln und abgeben lassen.
    • Ein Praktikant kann relativ schnell eine zentrale Rolle in der Admin übernehmen.
  • Betriebe mit klaren, wiederkehrenden Prozessen:
    • Wer strukturierte Abläufe in der Vertragsverwaltung, im Schaden-Backoffice oder in der Kundenadministration hat, kann diese gezielt an Lernende übertragen.
  • Unternehmen mit Fokus auf Nachwuchsförderung:
    • Broker, die bewusst langfristig denken und eigene Talente entwickeln möchten, nutzen das Praktikum als «verlängerte Probezeit» und Einstieg in eine mögliche Festanstellung.

Eher weniger geeignet für:

  • Sehr kleine Betriebe (1–2 Personen):
    • Dort fehlt häufig die zeitliche Kapazität für eine kontinuierliche Begleitung.
    • Zudem gibt es oft zu wenig klar trennbare Aufgabenpakete für ein ganzes Jahr.
  • Unternehmen ohne definierte Admin-Strukturen:
    • Wenn Abläufe stark improvisiert sind und kaum Standards existieren, ist es schwierig, Lernenden klare Lern- und Arbeitsfelder zu geben.

Wir unterstützen interessierte Broker im Vorfeld bei der Einschätzung, ob das Modell zum eigenen Setup passt, damit ein Praktikum nicht «auf gut Glück» gestartet wird.

Besteht die Gefahr, dass Betriebe faktisch einen günstigen Sachbearbeiter erwarten statt Nachwuchsförderung zu betreiben?

Diese Gefahr besteht durchaus – und sie ist einer der wichtigsten Punkte, die wir mit Betrieben offen ansprechen.

Wenn ein Unternehmen primär denkt: „Wir bekommen ein Jahr lang eine Vollzeitkraft zum reduzierten Lohn“, wird es am Modell scheitern. Denn:

  • Lernende brauchen Anleitung, Zeit und Feedback.
  • Sie dürfen in heiklen fachlichen Fragen nicht alleine entscheiden.
  • Sie sollen sich entwickeln dürfen – und nicht nur Lückenbüsser für ungeliebte Aufgaben sein.

Darum legen wir grossen Wert auf Erwartungsmanagement:

  • Transparente Rolle: Es handelt sich um Lernende in Ausbildung mit klar definierten Kompetenzen – keine voll ausgebildeten Sachbearbeiter.
  • Doppelter Mehrwert: Ja, sie bringen eine spürbare administrative Entlastung. Gleichzeitig ist der Betrieb mitverantwortlich für ihre berufliche Entwicklung.
  • Langfristige Perspektive: Wer bewusst fördert, hat die beste Chance, nach dem EFZ-Abschluss eine bereits eingearbeitete Fachkraft zu übernehmen.

Betriebe, die diese Grundhaltung teilen, profitieren stark. Betriebe, die nur einen «billigen Ersatz» suchen, sind für dieses Modell nicht die richtigen Partner.

Wo scheitern solche Praktika in der Praxis typischerweise?

Aus der Praxis kennen wir einige wiederkehrende Stolpersteine, die wir von Anfang an adressieren:

  • Fehlende Zuständigkeit im Betrieb:
    • Wenn kein klarer Praxisverantwortlicher benannt ist, «kümmert sich irgendwie das ganze Team» und niemand richtig. Das führt zu Unsicherheit und fehlender Struktur.
  • Unklare oder wechselnde Aufgaben:
    • Wenn der Praktikant mal hier, mal dort aushilft, aber kein stabiles Aufgabenpaket hat, leidet sowohl die Lernkurve als auch der Nutzen für den Betrieb.
  • Über- oder Unterforderung:
    • Zu hohe Erwartungen («der macht nach zwei Wochen den ganzen Schadenbereich») frustrieren.
    • Dauerhafte Unterforderung («nur Kopieren und Scannen») demotiviert und verschenkt Potenzial.
  • Fehlende Feedback- und Fehlerkultur:
    • Wo Fehler nicht besprochen, sondern nur kritisiert werden, oder wo gar kein Feedback stattfindet, kommt die Entwicklung ins Stocken.
  • Zu wenig Vorbereitung auf Betriebsseite:
    • Wenn vor Praktikumsstart nicht geklärt ist, welche Aufgaben, Zugriffsrechte, Arbeitsplätze und Systeme bereitgestellt werden, verläuft der Einstieg holprig.

Die FSWI begegnet dem mit:

  • klaren Anforderungen an Praxisverantwortliche (Ausbildung/Erfahrung),
  • einem strukturierten Zeitplan mit Onboarding, Zwischenqualifizierungen und Abschluss,
  • Unterstützung bei Aufgabenplanung und Integration in den Betrieb.
Kann ein Praktikum mittelfristig eine Rekrutierungsstrategie ersetzen oder bleibt es eine temporäre Entlastung?

Ich sehe das Praktikum als beides, aber nicht als vollständigen Ersatz einer Rekrutierungsstrategie.

Als temporäre Entlastung:

  • Ein Betrieb erhält für zwölf Monate eine motivierte, vorbereitete Person, die einen erheblichen Teil der Administration übernehmen kann.
  • Gerade in Phasen hoher Auslastung, bei Projektspitzen oder personellen Engpässen ist das ein starkes Instrument.

Als strategisches Rekrutierungsinstrument:

  • Über das Praktikumsjahr lernt der Betrieb die Lernende oder den Lernenden fachlich und persönlich sehr gut kennen.
  • Nach dem EFZ-Abschluss, also rund ein Jahr nach Praktikumsende, kann der Betrieb gezielt auf bekannte Talente zurückgreifen.
  • Das reduziert das Risiko von Fehlbesetzungen und verkürzt spätere Einarbeitungszeiten.

Eine nachhaltige Rekrutierungsstrategie wird aber immer mehrere Bausteine haben, z.B. direkte Rekrutierung von Sachbearbeitern, interne Weiterentwicklung von Mitarbeitenden und eben ein strukturiertes Praktikumsmodell. In dieser Kombination kann das KV-Praktikum eine zentrale Rolle spielen.

Wie reagieren Versicherer und Branchenorganisationen bisher auf das Modell?

Die bisherigen Reaktionen fallen mehrheitlich positiv aus. Vor allem, weil alle Beteiligten sehen, wie stark die Anforderungen an Brokerunternehmen in den letzten Jahren gestiegen sind: Digitalisierung, Regulierung, Dokumentationspflichten, Datenqualität.

  • Versicherer schätzen alles, was zu sauber geführten Dossiers, vollständigen Unterlagen und klarer Kommunikation beiträgt. Ein Modell, das administrative Kompetenzen und Prozessverständnis der Nachwuchskräfte stärkt, entlastet letztlich auch die Schnittstelle zwischen Broker und Versicherer.
  • Branchenorganisationen sehen im VBV-orientierten Ansatz einen Qualitätssicherungsmechanismus: Lernende werden nicht «irgendwie kaufmännisch», sondern mit klarer Ausrichtung auf das Versicherungs- und Brokerumfeld ausgebildet.
  • Unternehmen aus verwandten Bereichen (z.B. Treuhand, Immobilien) bestätigen uns, dass ein ganzjähriges Praktikum in komplexen Dienstleistungsbranchen ideal ist, um nachhaltige Kompetenzen aufzubauen. Diese positiven Erfahrungen stützen auch die Übertragung des Modells auf Brokerbetriebe.

Wir bleiben im Dialog mit Versicherern und Verbänden, um Inhalte und Schwerpunkte laufend an die Anforderungen der Branche anzupassen, beispielsweise bei Themen wie Datenqualität, Schadenprozessen oder digitalen Kundenschnittstellen.

Sehen Sie darin ein Übergangsmodell oder einen möglichen neuen Standard für den Einstieg in die Brokerbranche?

Ich sehe dieses KV-Praktikumsmodell klar als potenziellen neuen Standard neben der klassischen Lehre, insbesondere für die Brokerbranche:

  • Realistische Passung zur Struktur vieler Brokerunternehmen:
    Viele Brokerunternehmen sind zu klein oder zu spezialisiert, um eine vollständige dreijährige Ausbildung im klassischen Sinn zu stemmen. Ein einjähriges Praktikum mit schulisch vorgezogener Grundbildung passt deutlich besser zu ihren Ressourcen und Abläufen.
  • Kombination aus Qualität und Flexibilität:
    Die Orientierung am VBV-Mindeststandard, ergänzt durch unser Praxistraining mit 11 KV-Kompetenzen, sorgt für ein hohes Ausbildungsniveau. Gleichzeitig bleibt das Modell für Betriebe flexibel genug, um es auf ihre Praxis zuzuschneiden.
  • Antwort auf den Nachwuchsmangel:
    Gute Sachbearbeiterinnen und -bearbeiter und spätere Kundenberater werden in der Brokerbranche nicht weniger gesucht. Ein Modell, das Nachwuchsförderung mit direkter Entlastung verbindet, schafft für beide Seiten einen starken Anreiz.

Ob daraus tatsächlich ein neuer Standard wird, hängt letztlich davon ab, wie aktiv die Brokerhäuser das Angebot nutzen und mitgestalten. Wenn Betriebe ihre Erfahrungen zurückspielen, Anforderungen einbringen und Lernende als echte Nachwuchskräfte verstehen, kann dieses Praktikum zu einem festen, etablierten Einstiegspfad in die Brokerwelt werden.

Die Fragen wurden von Binci Heeb gestellt.

Lunch-Webinar für Versicherungsbroker: KV-Praktikum in der Praxis
Wer nach den obenstehenden Fragen und Antworten neugierig geworden ist und wissen möchte, wie das KV-Praktikum ganz konkret im eigenen Brokerbetrieb aussehen könnte, ist herzlich zu unserem Lunch-Webinar eingeladen.
In 30 Minuten (12:00–12:30 Uhr) stellen wir das Modell kompakt vor, zeigen typische Einsatzfelder in Brokerbüros und beantworten Ihre individuellen Fragen: von möglichen Aufgaben über den Betreuungsaufwand bis hin zur Rolle als Rekrutierungskanal. Das Webinar findet statt:
Datum: Montag, 9. März 2026 von 12:00 bis 12:30 Uhr
Melden Sie sich unverbindlich per E-Mail an bei: binci.heeb@thebrokernews.ch und entscheiden Sie auf dieser Basis, ob das KV-Praktikum die passende Entlastung und Nachwuchslösung für Ihren Brokerbetrieb ist.

Mario Trusgnach ist Dozent, Bildungsverantwortlicher KV-EFZ und Praktikumsverantwortlicher an der Fachschule für Wirtschaft und Informatik (FSWI) in Winterthur. Zuvor war er über 30 Jahre in der Personadienstleistungsbranche tätig, unter anderem als Geschäftsführer und CEO in der Schweiz, Österreich und Deutschland, wo er Unternehmen aufbaute, neu ausrichtete und grosse Niederlassungsnetze führte. Heute bringt er diese Führungs- und Praxiserfahrung in eine praxisnahe kaufmännische Ausbildung ein und sorgt dafür, dass Lernende gezielt auf ihr einjähriges Praktikum vorbereitet werden und Betriebe passende Nachwuchskräfte finden. Nebenbei ist er Mitinhaber einer Beratungsfirma für Personal- und Laufbahnberatung. Mario Trusgnach ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und lebt in Brütten.

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