Cyberangriffe, Produktionsstillstand, Krisen mit medialer Sprengkraft: Die Bedrohungen für Unternehmen sind heute komplexer, schneller und existenzieller als je zuvor. Wer glaubt, dass eine Police allein Sicherheit bietet, der irrt. Fabian Germann, Senior Consultant Abteilung Gruppenversicherungen bei Raiffeisen Schweiz und teilselbständiger Risikomanager für KMU, fordert ein Umdenken: Weg vom reinen Versicherungsschutz, hin zu ganzheitlichem Risikomanagement. Im Interview spricht er über pragmatische Ansätze für kleine und mittlere Unternehmen, seine Rolle zwischen Inhouse-Brokerage und Selbständigkeit sowie die Zusammenarbeit mit riskAware. Und er erklärt, warum gute Vorbereitung nicht bei der Unterschrift unter einer Police endet, sondern dort erst beginnt.
Warum Fabian Germann Risk Management neu denkt und weshalb Versicherung allein nicht genügt, erfahren Sie im nachfolgenden Interview mit thebrokernews.
Fabian Germann, Sie sind seit über 15 Jahren in der Versicherungswelt tätig. Gab es einen konkreten Moment, der Sie dazu bewogen hat, sich zusätzlich selbstständig zu machen?
Ja, den gab es. Als ich in die Versicherungsbranche einstieg, war ich als gelernter Kaminfeger ein klassischer Quereinsteiger, geprägt vom Kerngeschäft: Vertrieb, Underwriting, Schadenmanagement. Alles drehte sich um Policen, Prämien und Prozesse. Doch während meiner Weiterbildung an der ZHAW im Bereich Integriertes Risikomanagement öffnete sich für mich eine neue Welt. Ich begann zu verstehen, dass Risiken nicht nur versichert, sondern aktiv gemanagt werden müssen.
Mit jedem Jahr in der Branche wurde mir klarer: Versicherungen decken Schäden ab, aber sie verhindern keine Krisen. Das eigentliche Risikomanagement bleibt oft aussen vor. Diese Erkenntnis war der Wendepunkt. Ich wollte nicht länger nur reagieren, sondern Unternehmen helfen, proaktiv zu handeln. Mit meiner Selbständigkeit habe ich mir genau dieses Ziel gesetzt: Die Lücke zwischen Versicherung und Risikomanagement zu schliessen und KMU einen pragmatischen, greifbaren Zugang zu bieten.
Was hat Sie persönlich am meisten gestört an der Art und Weise, wie Risiko in der klassischen Versicherungswelt oft behandelt wird?
Haben Sie sich je gefragt, ob Ihre Versicherung wirklich schützt? Oft suchen wir Lösungen ausschliesslich innerhalb der Versicherungswelt: Wir passen AVB an, entwickeln besondere Bedingungen, feilen an Wording, damit Ihr Risiko versichert ist. Doch die entscheidenden Fragen bleiben meist unbeantwortet: Wie können Sie Risiken vermeiden? Welche Massnahmen reduzieren sie nachhaltig?
Wann hat Ihr Berater zuletzt Ihre Verträge geprüft, um versteckte Haftungsrisiken aufzudecken? Wissen Sie, welche Incoterms bei Ihnen gelten und welche Folgen das haben kann? Die Wahrheit ist: Es gibt zahlreiche einfache Wege, Risiken sichtbar zu machen und wirksame Massnahmen abzuleiten. Der Schlüssel liegt darin, nicht nur abzusichern, sondern zu verstehen und zu handeln, bevor der Schaden entsteht.
Sie arbeiten in Teilzeit bei Raiffeisen und parallel selbstständig. Welche Voraussetzungen müssen aus Ihrer Sicht erfüllt sein, damit dieses Modell funktioniert?
Das Fundament ist Vertrauen. Ohne das funktioniert es nicht. Arbeitgeber und Mitarbeiter müssen offen und angstfrei miteinander umgehen. Die Tätigkeiten dürfen sich nicht konkurrieren, sondern müssen sich ergänzen. Damit das gelingt, braucht es klare Regeln und Transparenz, vor allem gegenüber dem Team.
Ich habe das selbst erlebt: Als ich mein Modell startete, war mein erster Schritt ein offenes Gespräch mit meinem Vorgesetzten. Wir haben gemeinsam definiert, welche Aufgaben Priorität haben und wie wir sicherstellen, dass die Arbeit nicht leidet. Diese Klarheit hat nicht nur Vertrauen geschaffen, sondern auch gezeigt, dass beide Seiten profitieren können.
Das Ziel ist einfach: Die Arbeit darf nicht leiden. Offener Dialog und eine klare Rollenverteilung sind entscheidend. Wer diese Voraussetzungen schafft, gewinnt, denn solche Modelle sind nicht nur möglich, sie sind die Zukunft der Arbeitswelt.
Wo liegen die grössten Herausforderungen bei einer Selbständigkeit im Risk-Umfeld? Sind diese organisatorisch, mental oder kulturell?
Selbständigkeit im Risk-Umfeld ist kein Abenteuer, sondern ein Stresstest für Persönlichkeit und Netzwerk. Die grösste Herausforderung? Ganz klar: Kundengewinnung. Ohne ein starkes Netzwerk und Vertriebserfahrung wird es schwierig. Hier kommt mir meine Vergangenheit im Vertrieb zugute und ich investiere bewusst in Beziehungen.
Organisatorisch ist die Selbständigkeit heute erstaunlich einfach: Mit den richtigen Tools und Plattformen ist man schnell arbeitsfähig Die eigentliche Härte liegt im Mentalen und Kulturellen: Man bewegt sich zwischen zwei Arbeitswelten, zwei Kulturen und den eigenen Zielen. Diese Spannung muss man aushalten und trotzdem fokussiert bleiben. Genau deshalb ist Persönlichkeitsentwicklung für mich kein Luxus, sondern Pflicht und ein fester Bestandteil meiner Freizeit.
Ist Teilselbständigkeit aus Ihrer Sicht ein realistisches Zukunftsmodell für erfahrene Fachkräfte in der Versicherungsbranche?
Ja, absolut und ich glaube sogar, dass Teilselbständigkeit die Zukunft für erfahrene Fachkräfte ist. Heute verschwenden Unternehmen oft Potenzial, weil Menschen Aufgaben erledigen müssen, die nicht ihren Stärken entsprechen. Das ist nicht nur ineffizient, sondern frustrierend.
Wenn es gelingt, Arbeit stärker an den Fähigkeiten und Leidenschaften der Mitarbeitenden auszurichten, profitieren beide Seiten. Teilselbständigkeit eröffnet genau diese Chance: Fachkräfte können ihre Expertise dort einbringen, wo sie den grössten Mehrwert schaffen und gleichzeitig eigene Projekte vorantreiben. Am Ende geht es um Selbstreflexion: Wie viel Zeit habe ich wirklich? Wofür brenne ich? Wer diese Fragen ehrlich beantwortet und den Mut hat, neue Wege zu gehen, wird nicht nur produktiver, sondern auch zufriedener arbeiten.
Sie arbeiten im Auftragsverhältnis mit riskAware zusammen. Warum haben Sie sich bewusst gegen ein eigenes Konkurrenzangebot entschieden?
Es war tatsächlich Zufall und eine bewusste Entscheidung. Über einen guten Kontakt kam ich mit Marco La Bella ins Gespräch. Schon beim ersten Austausch wurde klar: Wir sprechen dieselbe Sprache, teilen dieselbe Idee und dieselben Werte. Statt Energie in Konkurrenz zu stecken, wollten wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Ich halte grundsätzlich wenig von Wettbewerb um jeden Preis. Kooperation schafft für Kunden und für uns mehr Wert als Einzelkämpfe. Ausserdem: Ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist im Risk-Umfeld ohnehin schwer zu erreichen.
Und nicht zuletzt: Auch ich musste mein eigenes Risikomanagement für die Selbständigkeit machen. Die Zusammenarbeit mit riskAware war für mich eine Massnahme zur Risikominderung. Das, was ich KMU empfehle, mache ich konsequenterweise auch für mich selbst.
Was bedeutet es konkret, «die gleiche Sprache zu sprechen», wenn es um Risk Management geht?
Die gleiche Sprache sprechen heisst, Risiken gleich zu verstehen und dieselben Prioritäten zu setzen. Im Risikomanagement reden viele über «Exposure» (Exposition) oder «Residual Risk» (Restrisiko), meinen aber Unterschiedliches. Das führt zu gefährlichen Lücken.
Für mich bedeutet es: Wir müssen eine gemeinsame Basis schaffen mit klaren Begriffen, transparenter Kommunikation und einem Verständnis dafür, wie Risiken im Alltag wirken. Erst wenn alle Beteiligten dieselben Konzepte gleich interpretieren, können wir wirksame Massnahmen ableiten.
Am Ende geht es nicht um Fachjargon, sondern um Verständigung: Wenn der CFO, der Produktionsleiter und der Geschäftsführer dieselbe Sprache sprechen, wird Risikomanagement vom theoretischen Konzept zur gelebten Praxis.
Welche Mehrwerte entstehen aus der Kombination Ihrer Erfahrung mit dem Netzwerk und den Tools von riskAware?
In den vergangenen 15 Jahren habe ich zahlreiche KMU betreut und dabei gelernt, wie unterschiedlich ihre Bedürfnisse sind. Meine Zeit bei der Suva hat mir zusätzlich gezeigt, wie wichtig Sicherheit und Prävention im Alltag sind. Dieses Wissen verbinde ich heute mit einem breiten Netzwerk in der Branche und genau hier setzt riskAware an.
Viele KMU arbeiten mit Versicherungsbrokern, aber ihnen fehlt ein einfaches, wirksames Tool für niederschwelliges Risikomanagement. Das macht riskAware so stark: Es verzichtet auf unnötige Komplexität, ist intuitiv bedienbar und liefert Berichte, die selbst für den Verwaltungsrat verständlich und entscheidungsrelevant sind. Der Clou: Der Broker bleibt involviert und profitiert enorm, weil er seine Kunden besser versteht und seine Beratung auf ein neues Level hebt. So entsteht ein Dreifach-Mehrwert für KMU, Broker und die gesamte Risikokultur.
Sie sprechen von «niederschwelligem Risikomanagement» für KMU. Was heisst das konkret und was heisst es vor allem nicht?
Niederschwelliges Risikomanagement heisst: Einfach, verständlich und umsetzbar, ohne Beraterdeutsch und ohne teure Grossprojekte. Für KMU bedeutet das konkret: Risiken werden sichtbar gemacht, priorisiert und mit pragmatischen Massnahmen reduziert, ohne komplizierte Frameworks oder 200-seitige Reports. Es geht um Tools und Prozesse, die in den Alltag passen und nicht zusätzliche Bürokratie schaffen.
Was es nicht heisst: Es ist kein «Light»-Risikomanagement, das Risiken verharmlost oder oberflächlich behandelt. Niederschwellig bedeutet nicht weniger Qualität, sondern weniger Hürden, damit KMU aktiv handeln können, statt Risiken zu ignorieren. Am Ende zählt: Weniger Theorie, mehr Praxis.
Wo erleben Sie bei KMU die grössten blinden Flecken im Umgang mit Risiken?
Der grösste blinde Fleck sind noch, weit vor Cyber, die strukturellen Risiken. Cyberrisiken sind aktuell in aller Munde, und ja, sie betreffen jedes KMU. Aber noch gefährlicher sind oft die unsichtbaren Abhängigkeiten im eigenen Betrieb: Lieferanten, Schlüsselpersonen, Prozesse, die nur eine einzige Person beherrscht.
Viele unterschätzen, wie lähmend der Ausfall einer Führungskraft oder eines Experten sein kann. Wer entscheidet, wenn der Geschäftsinhaber sechs Monate ausfällt? Wer kennt die Kundenkontakte? Gibt es klare Stellvertretungsregeln? Diese Fragen werden selten gestellt, dabei lassen sie sich strukturiert bewerten und mit einfachen Massnahmen entschärfen. Genau hier beginnt echtes Risikomanagement.
Wie reagieren Unternehmerinnen und Unternehmer, wenn Sie ihnen erklären, dass Versicherung immer nur ein Teil der Lösung ist?
Die erste Reaktion ist meistens Überraschung und manchmal Skepsis. Viele Unternehmer verlassen sich blind auf ihre Versicherung, weil sie nur die Schadenfälle kennen, die reguliert wurden: Maschinenbruch, Fahrzeugbrand, Wasserschaden.
Im Gespräch wird schnell klar: Versicherung ist wichtig, aber sie deckt nur einen Teil ab. Risikomanagement beginnt dort, wo Policen enden: bei Prozessen, Strukturen und Prävention. Der Aha-Moment kommt oft schon nach ein paar gezielten Fragen: Was passiert, wenn Ihr Schlüsselmitarbeiter ausfällt? Wer entscheidet, wenn Sie sechs Monate nicht da sind? Dann merken die meisten: Es lohnt sich, genauer hinzusehen.
Sie sind Mitglied eines Krisenstabs und haben eine fundierte Ausbildung im Krisen- und Notfallmanagement. Was wird in der Praxis am häufigsten unterschätzt?
In der Praxis wird vor allem unterschätzt, was ausserhalb des eigenen Plans passiert. Innerhalb der Prozesse ist vieles gut geregelt: Im Business Continuity Management (BCM) gibt es klare Strukturen und Abläufe, die den Weg zurück zum Normalbetrieb definieren.
Doch die eigentliche Herausforderung liegt ausserhalb des eigenen Wirkungskreises: Dynamik in der Öffentlichkeit, mediales Interesse, plötzliches Aufkommen am Firmensitz, Anfeindungen in sozialen Medien und die Verunsicherung der Mitarbeitenden. Diese Faktoren sind schwer kalkulierbar und genau deshalb werden sie oft übersehen. Wer Krisen managen will, muss nicht nur Prozesse beherrschen, sondern auch Kommunikation, Psychologie und den Umgang mit öffentlicher Wahrnehmung.
Viele Organisationen üben Krisen einmal pro Jahr. Reicht das und wenn nicht, was wäre realistisch?
Einmal pro Jahr üben reicht nicht und vermittelt eine trügerische Sicherheit. Krisenmanagement ist wie ein Muskel: Wer ihn nur einmal jährlich trainiert, wird im Ernstfall nicht leistungsfähig sein. Für grössere Organisationen halte ich 2–3 praxisnahe Übungen pro Jahr für realistisch und empfehle, externe Fachpersonen einzubeziehen. Der Schlüssel liegt in realistischen Szenarien: Nicht nur Planspiele, sondern Übungen unter echtem Druck. Wenn das Haus brennt, fragt niemand zuerst nach der Police.
Meine Weiterbildung an der ZHAW hat mir das durch Live-Radio- und TV-Interviews mit nur 60 Minuten Vorbereitung eindrücklich gezeigt. Das war intensiv, aber genau so sieht die Realität aus. Nur wer regelmässig und unter Stress übt, kann im Ernstfall souverän handeln.
Sie sagen: «Wenn das Haus brennt, fragt niemand zuerst nach der Police.» Was bedeutet das für die Prioritäten im Risk Management?
Das bedeutet: Massnahmen- und Notfallpläne müssen so gestaltet sein, dass sie unabhängig von der Versicherung funktionieren. Sie müssen dem Unternehmen dienen, nicht dem Versicherer. Im Risikomanagement heisst das: Prioritäten liegen auf der Reduktion existenzieller Risiken und auf klaren Handlungsabläufen für den Ernstfall. Wer vorbereitet ist, schützt nicht nur sein Unternehmen, sondern erfüllt auch die Schadenminderungspflicht.
Und ein Nebeneffekt: Auch Versicherer sind dankbar, wenn ein guter Notfallplan das Schadenausmass reduziert. Wer im Brandfall sofort Eigentum sichert, handelt nicht nur klug, sondern professionell.
Cyberrisiken sind hochaktuell. Wo scheitert es Ihrer Erfahrung nach weniger an Technik, sondern vielmehr an Kommunikation, Organisation oder Kultur?
Technisch sind viele Unternehmen gut aufgestellt. Die grössten Schwachstellen liegen woanders: in fehlender Kommunikation, unklaren Zuständigkeiten und einer Kultur, die Sicherheit nicht lebt. Wenn Mitarbeitende nicht wissen, wie sie auf eine Phishing-Mail reagieren sollen, oder wenn niemand definiert hat, wer im Ernstfall Entscheidungen trifft, hilft die beste Technik nichts.
Ebenso kritisch ist, wenn Führungskräfte die Cyberrisiken als «IT-Thema» abtun, statt sie als strategische Unternehmensrisiken zu begreifen. Cybersecurity ist kein Tool, sondern ein Mindset. Es braucht klare Prozesse, regelmässige Schulungen und eine Kultur, in der jeder versteht: Sicherheit ist Chefsache und Teamsache.
Die Fragen hat Binci Heeb gestellt.
Fabian Germann ist Versicherungsexperte, Risikomanager und Gründer von Germann Risk Consulting. Er unterstützt zusammen mit riskAware KMU, Unternehmer und Broker dabei, Risiken nicht nur zu versichern, sondern wirklich zu verstehen und daraus bessere Entscheidungen abzuleiten. Sein Fokus liegt auf pragmatischem Risikomanagement, klarer Kommunikation und unbequemen Wahrheiten, die langfristig Stabilität schaffen. Privat ist er Familienvater, lebt in Winterthur und findet Ausgleich draussen in Ausdauersport, Natur und neuen Perspektiven.
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