Die neue Ausgabe «Fakten und Zahlen 2025» von pharmaSuisse und die Genehmigung des neuen Apothekertarifs LOA V zeigen klar: Schweizer Apotheken sind längst mehr als reine Abgabestellen für Medikamente. Sie sind erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen, entlasten das System messbar und gewinnen mit neuen Aufgaben weiter an Bedeutung.
Rund 1’800 Apotheken sind in der Schweiz ohne Termin und ohne formelle Hürden täglich offen zugänglich. Jährlich führen sie Millionen von Beratungsgesprächen bei kleineren gesundheitlichen Problemen sowie zu Medikamenten, Prävention und Therapie. Damit entlasten sie Arztpraxen, Notaufnahmen und Spitäler spürbar. Die aktuellen Zahlen von pharmaSuisse zeigen, dass Apotheken für viele Menschen der niedrigschwellige Einstieg ins Gesundheitssystem sind, in Städten ebenso wie in ländlichen und alpinen Regionen.
Kosteneffizienter Pfeiler der Grundversorgung
Trotz ihrer zentralen Rolle verursachen Apotheken nur rund drei Prozent der Kosten zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Ein wesentlicher Grund dafür ist der systematische Einsatz von Generika und zunehmend auch von Biosimilars, die therapeutisch gleichwertig, aber deutlich günstiger als Originalpräparate sind. Mit dem neuen Apothekertarif LOA V, der am 1. Januar 2026 in Kraft getreten ist, wird diese Rolle weiter gestärkt. Der Tarif setzt gezielte Anreize für die Abgabe kostengünstiger Biosimilars und bildet pharmazeutische Leistungen differenzierter und aufwandgerecht ab, ohne die Gesamtkosten zu erhöhen. Damit profitieren sowohl die Versicherten als auch die Qualität der Versorgung.
Konsultation in der Apotheke: schnelle Hilfe ohne Umwege
Bei akuten Beschwerden wie Rückenschmerzen, Hautausschlag oder Halsweh ist der Gang in die Notaufnahme oder in die Arztpraxis oft nicht zwingend nötig. Viele dieser Probleme können heute direkt in der Apotheke rasch und unkompliziert abgeklärt und behandelt werden. In einem persönlichen Gespräch mit der Apothekerin oder dem Apotheker, meist in einem separaten Raum, erhalten Patientinnen und Patienten eine medizinische Beratung und – falls angezeigt – auch sofort das passende Medikament, unter bestimmten Voraussetzungen sogar ein rezeptpflichtiges. Die «Konsultation in der Apotheke» ist damit eine niederschwellige und kostengünstige Alternative zur Notfallstation, auch abends oder am Wochenende, ohne Voranmeldung und ohne lange Wartezeiten.
Seit Anfang 2019 dürfen Apothekerinnen und Apotheker unter klar definierten Bedingungen verschreibungspflichtige Medikamente auch ohne ärztliches Rezept abgeben. Grundlage ist eine strukturierte medizinische Abklärung mit Anamnese und Triage, bei Bedarf ergänzt durch einfache Tests wie Urinstatus oder Rachenabstrich. Die Beratung erfolgt vertraulich und unterliegt der Schweigepflicht. Die Apothekerin oder der Apotheker entscheidet gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten über das weitere Vorgehen, verweist bei Bedarf an eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere Fachstelle und sorgt dafür, dass die Therapie direkt im Anschluss beginnen kann. Damit wird die Apotheke immer häufiger zur ersten Anlaufstelle bei Beschwerden wie Blasenentzündung, Bindehaut- oder Rachenentzündung, Rückenschmerzen, Zeckenstich, Hauterkrankungen, Ohrenschmerzen, Sinusitis, Migräne, Allergien oder Magen-Darm-Problemen und zu einem wichtigen Entlastungsfaktor für Arztpraxen und Notfallstationen.
Die Kosten für die «Konsultation in der Apotheke» gehen zu Lasten der Patientin oder des Patienten und werden direkt in der Apotheke beglichen. Die Höhe des Tarifs ist meist abgestuft nach Aufwand und wird von jeder Apotheke selbst bestimmt. Im Rahmen von Managed-Care-Modellen können die Kosten über einige Krankenversicherer abgerechnet werden.
Mehr Sicherheit bei der Medikamentenabgabe
LOA V bringt auch qualitative Verbesserungen. Neu wird unter anderem die maschinelle Verblisterung vergütet, bei der Medikamente individuell pro Einnahmezeitpunkt verpackt werden. Besonders in Pflegeheimen erhöht dies die Sicherheit deutlich, da Verwechslungen und Dosierungsfehler reduziert werden und die Einnahme besser kontrollierbar ist. Gleichzeitig hilft diese Form der Abgabe, Medikamentenverschwendung zu vermeiden. Statt Standardpackungen mit Überschuss erhalten Patientinnen und Patienten genau die Menge, die sie tatsächlich benötigen.
Impfungen und Prävention gewinnen an Gewicht
Auch im Bereich Prävention bauen Apotheken ihre Rolle aus. Zwei von drei Apotheken bieten heute Impfungen ohne Voranmeldung an. Ab 2027 sollen diese Leistungen von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen werden. Damit wird der Zugang für die Bevölkerung noch einfacher und gleichzeitig werden Hausarztpraxen entlastet, die sich stärker auf komplexere Fälle konzentrieren können.
Arbeiten unter Druck
Rund 24’000 Mitarbeitende sorgen in der Schweiz für eine kontinuierliche Versorgung mit Medikamenten und Beratungsleistungen. Sie tun dies trotz Fachkräftemangel, steigender administrativer Anforderungen und wiederkehrender Medikamentenengpässe. Gerade in solchen Situationen übernehmen Apotheken eine wichtige Koordinationsfunktion, informieren über therapeutisch gleichwertige Alternativen und tragen dazu bei, dass Behandlungen möglichst ohne Unterbruch weitergeführt werden können.
Kampagne für mehr Sichtbarkeit
Trotz ihrer breiten Leistungen ist vielen Menschen noch nicht bewusst, welches Kompetenzspektrum Apotheken heute abdecken. Mit der Kampagne «Wir machens möglich – deine Apotheke» will pharmaSuisse dieses Bild verändern. Ziel ist es, die Apotheke als medizinische Grundversorgerin zu positionieren und das Image vom reinen Medikamentenausgabeort hin zur ersten Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen zu verschieben.
«Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker»
Die Schweizer Apotheken stehen heute an einem Wendepunkt: Sie sind nicht mehr nur Verteilstellen für Medikamente, sondern entwickeln sich zu wohnortnahen Gesundheitszentren mit wachsender medizinischer Verantwortung. Mit ihrer niedrigen Zugangsschwelle, ihrer hohen fachlichen Kompetenz und ihrer ausgeprägten Kosteneffizienz entlasten sie das Gesundheitssystem spürbar. Der neue Tarif LOA V schafft dafür eine zeitgemässe Grundlage, während Angebote wie die Konsultation in der Apotheke, Impfungen ohne Voranmeldung und neue Technologien wie die Verblisterung zeigen, wohin die Reise geht. Entscheidend wird sein, dass diese Leistungen nicht nur politisch und tarifarisch anerkannt, sondern auch in der Bevölkerung als selbstverständlicher erster Schritt bei Gesundheitsfragen verankert werden.
Binci Heeb
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