Täglich sterben im brasilianischen Bundesstaat São Paulo mehrere Motorradfahrer im Strassenverkehr. Für Versicherer gilt dieses Risiko als kaum kalkulierbar. Ein junger Unternehmer fand dennoch eine Lösung und schuf damit zugleich ein soziales wie wirtschaftliches Modell.
Wer in São Paulo vom Flughafen in die Stadt fährt, erlebt sie sofort: Motorradkuriere, die sich mit hoher Geschwindigkeit durch den Verkehr schlängeln. Stop-and-go, enge Manöver, permanenter Zeitdruck. Die Kehrseite dieser urbanen Logistik ist dramatisch: Im Bundesstaat São Paulo sterben im Schnitt sieben Motorradfahrer pro Tag. Für klassische Versicherer ist das ein Albtraum: zu häufig, zu tödlich, zu teuer.
Ein Markt, den niemand wollte
Dabei gibt es rund fünf Millionen Motorräder allein in diesem Bundesstaat. Für Gabriel, einen jungen Unternehmer, war klar: Wo andere nur Risiko sehen, könnte ein Markt liegen, wenn man ihn professionell strukturiert. Aus seiner Zeit in den USA kannte er das Prinzip der Spezialversicherer, die bewusst Risiken zeichnen, die andere meiden: Bars, Clubs, Freizeitparks oder andere «gefährliche» Aktivitäten. Entscheidend ist nicht die Vermeidung, sondern die präzise Begrenzung und Bepreisung des Risikos.
Soziales Problem trifft Versicherungslogik
Das Risiko der Motorradkuriere ist nicht nur versicherungstechnisch heikel, sondern auch sozial brisant. Viele Fahrer gehören zu einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen und können sich individuelle Policen schlicht nicht leisten. Genau hier setzte Gabriel, mit einem Modell, das Risiko, Technologie und Verantwortung verbindet, an.
Versicherung nur während der Arbeit
Die Lösung: Versicherungsschutz nur während der tatsächlichen Arbeitszeit. Die Fahrer aktivieren per App den Versicherungsschutz beim Start einer Lieferung und deaktivieren ihn nach Abschluss. Die Prämie zahlt nicht der Fahrer selbst, sondern der Arbeitgeber. Damit wird das Risiko zeitlich klar begrenzt, besser kalkulierbar und erstmals überhaupt versicherbar.
Reguliert, anerkannt, skalierbar
Bemerkenswert ist auch die Unterstützung durch die Aufsichtsbehörden. Das Modell bewegt sich nicht in einer Grauzone, sondern ist regulatorisch eingebettet. Gabriel hat damit nicht nur ein akutes gesellschaftliches Problem entschärft, sondern zugleich ein tragfähiges Geschäftsmodell geschaffen.
Versicherung als Gestaltungsinstrument
Die Geschichte zeigt, wozu Versicherung fähig ist, wenn sie nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Hochrisiko heisst nicht automatisch «unversicherbar». Mit Daten, klaren Regeln und neuen Rollenverteilungen lassen sich selbst extreme Risiken zum Nutzen von Wirtschaft und Gesellschaft integrieren.
Versicherung ist mehr als Papier und Prämien. Sie kann Leben schützen, Arbeit absichern und neue Märkte öffnen, wenn jemand den Mut hat, Risiken neu zu denken.
Binci Heeb
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