Wenn Europas «Wärmepumpe» wankt

Der mögliche Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung gilt nicht mehr als fernes Klimamärchen. Neue Studien und Sicherheitsanalysen zeigen: Die Gefahr ist klein, aber real und ihre Folgen würden auch die Schweiz […]


Wenn Europas Wärmepumpe wankt: Sie real ist das Risiko eines AMOC-Kipppunkts?

Wenn Europas «Wärmepumpe» wankt: Sie real ist das Risiko eines AMOC-Kipppunkts?

Wenn Europas «Wärmepumpe» wankt: Sie real ist das Risiko eines AMOC-Kipppunkts?

Der mögliche Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung gilt nicht mehr als fernes Klimamärchen. Neue Studien und Sicherheitsanalysen zeigen: Die Gefahr ist klein, aber real und ihre Folgen würden auch die Schweiz treffen. Wie real ist das Risiko eines AMOC-Kipppunkts?

Lange galt der mögliche Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung, der sogenannten AMOC, als theoretisches Extremszenario. Doch diese Einschätzung verändert sich. Neue Studien, Sicherheitsanalysen und sogar Geheimdienstberichte behandeln die AMOC inzwischen als realen Risikofaktor. Damit wird aus einem abstrakten Klimamodell auch für Länder, die nicht am Meer liegen, wie die Schweiz, ein Thema mit geopolitischer und wirtschaftlicher Bedeutung .

Die AMOC ist ein riesiges System von Meeresströmungen, das warmes Wasser aus den Tropen nach Norden transportiert. Im Nordatlantik kühlt dieses Wasser ab, wird schwerer, sinkt in die Tiefe und fliesst als kalter Strom wieder nach Süden zurück. Dieses «Förderband» wirkt wie eine Wärmepumpe für Europa. Ohne sie wäre das Klima deutlich kälter, vor allem in Nord- und Westeuropa, aber mit spürbaren Folgen für den gesamten Kontinent.

© Bundesamt für Meteorologie und Klima Klimatologie MeteoSchweiz.

Dieses System ist stabil, aber empfindlich. Durch den Klimawandel gelangt immer mehr Süsswasser aus schmelzendem Grönlandeis und verstärkten Niederschlägen in den Nordatlantik. Süsswasser ist leichter als salziges Meerwasser. Wird der Ozean zu stark «verdünnt», sinkt das Wasser nicht mehr wie bisher ab, und der Motor der Strömung gerät ins Stocken. Messungen zeigen bereits heute, dass die AMOC schwächer ist als noch vor Jahrhunderten. Klimaforscher wie Stefan Rahmstorf oder René van Westen warnen, dass es einen Kipppunkt gibt: Wird er überschritten, könnte die Strömung abrupt zusammenbrechen.

Klein, aber nicht vernachlässigbar

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Die Forschung ist sich einig, dass ein vollständiger Kollaps weiterhin ein Extremereignis bleibt. Er ist also nicht das wahrscheinlichste Szenario der nächsten Jahrzehnte. Gleichzeitig gilt er nicht mehr als ausgeschlossen oder rein theoretisch. Modelle zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit stark davon abhängt, wie hoch die künftigen CO₂-Emissionen ausfallen. Bei einem ungebremsten Klimawandel steigt das Risiko deutlich. In Szenarien mit konsequentem Klimaschutz bleibt die AMOC zwar geschwächt, aber stabil. Die Chance auf einen Kollaps ist also eher klein bis moderat, aber gross genug, um ernst genommen zu werden.

Gerade weil die Folgen so gravierend wären, beschäftigen sich inzwischen auch Regierungen und Sicherheitsbehörden mit diesem Thema. In Deutschland wurde die AMOC im Rahmen einer nationalen Klimarisikoanalyse als mögliches Kippelement berücksichtigt. Grossbritannien investiert hohe Summen in Frühwarnsysteme für Klimakipppunkte. Island stuft eine Instabilität der AMOC sogar als nationale Sicherheitsbedrohung ein. Auf europäischer Ebene plant die Raumfahrtbehörde ESA neue Missionen, um Veränderungen in der Ozeanzirkulation besser zu überwachen.

Warum das auch die Schweiz betrifft

Ein Zusammenbruch der AMOC würde Europa massiv verändern. Die Durchschnittstemperaturen könnten um mehrere Grad sinken, regional sogar zweistellig. Winter würden deutlich härter, Stürme stärker, Niederschläge extremer. Landwirtschaft, Energieversorgung und Infrastruktur stünden vor enormen Anpassungsproblemen. Gleichzeitig hätte ein solcher Umbruch globale Folgen, etwa für Monsunsysteme in Afrika, Indien und Südamerika.

Für die Schweiz klingt das auf den ersten Blick weit weg: kein Meer, kein Golfstrom, keine Küsten. Doch die Schweiz ist eng mit dem europäischen Klima- und Wirtschaftssystem verflochten. Wenn Nordeuropa deutlich abkühlt, verändern sich auch Luftströmungen und Niederschlagsmuster über den Alpen. Kältere, instabilere Wetterlagen könnten mehr Extremereignisse bringen: etwa stärkere Winterstürme, mehr Starkniederschläge oder längere Kälteperioden. Die Gletscher würden kurzfristig vielleicht langsamer schmelzen, langfristig aber unter noch instabileren Klimabedingungen stehen. Für die Landwirtschaft könnten sich Vegetationszeiten verschieben, für die Wasserkraft ändern sich Abflussmengen und saisonale Muster. Auch wirtschaftlich wäre die Schweiz betroffen, wenn wichtige Handelspartner in Europa mit Energieknappheit, Ernteeinbussen oder Infrastrukturproblemen kämpfen.

Wie gehen Versicherungen damit um?

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die AMOC morgen zusammenbricht. Das ist sehr unwahrscheinlich. Die eigentliche Frage ist, wie viel Risiko die Gesellschaft bereit ist einzugehen. Ein Ereignis mit geringer bis mittlerer Wahrscheinlichkeit, aber extremen Folgen, ist aus Sicht von Versicherungen, Sicherheitsbehörden und Volkswirtschaften hoch relevant. Genau deshalb rückt die AMOC vom Rand der Klimadebatte ins Zentrum strategischer Überlegungen.

Für die Schweiz bedeutet das: Auch ohne Küste ist sie Teil dieses Systems. Klimapolitik ist damit nicht nur Umweltpolitik, sondern Wirtschafts-, Sicherheits- und Vorsorgepolitik. Je konsequenter die globalen Emissionen sinken, desto kleiner bleibt die Chance, dass die AMOC ihren Kipppunkt erreicht. Die Wahrscheinlichkeit ist heute noch begrenzt, aber sie ist real genug, um nicht ignoriert zu werden.

Binci Heeb

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