Der Physiker und Unternehmer Dr. Christian Spindler erklärt im Video-Interview mit Jakob Barandun, warum künstliche Intelligenz nur dann wirkt, wenn Unternehmen digital reif sind und weshalb Neugier, Frustrationstoleranz und menschliches Urteilsvermögen auch in Zukunft entscheidend bleiben.
Neu zeigt thebrokernews Video-Interviews (in englischer Sprache) unseres Partners Capricorn Connect. Der Gastgeber der Interviews, Jakob Barandun, will die Sichtbarkeit von interessanten und spannenden CEOs aus unterschiedlichen Branchen maximieren, ihre Markenbekanntheit um das Zehnfache steigern und ihnen durch persönliche Gespräche helfen, schneller hochwertige Kunden zu gewinnen. Der erste Gast, den wir heute vorstellen macht Analysen zur Klimaresilienz für eine optimale Anpassungsplanung und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften.
Dr. Christian Spindler, der Gründer und CEO von Sustainaccount AG, wollte als Kind Astronaut werden. Wie viele Jungen, sagt er rückblickend. Dann kam die Brille und mit ihr die Einsicht, dass der Weg ins All vielleicht doch nicht ganz so naheliegend sei. Geblieben ist die Faszination für die Naturwissenschaften. Die Physik wurde für ihn zur Disziplin, mit der sich die Welt grundsätzlich verstehen lässt: biologische, chemische und technische Prozesse eingeschlossen.
Diese Neugier führte ihn zunächst in die Forschung und später in die Industrie. Nach Studium und Promotion arbeitete Schindler bei ABB in Baden, in einer Zeit, in der das, was heute Data Science heisst, noch unter Begriffen wie numerische Mathematik oder Forschung lief. Später wechselte er in die Beratung, unter anderem zu PwC. Dort lernte er, dass Digitalisierung nicht einfach ein Projekt ist, das man abschliesst, sondern ein technischer, organisatorischer und kultureller Prozess.
Digitalisierung ist auch eine soziale Aufgabe
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus seiner Laufbahn: Technologie allein genügt nicht. Unternehmen können neue Systeme einführen, Daten sammeln und Prozesse automatisieren. Entscheidend ist aber, ob Menschen bereit sind, sich darauf einzulassen. Digitalisierung verändert Arbeitsweisen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken. Sie verlangt deshalb nicht nur technisches Verständnis, sondern auch soziale Intelligenz.
Für Spindler ist diese soziale Dimension kein Gegensatz zur Naturwissenschaft. Auch Forschung, sagt er, sei letztlich von menschlicher Neugier getrieben. Selbst Grundlagenforschung habe eine gesellschaftliche Komponente, weil sie aus dem Bedürfnis entsteht, die Welt besser zu verstehen.
Von der Beratung zum eigenen Unternehmen
Der Schritt in die Selbstständigkeit entstand aus dem Wunsch, ein konkretes Problem nicht nur zu analysieren, sondern dauerhaft zu lösen. Beratung stösst dort an Grenzen, wo standardisierbare Softwarelösungen gefragt sind. Mit Sustainaccount entwickelt Spindler KI-gestützte Anwendungen für Klima- und Risikofragen, insbesondere für Investoren, Immobilienportfolios, Unternehmen und Projektentwickler.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich der Klimawandel auf wirtschaftliche Prozesse, Gebäude, Lieferketten und Wertschöpfung auswirkt. Sustainaccount analysiert Verwundbarkeiten und unterstützt Unternehmen dabei, bauliche, prozessuale oder vertragliche Anpassungsmassnahmen zu entwickeln. Es geht also nicht um abstrakte Nachhaltigkeitsrhetorik, sondern um konkrete Resilienz: Wie wird ein Unternehmen, ein Portfolio oder ein Gebäudebestand zukunftsfähiger?
Klimarisiken werden vom Randthema zum Standard
Am Anfang war es nicht einfach, den Markt zu erklären. Spindler erinnert sich an Gespräche mit der Kakaoindustrie. Schon damals war absehbar, dass sich klimatische Bedingungen in bestimmten Anbauregionen verändern und damit Lieferketten unter Druck geraten könnten. Die Reaktionen reichten von Interesse bis zur Skepsis: Noch seien die Lager voll, hiess es sinngemäss.
Heute ist das Thema Lieferkettenrisiko deutlich präsenter. Unternehmen fragen systematischer, aus welchen Regionen Rohstoffe kommen, wie stabil diese Regionen sind und welche Risiken durch Klima, Regulierung oder geopolitische Entwicklungen entstehen. Was früher wie ein Spezialthema wirkte, wird zunehmend Teil professioneller Risikosteuerung.
KI braucht saubere Daten und digitale Reife
Beim Thema künstliche Intelligenz bleibt Spindler nüchtern. KI sei vor allem ein Werkzeug. Sie entfaltet ihren Nutzen dort, wo Daten vorhanden, zugänglich und qualitativ ausreichend sind. Unternehmen, die von KI profitieren wollen, brauchen deshalb eine gewisse digitale Reife. Ohne strukturierte Daten, saubere Prozesse und klare Schnittstellen bleibt KI oft nur Stückwerk.
Ein Beispiel: Wer Zolldokumente oder Lieferscheine manuell auswertet, kann mit KI gewisse Schritte automatisieren. Noch besser ist aber ein konsequent digitalisierter Prozess, bei dem relevante Informationen direkt über Schnittstellen übertragen werden. Dann braucht es nicht zwingend künstliche Intelligenz, sondern vor allem ein gutes Datenmodell.
Gerade bei rechtlich oder finanziell heiklen Anwendungen ist Präzision entscheidend. Generative KI eignet sich gut dort, wo Vorschläge, Texte oder Varianten hilfreich sind und das Ergebnis nicht zu hundert Prozent deterministisch sein muss. Bei Steuer-, Zoll- oder Compliance-Fragen hingegen kann eine robuste digitale Prozessarchitektur wichtiger sein als ein probabilistisches Modell.
Wo Menschen weiterhin entscheidend sind
Spindler sieht durch KI keinen einfachen Ersatz des Menschen. Vielmehr werden menschliche Fähigkeiten dort wichtiger, wo Kreativität, Urteilskraft und Einfallsreichtum gefragt sind. Er verwendet dafür den englischen Begriff «ingenuity», die Fähigkeit, neue Lösungen zu finden, Zusammenhänge zu erkennen und mit Unsicherheit umzugehen.
Auch im Recruiting setzt er auf eine Kombination aus technischen Tests und persönlichem Gespräch. Fachliche Fähigkeiten lassen sich mit Aufgaben und Assessments überprüfen. Aber Zusammenarbeit, Vertrauen und Passung entstehen im direkten Austausch. KI kann bei der Vorauswahl helfen, birgt aber Risiken, etwa durch Verzerrungen in historischen Daten. Am Ende bleibt Personalgewinnung eine menschliche Entscheidung.
Was Kinder heute lernen sollten
Als Vater zweier Kinder denkt Spindler auch über die Zukunft des Arbeitsmarktes nach. Einen konkreten Karriereweg will er ihnen nicht vorgeben. Dafür verändert sich die Welt zu schnell. Wichtiger seien Neugier, Lernbereitschaft und ein selbstverständlicher Umgang mit Technologie.
In seiner Familie gehört der Austausch über KI bereits zum Alltag. Seine Tochter nutzt Sprachmodelle etwa beim Französischlernen. Für Spindler ist das kein Ersatz für Bildung, sondern ein Anlass, Kinder aktiv an neue Werkzeuge heranzuführen. Nur wer versteht, was KI kann und wo ihre Grenzen liegen, kann später auch ihre manipulativen oder problematischen Seiten einschätzen.
Unternehmertum verlangt Frustrationstoleranz
Wer ein Unternehmen gründet, braucht nach Spindlers Erfahrung drei Eigenschaften: die Fähigkeit, mit Unsicherheit zu leben, eine hohe Frustrationstoleranz und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die erste Idee funktioniert selten sofort. Die erste Kommunikation mit dem Markt trifft oft nicht den Kern. Entscheidend ist, daraus zu lernen und weiterzuarbeiten.
Damit verbindet sich eine unternehmerische Grundhaltung: Nicht alles ist planbar, aber vieles ist lernbar. Wer ein relevantes Problem löst, den Markt versteht und seine Lösung verständlich kommuniziert, hat eine Chance. Gerade im Umfeld von KI, Klimarisiken und digitaler Transformation gilt deshalb: Technik ist wichtig. Aber sie wird erst wirksam, wenn Menschen sie richtig einordnen, anwenden und weiterentwickeln.
Binci Heeb
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