Reto Lipp, einer der bekanntesten Wirtschaftsjournalisten der Schweiz, sprach im Capricorn-Interview mit Jakob Barandun über die Herausforderungen des Schweizer Arbeitsmarkts für ältere Arbeitnehmende, die Startup-Kultur, die Stärken und Schwächen des Wirtschaftsstandorts Schweiz und über das Ende der Credit Suisse als persönliche Zäsur.
Obwohl die Politik es fordert, die Wirtschaft nickt, passiert in der Praxis wenig. Reto Lipp bringt es auf den Punkt: Solange Unternehmen Mitarbeitende mit 58 frühpensionieren, während sie öffentlich die Integration von 50plus-Arbeitnehmenden propagieren, bleibt das Thema nichts als eine Worthülse. Er erinnert sich an ein bezeichnendes Beispiel: Ein CEO einer grossen Versicherungsgesellschaft forderte in einem Interview, alle sollten bis 70 arbeiten während der durchschnittliche Renteneintritt im eigenen Unternehmen damals bei 61 lag.
Was Lipp stattdessen fordert: echte Flexibilität zwischen 60 und 70, ohne bürokratische Hürden. Und ein Umdenken in der Lohnstruktur. Wer mit 60 in eine neue Stelle wechsle, müsse unter Umständen Gehaltseinbussen akzeptieren. Das sei keine Niederlage, sondern ein gangbares Modell für längere Erwerbsbiografien. Hinzu kommt das strukturelle Problem der Digitalisierung: Algorithmen entscheiden heute, wer zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Ältere Profile werden oft gar nicht erst gesichtet.
Demografie als Zeitbombe
Das demografische Fundament ist erdrückend. Der geburtenstärkste Jahrgang der Schweiz war 1964, was bedeutet, dass ab 2029 eine Pensionierungswelle rollt, die ihresgleichen sucht. Die AHV steht unter Druck, die 13. Rente ist noch nicht finanziert, und die Pensionskassen haben ihre eigenen strukturellen Sorgen. Lipp ist überzeugt: Zwei zusätzliche Arbeitsjahre würden das Sozialsystem erheblich entlasten, aber der politische Kampf darum sei alles andere als gewonnen.
Schweizer Startups: Ideen vorhanden, Kapital fehlend
Im Bereich Unternehmertum zeigt sich Lipp differenziert. Die Schweiz, insbesondere das Dreieck ETH Zürich, Schlieren und EPFL Lausanne, produziere hochkarätige Startups. Das Problem liege nicht in der Gründungsphase, sondern im Skalieren. Wer wachsen wolle, gehe nach Amerika, wo bessere Kapitalmärkte und grössere Risikobereitschaft der Investoren warten. Selbst Erfolgsgeschichten wie On Running hätten den Börsengang in New York und nicht in Zürich gemacht.
Dazu kommt eine Fehlerkultur, die Lippi als strukturell hemmend bezeichnet. Wer in der Schweiz scheitert, gilt ohne zweite Chance als gescheitert. In den USA sei Scheitern ein Lernschritt. Solange diese Mentalität nicht aufbreche, blieben echte Risikobereitschaft und unternehmerische Dynamik begrenzt.
Ein vielfältiger Wirtschaftsstandort unter Druck
Die Schweiz habe das Glück, im Gegensatz zu Deutschland mit seiner verhängnisvollen Abhängigkeit von der Autoindustrie, nie auf eine einzige Branche angewiesen gewesen zu sein. Uhren, Maschinenbau, Banken, Versicherungen, Tourismus und Pharma: Diese Diversifikation sei historisch gesehen der grösste wirtschaftliche Schutzwall gewesen.
Doch die Kosten machen dem Standort zu schaffen. Lipp zitiert einen Industriechef, der trotz klarem Bekenntnis zur Schweiz keine neuen Produktionsstätten mehr hierzulande aufbaut. Zu hoch seien Energiekosten, Löhne und Mieten. Und die Pharmaindustrie, lange das stille Rückgrat des Schweizer Wachstums, gerate durch den amerikanischen Druck auf Medikamentenpreise und Produktionsverlagerungen in unruhigeres Fahrwasser. Der starke Franken tut sein Übriges.
Das Ende der Credit Suisse: eine Zäsur
Was Lipp persönlich am stärksten bewegt hat ist das Ende der Credit Suisse, exakt vor drei Jahren. Für ihn war es nicht ein einzelnes Ereignis, sondern der Schlusspunkt eines jahrelangen Sündenfalls mit Skandal um Skandal, bis einer zu viel kam. Was ihn dabei faszinierte: Es war der erste digitale Bank Run der Geschichte. Keine Schlangen vor Schaltern, nur ein Mausklick. Die ersten, die im Oktober 2022 massenhaft abzogen, waren ein halbes Jahr vor dem endgültigen Kollaps asiatische Kunden. Lipp erinnert sich, wie er noch am Freitagabend in der SRF-Arena war, als alle sagten, es werde schon gut und am Sonntag war die Bank Geschichte.
«Es ist ein Trauma des Schweizer Finanzsystems», sagt er. Heute hat die Schweiz noch eine einzige grosse Bank. Und ob die UBS im Ernstfall überhaupt noch gerettet werden könnte, stellt er als offene Frage in den Raum.
«Bleib neugierig»: ein Motto, das trägt
Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortet Lipp ohne Zögern: Neugierig bleiben. Wer aufhört, sich für das grosse Ganze zu interessieren, werde alt im Geiste. Auch Lokalpolitik gehöre dazu: Sie sei oft belächelt, aber genau dort könne man noch etwas bewegen, Schule, Tempo 30, Quartierplanung. Engagement fange klein an.
Binci Heeb
Sehen und lesen Sie auch: KI als Verstärker des Menschen