Kurz vor der Sommerpause hat der Swiss InsurTech Hub (SIH) zur virtuellen Halbjahresversammlung geladen. Silvia Signoretti und Sharan Kaur führten durch ein dichtes Programm, das von der Rückschau auf ein ereignisreiches erstes Halbjahr über die Vorstellung einer neuen Marktintelligenz-Plattform bis zur Begrüssung dreier neuer InsurTechs reichte. Der rote Faden: Zwischen Symposien, Roadshows und einem wachsenden Ökosystem zeigt sich, wie sehr sich die Zusammenarbeit zwischen etablierten Versicherern und jungen Technologieanbietern in der Schweiz professionalisiert hat.
Silvia Signoretti, Präsidentin SIH, zog eine positive Bilanz der vergangenen sechs Monate. Der Hub habe mit thematisch fokussierten Symposien gezielt Publikum für spezifische Herausforderungen der Branche gewonnen und parallel Roadshows in der Schweiz, in London und in Italien durchgeführt. Der Austausch mit etablierten Versicherern sei dabei kontinuierlich weiter ausgebaut worden. Mit dem Sommer rückt nun eine kurze Verschnaufpause näher, bevor im September das nächste Grossereignis ansteht.
Resilience-Konferenz mit Swiss Re als Herbstauftakt
Am 3. September findet eine Risk Resilience Konferenz statt, organisiert in Zusammenarbeit mit Swiss Re. Die Veranstaltung orientiert sich am Swiss Re Sigma Report und widmet sich Klimarisiken, Katastrophenrisiken sowie dem CatNet-Instrumentarium des Rückversicherers. Erwartet werden 150 bis 200 Teilnehmende. Neben einer Podiumsdiskussion und einem Fireside Chat mit Vordenkern der Branche gibt es ein InsurTech-Showcase mit sechs Präsentationsplätzen sowie Demo-Pods, an denen Gespräche vertieft werden können. Für den Hub ist die Konferenz der erste grosse Termin nach der Sommerpause.
Fünf Jahre Swiss InsurTech Summit and Awards
Bereits jetzt wirft der Swiss InsurTech Summit and Awards seinen Schatten voraus. Die Veranstaltung findet am 1. Dezember im Google Auditorium in Zürich statt und markiert in diesem Jahr ein Jubiläum: den fünften Geburtstag des Awards. Die Bewerbungsphase für den InsurTech of the Year Award ist eröffnet, teilnahmeberechtigt sind alle Mitglieder des Verbands. Eine Jury aus Versicherungsfachleuten bewertet die Einreichungen, die zehn Finalisten pitchen live vor rund 300 Branchenvertretern vor Ort, während die Veranstaltung zusätzlich online übertragen wird. Signoretti betonte, dass es neben dem Gesamtsieger auch Kategoriesieger gibt, sodass sich die Teilnahme für viele Unternehmen lohnt. Das Programm mit den in diesem Jubiläumsjahr besonders hochkarätigen Sprechern wird erst nach der Sommerpause bekanntgegeben.
Vom Report zur lebendigen Marktintelligenz-Plattform
Einen inhaltlichen Schwerpunkt der Versammlung bildete die Vorstellung einer neuen Marktintelligenz-Plattform, die in enger Zusammenarbeit mit AXA entstanden ist. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass klassische Marktberichte zu statisch sind, um mit dem Tempo der technologischen Entwicklung mitzuhalten: Was heute gilt, kann in sechs Monaten bereits überholt sein. Entstanden ist deshalb kein Report im klassischen Sinn, sondern ein laufend aktualisiertes System aus einem allgemeinen Marktüberblick, dem sogenannten Player’s Playbook, und einem detaillierten InsurTech Trend Radar, der Partnerschaften, Anwendungsfälle und den nachweisbaren Impact einzelner InsurTechs abbildet.
Die Datenbasis ist beachtlich: Ausgehend von einem globalen Universum von über 1000 InsurTechs wurde die Auswahl auf rund 400 für den europäischen Markt relevante Unternehmen verdichtet, aus denen wiederum ein kleinerer Kreis für vertiefte Analysen qualifiziert wurde. Abgedeckt wird dabei die gesamte Wertschöpfungskette der Versicherungsbranche von Produktdesign über Underwriting, Risikomanagement, Schadenbearbeitung, Distribution, Policenverwaltung bis zu Kundenbindung und Daten und KI.
Daniel Steingruber von AXA Schweiz, verantwortlich für Open Innovation, schilderte aus erster Hand, wie das Instrument im Unternehmen genutzt wird. Aus einer reaktiven Haltung gegenüber Startup-Anfragen sei durch die Plattform eine strategische Priorisierung geworden. Besonders wertvoll sei, dass die Inhalte konsequent in der Sprache der Versicherungswirtschaft aufbereitet seien, was den internen Dialog zwischen Innovationsabteilung und Fachbereichen erheblich erleichtere. Die Plattform fungiere zudem als eine Art Heatmap dessen, was Wettbewerber im Markt bewegten, was intern durchaus einen motivierenden FOMO-Effekt erzeuge. Aus einem ursprünglichen Reporting-Tool sei so ein echtes Entscheidungsinstrument geworden.
Auf Nachfrage, wo für AXA aktuell die grösste Dynamik liege, nannte Daniel Künstliche Intelligenz in der Distribution sowie die Modernisierung der Schadenbearbeitung als die beiden zentralen Themenfelder. Gerade im Schadenbereich sehe man enormes Potenzial, verbunden mit der Herausforderung, bestehende Prozesse nicht nur zu digitalisieren, sondern grundlegend neu zu denken.
A68: Betrugserkennung mit einem Netzwerk spezialisierter Agenten
Als erstes neues Mitglied stellte sich A68 vor, vertreten durch Mitgründer Julian Becker. Das Unternehmen adressiert Versicherungsbetrug in der Schadenbearbeitung, ein Problem von erheblichem finanziellem Ausmass: Allein in Deutschland belaufen sich die jährlichen Schäden durch Versicherungsbetrug auf rund sechs Milliarden Euro, in den USA auf 308 Milliarden Dollar, wobei schätzungsweise jeder zehnte Schadenfall verdächtig ist.
A68 hat rund 160 spezialisierte Agenten entwickelt, die klassische Machine-Learning-Modelle, forensische Verfahren und moderne Sprachmodelle kombinieren. Ein übergeordnetes Supervisor-Modell aggregiert die Ergebnisse und liefert eine Gesamteinschätzung an die Sachbearbeitung. Geprüft werden dabei unter anderem Plausibilitäten, Onlineabgleiche sowie forensische Fragestellungen wie die KI-Generierung oder digitale Bearbeitung eingereichter Bilder. In einer Fallstudie mit dem Partner Insmoo konnte die Lösung 160 Prozent mehr Betrugsfälle identifizieren, wobei rund 1,9 Prozent der geprüften Schäden tatsächlich betrügerisch waren. Gleichzeitig sank der Bearbeitungsaufwand pro Fall um rund die Hälfte, da die Triage nun gezielter auf auffällige Fälle lenkt. Als grösste Herausforderung nannte Becker die langen Verkaufszyklen in der Versicherungsbranche, teils über anderthalb Jahre bis zum Abschluss.
Mavenblue: Effizienz für Aktuare ohne KI-Versprechen
Mit Mavenblue stellte sich ein niederländisches, 2016 gegründetes InsurTech vor, das sich bewusst nicht über Künstliche Intelligenz positioniert, sondern über konkrete Effizienzgewinne für Aktuariat und Risikomanagement. Andreas Meyer, der das Unternehmen vertrat, beschrieb zwei zentrale Problemfelder als Ausgangspunkt: die Preisfindung und das Bilanzmanagement.
Bei der Preisfindung setzt Mavenblue auf ein zirkuläres Modell aus Preisbildung, Rollout, Monitoring und Anpassung, wobei insbesondere die Umsetzung neuer Tarife beschleunigt wird. Aus der fertigen Preislogik generiert die Software einen sogenannten Rating Artifact, kompilierbaren Code in Java, C oder COBOL, der direkt in bestehende Bestandsführungssysteme integriert werden kann, ohne dass komplexe IT-Projekte nötig sind. Was bei manchen deutschen Versicherern bislang bis zu sechs Monate dauerte, lässt sich damit auf Stunden bis Tage verkürzen. Im Bereich Bilanzmanagement bietet Mavenblue eine zentrale Datenbasis für Reporting, Kapitalanforderungen und Stresstests, die Auswertungen von Wochen auf Stunden reduziert.
Vectoryx: Sachschadenmanagement als Datenproblem
Den Abschluss der Vorstellungsrunde bildete Vectoryx, ein deutsches Unternehmen mit Aktivitäten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA. CEO Alexander Nett begründete den Ansatz mit eigener Erfahrung als früherer Immobilienverwalter: Bei einem Schadenfall müssen typischerweise sieben verschiedene Parteien koordiniert werden, vom Eigentümer über den Makler bis zum Bauunternehmen, was allein vor der Meldung an den Versicherer erhebliche Overheadkosten verursacht.
Vectoryx positioniert sich als White-Label-Lösung, die als Schnittstelle zwischen allen Beteiligten fungiert, Anrufe entgegennimmt, Unterlagen einholt und dem Versicherer am Ende einen entscheidungsreifen Fall mit Kostenschätzung und Deckungsanalyse übergibt. Nach Unternehmensangaben lässt sich die Bearbeitungszeit auf diese Weise von Monaten auf Minuten verkürzen, bei Einsparungen von bis zu 1000 US-Dollar pro Schadenfall und Kosten von 150 US-Dollar je bearbeitetem Fall. Der Fokus liegt auf Frequenzschäden im Privat- und teilweise Gewerbebereich zwischen 2000 und 15000 Euro, während komplexe Grossschäden ausserhalb des Zielsegments liegen.
Ein Ökosystem, das weiterwächst
Die Versammlung machte einmal mehr deutlich, wie stark sich der Swiss InsurTech Hub als Vermittler zwischen etablierten Versicherern und innovativen Technologieanbietern etabliert hat. Ob Betrugserkennung, Preisfindung oder Schadenmanagement, die vorgestellten Lösungen zeigen, dass der Innovationsdruck in der Branche unvermindert hoch bleibt und zunehmend konkrete, messbare Resultate liefert. Mit dem Herbstprogramm rund um die Resilience-Konferenz und dem fünften Jubiläum des Summit and Awards hat sich der Hub bereits ambitionierte Ziele für die zweite Jahreshälfte gesetzt.
Binci Heeb
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