Grosse Konzerne, dicke Vertragswerke, standardisierte Tarife auf Basis statistischer Durchschnittswerte: So kennen wir die Versicherungsbranche. Doch was, wenn man dieses Modell komplett umdreht? Was, wenn Versicherung dynamisch, dezentral und in Echtzeit funktionieren würde, getrieben von individuellem Wissen statt von Kollektivdaten?
Der Podcast «Paul the Insurer» hat diese Gedankenübung gewagt und dabei einen ungewöhnlichen Paten bemüht: Friedrich August von Hayek, den österreichischen Ökonomen, der Zeit seines Lebens für spontane Ordnung, individuelle Freiheit und dezentrale Entscheidungsfindung eintrat. Während die Versicherungswirtschaft traditionell auf zentraler Steuerung, dichter Regulierung und gepoolten Risiken beruht, ging Hayek davon aus, dass Gesellschaften dann am besten funktionieren, wenn Einzelne auf Basis ihres lokalen, situativen Wissens entscheiden dürfen. Was würde eine Versicherung nach diesem Prinzip eigentlich ausmachen?
Risikobewertung in Echtzeit statt starrer Tabellen
Anstelle starrer versicherungsmathematischer Tabellen würde ein solcher Versicherer laufend Daten erfassen, etwa aus Smart-Home-Sensoren, Wearables, GPS-Bewegungsprofilen oder Mobilfunknutzung. Risiko würde dynamisch bepreist, ausgehend vom individuellen Verhalten und Kontext, nicht von Bevölkerungsdurchschnitten. Die Hausratprämie würde sich automatisch anpassen, je nachdem ob die Alarmanlage aktiv ist oder ein Sturm angekündigt wird.
Peer-to-Peer statt anonymer Massenpools
Statt in einen riesigen, anonymen Topf einzuzahlen, könnten sich Einzelpersonen zu kleinen, selbstverwalteten Versicherungsgruppen zusammenschliessen. Diese Gemeinschaften würden selbst entscheiden, wer aufgenommen wird, welche Risiken abgedeckt sind und wie Überschüsse verteilt werden, eine Art digital neu gedachte gegenseitige Hilfe. Man stelle sich eine Gruppe von Freelancern vor, die sich gegenseitig gegen Gesundheitsrisiken absichert und über ein transparentes Abstimmungsverfahren gemeinsam über Ansprüche entscheidet.
Preise als Träger von Information
In Hayeks Denken tragen Preise Information. Ein solcher Versicherer würde Prämien nach Marktkräften schwanken lassen, Anreize für Risikominderung setzen und die Bepreisung laufend anpassen. Wer seltener zu unsicheren Zeiten fährt, sieht seine Autoprämie automatisch sinken. Wer in bessere Sicherheitstechnik fürs Haus investiert, sieht seine Prämie unmittelbar sinken.
Smart Contracts statt Kleingedrucktem
Komplexe, mehrdeutige Vertragswerke würden durch Smart Contracts ersetzt, transparente, manipulationssichere Vereinbarungen, die als Code auf einer Blockchain hinterlegt sind und automatische Auszahlungen auslösen, sobald definierte Bedingungen eintreten. Fällt ein Flug aus, weiss das System es sofort und zahlt umgehend aus, ganz ohne Papierkram und Wartezeit.
Maximale Freiheit durch modularen Schutz
Nutzerinnen und Nutzer wären nicht länger an starre Jahrespolicen gebunden. Stattdessen liessen sich Mikro-Deckungen flexibel zusammenstellen: Gesundheitsschutz für eine Woche, Cyberschutz für einen Monat, Reiseschutz für einen Tag. Versicherung würde damit einem Streamingdienst ähneln, flexibel, bedarfsgerecht und auf den jeweiligen Lebensstil zugeschnitten.
Warum das relevant ist
Die traditionelle Versicherungswirtschaft bremst Innovation häufig durch träge Prozesse und veraltete Modelle aus. Ein Versicherer nach Hayeks Vorbild würde das Gegenteil tun: Innovation fördern, Eigenverantwortung belohnen und die Kontrolle zurück in die Hände der Einzelnen legen. Ansätze davon existieren bereits, etwa bei InsurTechs wie Lemonade oder Teambrella sowie bei parametrischen Produkten für Landwirtschaft und Reisen. Doch das ist erst der Anfang. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob diese Art von Versicherung entstehen wird, sondern wer sie als Erstes baut.
Binci Heeb
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