Versicherung wird nicht mehr gesucht, denn sie erscheint dort, wo sie gebraucht wird. Am Symposium von Swiss InsurTech Hub und Insurance Observatory zu «Embedded Insurance» an der ETH Zürich zeigte sich, wie stark sich das Geschäftsmodell der Branche verändert: Weg vom eigenständigen Produkt, hin zum unsichtbaren Bestandteil digitaler Alltagsprozesse.
Als sich am 20. Januar 2026 Fachleute aus Versicherungen, Plattformökonomie und Insurtechs im Hauptgebäude der ETH Zürich trafen, war der Tenor schnell klar: Das klassische Versicherungsmodell steht unter Druck. In der Eröffnung des Symposiums zum Thema «Embedded Insurance» sprach Silvia Signoretti, Präsidenten vom Swiss InsurTech Hub offen davon, dass das traditionelle Modell für viele Konsumentinnen und Konsumenten zunehmend «Nonsense» werde. Versicherungen werden nicht mehr aktiv gesucht, sondern sollen dort erscheinen, wo sie gebraucht werden, nämlich im Moment des Kaufs, möglichst reibungslos und ohne zusätzlichen Aufwand. Embedded Insurance steht genau für diese Verschiebung.
Im Kern bedeutet «Embedded Insurance», dass Versicherungsschutz direkt in den Kaufprozess eines nicht-versicherungsnahen Produkts oder einer Dienstleistung integriert wird. Pia Bodner, CEO von Allianz Partners Schweiz , schlug in ihrer Keynote vor, sich zunächst auf eine gemeinsame Definition zu einigen. Für sie besteht Embedded Insurance aus zwei Elementen: einer Versicherungslösung und ihrer nahtlosen Integration in eine fremde Customer Journey. Daraus ergeben sich unterschiedliche Ausprägungen, von «soft embedded», bei dem Kundinnen und Kunden aktiv zustimmen, bis zu «invisible embedded», bei dem der Versicherungsschutz automatisch Teil des Angebots ist und gar nicht mehr als separater Schritt wahrgenommen wird.
Warum der Markt explodiert
Dass dieses Modell rasant wächst, zeigen die Zahlen, die im Laufe des Tages mehrfach genannt wurden. Der weltweite Markt für Embedded Insurance lag 2024 bei rund 150 Milliarden Dollar und soll bis 2030 auf 700 bis 900 Milliarden anwachsen. Die jährlichen Wachstumsraten liegen deutlich über jenen klassischer Versicherungssparten. Treiber sind vor allem digitale Plattformen, die den direkten Kundenzugang besitzen, über Daten verfügen und ein hohes Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Für viele Konsumentinnen und Konsumenten ist es heute naheliegender, einer Bank-App, einer Reiseplattform oder einem Mobilfunkanbieter zu vertrauen als einem Versicherer, den man nur einmal im Jahr kontaktiert.




Beispiele aus der Praxis
Wie «Embedded Insurance» konkret aussehen kann, zeigten mehrere Praxisbeispiele. Allianz Partners integriert in der Schweiz unter anderem Reise- und Mobilitätsversicherungen direkt in Kreditkarten- und Banking-Apps. Kundinnen und Kunden sehen ihre Versicherungen dort, wo sie ohnehin täglich unterwegs sind. Schäden können direkt aus der Bank-App gemeldet werden, ohne Medienbruch. Gleichzeitig entstehen neue Zusatzservices, etwa automatische Benachrichtigungen bei Flugverspätungen oder der Zugang zu Lounges bei Reiseproblemen. Versicherung wird so Teil eines umfassenderen Service-Ökosystems.
Noch radikaler ist das Modell von Ledgertech, das eine Pay-as-you-go-Reiseversicherung vorgestellt hat. Die Kundin schliesst einmal jährlich eine Grundpolice ab. Abgerechnet wird aber nur für die Tage, an denen sie sich tatsächlich im Ausland aufhält. Das System erkennt über den Mobilfunkanbieter, wann jemand reist. Versicherung beginnt automatisch mit der Reise und endet bei der Rückkehr. Laut Ledgertech liegen die Abschlussquoten bei rund 35 Prozent. Das ist ein Vielfaches dessen, was klassische Online-Versicherungsangebote erreichen. Der Grund: Die Versicherung passt sich dem Nutzungsverhalten an, nicht umgekehrt.
Auch im Schadenmanagement zeigt sich, wie stark «Embedded Insurance» Prozesse verändern kann. Das Insurtech Insurteam arbeitet im Reisebereich mit Plattformen zusammen und kommuniziert mit Versicherten über WhatsApp statt über separate Apps. Kunden werden automatisch erkannt, weil ihre Daten aus dem Buchungssystem stammen. Im Schadenfall müssen sie nur noch ein Foto des Schadenformulars schicken oder wenige Fragen beantworten. In vielen Fällen werden Schäden innerhalb von Minuten reguliert. Für Versicherer bedeutet das tiefere Kosten, für Kundinnen eine deutlich bessere Erfahrung.
Nutzen und offene Fragen
Der Nutzen von «Embedded Insurance» verteilt sich auf mehrere Ebenen. Für Versicherer eröffnet sich ein stark wachsender Markt mit Zugang zu neuen Kundengruppen, die sonst kaum aktiv eine Police abgeschlossen hätten. Für Plattformen ist Versicherung ein Differenzierungsmerkmal und oft auch ein zusätzlicher Ertragstreiber. Studien, die am Symposium zitiert wurden, zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Produkt online zu kaufen, deutlich steigt, wenn ein passender Versicherungsschutz integriert ist. Für Konsumentinnen und Konsumenten liegt der Vorteil vor allem in der Bequemlichkeit: Die Versicherung ist genau dann da, wenn sie gebraucht wird, und bezieht sich klar auf eine konkrete Situation.
Gleichzeitig bleiben viele Fragen offen. Wer besitzt die Kundendaten, wenn Plattform und Versicherer zusammenarbeiten? Wie transparent muss ein Angebot sein, damit Kundinnen nicht das Gefühl haben, «hineingeschoben» zu werden? Und wie reagiert die Regulierung, insbesondere in der Schweiz, auf Modelle, bei denen Versicherung praktisch unsichtbar wird?
Ein grundlegender Wandel
Das Symposium an der ETH Zürich machte deutlich, dass «Embedded Insurance» mehr ist als ein kurzfristiger Trend. Es ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels: Versicherung löst sich von der Idee des eigenständigen Produkts und wird Teil alltäglicher digitaler Abläufe. Für viele Menschen wird sie damit nicht wichtiger, aber selbstverständlicher. Und genau darin liegt vermutlich ihr grösster Erfolg.
Binci Heeb
Den zweiten Teil über das Symposium an der ETH Zürich lesen Sie am 26. Januar 2026.
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