Der Sommer ist vorbei, der Terminkalender des Swiss InsurTech Hub ist es nicht: Zum Auftakt des zweiten Halbjahres versammelte die Community gleich vier neue Insurtechs, einen frisch gewonnenen Sponsoring-Partner und die Vorfreude auf den fünften Geburtstag des Verbands. Innovation, so viel ist klar, kennt keine Betriebsferien.
Silvia Signoretti, die Präsidentin des Swiss InsurTech Hub (SIH) eröffnete die General Assembly mit dem Verweis auf die Dichte der kommenden Wochen. Bereits am 3. September fand der Risk Resilience Summit statt, eine Kooperation mit Swiss Re und mehreren Partnern, die restlos ausgebucht war. Zudem öffnete eine «Innovation Discovery Alley», in der Insurtechs und Swiss-Re-Lösungen wie RDS und Fathom gezeigt wurden.
Wichtiger für die Szene selbst dürfte allerdings ein anderes Datum sein: der 10. September als Deadline für die Bewerbung zum Swiss InsurTech of the Year Award. Der Anlass fällt dieses Jahr mit dem fünften Geburtstag des Verbands zusammen und wird am 1. Dezember gefeiert mit einer Jury aus, wie Signoretti betonte, «sehr seniorigen Führungspersönlichkeiten der Versicherungsbranche», deren vollständige Zusammensetzung erst in den kommenden Tagen bekanntgegeben wird. Fünf Trophäen sind bereits bestellt: eine für den Gesamtsieger, vier für die Kategoriepreise. Ergänzt wird das Herbstprogramm durch eine neue Veranstaltung mit Millennials4Boards am 27. Oktober in Zürich. Dieses umgekehrtes Pitching-Format stellt potenzielle Verwaltungsräte und Beiräte den Insurtechs vor, statt umgekehrt.
Adnovum steigt als Sponsor ein
Mit Dr. Christian Straube stellte sich erstmals Adnovum als neuer Sponsoring-Partner des SIH vor. Der Technologie- und Beratungsdienstleister mit Schwerpunkt Digital Resilience positioniert sich im Spannungsfeld zwischen notwendiger Anpassungsgeschwindigkeit und regulatorischer Stabilität und somit jenem «Transformationsparadox», wie Straube es nannte, in dem Versicherer gleichzeitig schnell und compliant Veränderungen umsetzen müssen. Adnovums Motivation für die Sponsoring-Partnerschaft in diesem Kontext: Insurtechs liefern die Innovation, Adnovum sorgt dafür, dass Versicherer sie sicher und skalierbar übernehmen können. Erste Gespräche laufen bereits mit verschiedenen InsurTechs des SIH.
Im Zentrum von Straubes Präsentation stand ein neues Angebot, die «AI-native Software Delivery». Anders als aktuelle GenAI-Generatoren für die Applikationsentwicklung besteht die Factory aus vier Komponenten, die den gesamten Entzugrunde reine Coding-Tools liefere sie nicht nur Code, sondern awicklungszyklus abdecken und so nicht nur Code, sondern saubere Requirements in auditierbare, wartbare und erweiterbare Software überführt, die regulatorischen Anforderungen entspricht, wahlweise mit fixem Outcome oder auf Pay-per-Use-Basis. Für Insurtechs, die zwischen Kundenwachstum und knappen Engineering-Ressourcen jonglieren, soll das Modell Kapazität kurzfristig skalierbar machen, ohne dass technische Schulden oder Compliance-Lücken entstehen.
Capitalwise: eine gemeinsame Uhrzeit für Kapital
Akanksha Rais, Gründerin und CEO von Capitalwise, adressiert ein Problem, das ihr aus über 20 Jahren Versicherungserfahrung vertraut ist: Reserving, Kapitalplanung, Solvenzanalyse und Investment-Portfolio laufen bei den meisten Versicherern getrennt, mit dem Ergebnis, dass Reportings mehrere Wochen brauchen und bei Ankunft im Vorstand bereits veraltet sind. Capitalwise verbindet diese vier Bereiche auf einer Plattform, berechnet verfügbares Kapital in Echtzeit und ermöglicht Stresstest-Simulationen, die sonst Tage dauern. Partnerschaften mit Parameta Solutions (TP ICAP) und VisGRC sollen zusätzlich Echtzeit-Marktdaten in die Risikoregister der Versicherer einspeisen. Die Lösung versteht sich explizit als Ergänzung zu bestehenden Accounting-Systemen wie SAP FSCM, nicht als Konkurrenz.
Liabix: Physik gegen Versicherungsbetrug
Deutlich technischer wird es bei Liablix. Das italienische Insurtech rekonstruiert Kfz-Unfälle aus Fotos in 3D und kombiniert dabei künstliche Intelligenz mit einer selbst entwickelten physikbasierten Simulation, ohne Game-Engine-Zukauf, sondern aus einer über 15 Jahre gewachsenen Eigenentwicklung. Das System prüft, ob Schäden, Unfallhergang und Verletzungen konsistent sind, und liefert Versicherern einen standardisierten Betrugsrisiko-Score. Die präsentierten Zahlen sind bemerkenswert: In der Produktivdatenbasis der bestehenden Kunden gelten rund 30 Prozent der Fälle als betrugsverdächtig, 15 bis 20 Prozent bestätigen sich, gegenüber lediglich 2 Prozent, die klassische Methoden aufdecken. Bei teilweise abgelehnten oder gekürzten Ansprüchen resultiere eine Einsparung von 40 bis 80 Prozent des Schadenwerts. Liablix ist bereits in Italien, Deutschland, Spanien und Portugal produktiv im Einsatz, UK und die USA sollen folgen.
Briano: Versicherungs-KI für kleine Sprachen
Briano bringt Erfahrung aus dem Aufbau des grössten Healthtech-Unternehmens Georgiens mit. Das neue Unternehmen automatisiert Kundenkommunikation, Dokumentenprüfung und Schadenbearbeitung im Gesundheitsversicherungsbereich über Sprach- und Chat-Agenten. Es handelt sich um ein Claims-Pilot-Modul und ein Qualitätssicherungstool, das Kundengespräche auswertet. Der Clou liegt in der sprachlichen Spezialisierung: Briano ist gezielt auf «kleine Sprachen» mit weniger als 20 Millionen Sprechern ausgerichtet, für die grosse Sprachmodelle traditionell schlechter funktionieren. Mit über zehn Unternehmenskunden in Georgien, Frankreich, den Benelux-Staaten und Zentralasien – darunter Marktführer wie Tbilisi Insurance und GPI Holdings – deckt Briano bereits mehr als 60 Prozent seines Heimatmarkts ab.
Crashwise: Die Unfallmeldung wird digital
Den Abschluss machte Crashwise, ein österreichisches Insurtech, das aus über 20 Jahren eigener Versicherungserfahrung entstand. Alle 0,8 Sekunden ereignet sich in Europa ein Verkehrsunfall, dies sind 40 Millionen pro Jahr, und für Flottenbetreiber bedeutet jeder davon im Schnitt 600 Euro zusätzliche Verwaltungskosten durch fehlende Fotos, unvollständige Berichte oder unleserliche Angaben. Crashwise führt Fahrer per KI-Agent direkt am Unfallort durch eine strukturierte, qualitätsgeprüfte Dokumentation, verarbeitet die Daten zu einem verifizierten digitalen Fall und übergibt eine elektronisch signierte Schadenakte an Flotten- und Versicherungssysteme. Seit dem Marktstart im Juni hat Crashwise erste zahlende Kunden gewonnen, eine Pipeline von über 1’000 Flottenentscheidern aufgebaut und Absichtserklärungen für mehr als 30’000 Fahrzeuge gesammelt. Nach dem Gewinn des grössten österreichischen Startup-Wettbewerbs expandiert das Unternehmen nun nach Deutschland und in die Schweiz und sucht Pilotpartner unter den Motorfahrzeugversicherern.
Ein Hub, der wächst
Vier sehr unterschiedliche Ansätze: Kapitalsteuerung, Betrugserkennung, Gesundheitsautomatisierung und Unfalldokumentation, ein gemeinsamer Nenner: Alle vier Insurtechs adressieren jenen Punkt, an dem Versicherer traditionell am meisten Zeit verlieren, nämlich die Lücke zwischen Ereignis und verlässlicher Information. Dass sich mit AdNovum gleichzeitig ein etablierter Software-Dienstleister dem Hub anschliesst, passt ins Bild: Wer Innovationstempo will, braucht offenbar auch jemanden, der das Tempo hält, ohne die Kontrolle zu verlieren.
Binci Heeb
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