Zwischen Waffenstillstand im Nahen Osten, einem neuen Fed-Chef und dem grössten Börsengang aller Zeiten zeichnet der jüngste «Perspektiven»-Bericht von Swiss Life Asset Managers ein Bild vorsichtiger Stabilität. Die Weltwirtschaft wächst, aber sie wächst ungleich und die Anleger werden vorsichtiger, gerade wenn die Kurse am höchsten stehen.
Die USA schöpfen ihr Potenzial mit rund zwei Prozent Wachstum aus, doch von Überhitzung will Swiss Life nicht sprechen. Privatkonsum und Investitionen ausserhalb der KI-Branche bleiben schwach, der Arbeitsmarkt balanciert seit rund anderthalb Jahren im Gleichgewicht. Spannender ist die Geldpolitik: Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh richtete an seiner ersten Sitzung restriktive Töne aus, dürfte die hohe Kerninflation aber vorerst aussitzen. Sein Interesse an der «Trimmed-Mean-Inflation» – einem um Ausreisser wie explodierende Memorychip-Preise bereinigten Mass – deutet darauf hin, dass er sich Zeit kaufen will, bevor er eine Zinsentscheidung fällt.
Europa hebt, Frankreich hofft, Deutschland stockt
Die EZB hat im Juni geliefert und den Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben, die erste Erhöhung seit fast drei Jahren. Präsidentin Lagarde warnt vor einer Ausbreitung der Inflation über den Energiesektor hinaus, Swiss Life bleibt bei der Erwartung grosser Zweitrundeneffekte aber skeptisch. Deutschland zeigt derweil eine unschöne Spaltung: Während die Industrie robust bleibt, sackt der Dienstleistungs-PMI auf den tiefsten Stand seit über drei Jahren. Frankreich liefert ein widersprüchliches Bild zwischen sinkenden Treibstoffpreisen und pessimistischer werdenden Industrieumfragen.
Schweiz: Inflation tiefer, Wachstum solide
Für die Schweiz revidiert Swiss Life die Inflationsprognose für 2026, entgegen dem europäischen Trend, erneut nach unten. Der Heizölpreis tendiert seit Mai nach unten, Zweitrundeneffekte ausserhalb des Transportsektors bleiben praktisch inexistent. Das Wachstum entwickelt sich moderat, aber solide entlang der Erwartungen, gestützt durch die expansive SNB-Politik, die Normalisierung der Stromimporte nach der Wiederaufnahme in Gösgen und eine absehbare Entspannung im Nahen Osten.
SpaceX, Selektivität und ein zurückhaltenderes Aktienbild
An den Finanzmärkten sorgte der Börsengang von SpaceX, der grösste aller Zeiten, für Schlagzeilen, mit Kursgewinnen von bis zu 50 Prozent in der ersten Woche. Swiss Life mahnt trotzdem zur Vorsicht: Historisch enttäuschten grosse IPOs auf Jahressicht meist deutlich, mit mittleren Drawdowns von rund 50 Prozent. Insgesamt stuft Swiss Life Aktien nun auf neutral herab, reduziert Übergewichte in den USA und Schwellenländern und baut stattdessen eine Position in japanischen Aktien auf. Die Botschaft ist unmissverständlich: Nach der starken Rally ist die Messlatte höher geworden, und im überfüllten KI-Handel fehlen kurzfristige Katalysatoren.
Schwellenländer als stille Gewinner
Fernab der Schlagzeilen überraschen die Emerging Markets positiv. Rohstoffexporteure profitieren von besseren Terms of Trade, während Taiwan und Südkorea vom KI-Boom getragen werden – Taiwans Wirtschaft wuchs im ersten Quartal um 14,6 Prozent, der stärkste Anstieg seit 1987. Mit der graduellen Öffnung der Strasse von Hormus hellen sich die Aussichten besonders für Nettoenergieimporteure wie Indien auf. China bleibt zweigeteilt: Der Immobiliensektor belastet weiter, doch der Hightech-Sektor mit Robotik, Halbleitern und Elektrofahrzeugen wächst zweistellig und kompensiert die strukturelle Schwäche zumindest teilweise.