An der Generalversammlung des Swiss InsurTech Hub stand weniger Vereinsroutine als vielmehr Marktmechanik im Fokus: internationale Roadshows, ein London-Abend in der Schweizer Botschaft, konkrete Pitch-Formate und viel Realismus beim Thema Fundraising für europäische InsurTechs.
Der Swiss InsurTech Hub (SIH) nutzte die General Assembly am 24. Februar 2026, um den Event-Fahrplan für den Rest des Jahres zu schärfen mit einem klaren Höhepunkt im März in London. Geplant ist eine London Roadshow mit einer Delegation von Startups und Besuchen bei Versicherungs-Incumbents in der City. Am Vorabend der Konferenz InsurTech Insights (18./19. März) folgt ein Networking-Event in der Schweizer Botschaft, mitorganisiert von Starmind.
Die Botschaftsveranstaltung soll Keynotes, eine Paneldiskussion sowie – als eher seltenes Format im InsurTech-Umfeld – eine Buchsignierung enthalten. Der Hub rief die Community dazu auf, die London-Tage als «Cluster-Moment» zu nutzen: Delegation, Side-Events, Panels, Social Activities und der Austausch zwischen Incumbents und InsurTechs als wiederkehrendes Erfolgsrezept.
Roadshows als Matchmaking-Engine zwischen Incumbents und InsurTechs
Inhaltlich legte der Hub dar, warum das Roadshow-Format sich inzwischen «bewährt» hat (vierter Durchlauf): Versicherer liefern im Vorfeld konkrete Themen- und Zielkataloge, der Hub matcht diese mit passenden Lösungen aus dem Netzwerk. So entsteht ein strukturierter Dialog: weniger «Pitch ins Blaue», mehr zielorientierter Austausch. Neben London werden auch Italien (Frühling) und Schweiz (Sommer) als wiederkehrende Stationen genannt; zudem laufen Abklärungen für weitere Destinationen.
Fundraising: «In Europa ist es statistisch härter»
Ein deutliches Signal kam aus der Investorensicht: Ernesto Costa, ehemaliger VC und Impact-Investor mit Fokus auf Private Insurance, kündigte ein Webinar an, das vor einer kommenden Pitch-Session von InsurAngel Swiss stattfinden soll. Seine Diagnose: Fundraising sei nicht nur «gerade» schwierig, sondern für europäische InsurTechs strukturell anspruchsvoller. Er verwies auf die Diskrepanz zwischen der europäischen InsurTech-Dichte und dem Anteil der 2025 abgeschlossenen Finanzierungsrunden.
Im Webinar will er vier Felder abdecken:
- Investor-Logik und De-Risking je nach Geschäftsmodell (MGA, Distribution, Software)
- Valuation & KPIs, die bei Seed/Series A typischerweise erwartet werden
- Prozessführung, Investorensuche, Materialqualität, Momentum – inklusive Tooling
- Term-Sheet-Klauseln, die Kontrolle, Folgerunden und Exit-Ökonomie beeinflussen
Parallel bewarb InsurAngel Suisse die nächste Pitch-Session (23. März in Zürich, vier Start-ups; Teilnahme auf Einladung).
Europa-Finanzierung: Schweiz wieder «voll dabei» bei Horizon Europe
Einen zweiten Schwerpunkt setzte Euresearch: Tim Llewellyn (Digital National Contact Point) erklärte der Community, welche EU-Instrumente für Deep-Tech- und KI-getriebene Vorhaben relevant sind und was sich durch die Wiederassoziierung der Schweiz an Horizon Europe Ende 2025 verändert. Seine Kernaussage: Schweizer Startups und KMU erhalten wieder vollen Zugang zu Programmen, inklusive Beratung durch Euresearch.
Er verwies zudem auf den europäischen KI-Policy-Stack: «AI Continent Action Plan» (April 2025): Infrastruktur, Datenzugang, Skills, Algorithmen, Regulierung und «Apply AI Strategy» (November): stärker sektor- und wettbewerbsorientierte Förderung.
Pragmatisch interessant für InsurTechs sind schnell verfügbare Compute-Ressourcen («AI Factories») sowie, perspektivisch, domänenspezifische Datenlabore (z. B. für Klima-, Wetter- oder Erdbeobachtungs-Daten), die in Risikomodellen und Betrugs-Setups relevant werden können.
Beim EIC Accelerator skizzierte Llewellyn ein «VC-ähnliches» Förderinstrument mit Blended Finance (Zuschuss plus Eigenkapital) und Ticketgrössen «typischerweise bis 10 Mio. Euro» inklusive Mentoring und Netzwerk. Zahlen und Volumen ordnete er als 2025er Aktivität ein (u. a. rund 100 geförderte Firmen; mehrere Schweizer Erfolge). Für die Praxis ist es wichtig, dass die Einreichungen grundsätzlich laufend möglich sind, die Evaluationsfenster jedoch gebündelt sind.
Vier Lösungen, vier Engpässe – ein gemeinsames Motiv: Geschwindigkeit
In den Startup-Pitches spiegelte sich ein branchenweites Muster: Zeit ist der Engpass in der Policierung, im Dokumentenfluss, in der Risikoselektion und im Vertriebstraining.
Lifeinsure positionierte sich als digitale Plattform für reine Todesfallrisiken in der Schweiz mit dem Versprechen «in fünf Minuten versichert», teils ohne medizinische Abklärungen bis zu einer definierten Deckungssumme. Der Markt-Claim dahinter: Der Schutzbedarf sei hoch, der Prozess heute jedoch zu langsam und papierlastige.
Der Basler KI-Anbieter Parashift AG (Dokumentenautomation) zeigte, wie sich Datenerfassung und OCR in Banken und Versicherungen industrialisieren lassen inklusive hoher Automationsquoten in geeigneten Use Cases und Compliance-Argumentation (Hosting, Löschkonzepte, Zertifizierungen). Als Referenzen wurden grosse Versicherungsnamen aus der Schweiz genannt, und der Nutzen klar quantifiziert: kürzere Durchlaufzeiten und weniger manuelle Arbeit.
Parsewise (KI Agenten für komplexe Risikoentscheidungen) demonstrierte eine Plattform, die unstrukturierte Datenbestände aus Claims/Underwriting analysiert, Risikosignale hebt und die «Top 5–10 Prozent» kritischer Fälle zur manuellen Prüfung priorisiert. Der Mehrwert: weg von Stichproben, hin zu einer Portfolio-Sicht, die jedes Dokument einbezieht inklusive Nachverfolgungs-Anspruch.
Rolevo adressierte die Produktivitätslücke im Vertrieb: Top-Berater seien zwei- bis dreimal produktiver als Durchschnitt. Klassische Trainings seien zu theoretisch, zu selten und zu generisch; nach zwei Wochen verpuffe ein Grossteil der Investition. Rolevo setzt auf KI-Rollenspiele mit sofortigem Feedback und personalisierten Lernpfaden und erhielt aus dem Hub-Management Rückenwind mit Hinweis auf strengere Anforderungen an regelmässige Schulungen für gebundene und ungebundene Vermittler.
Der Swiss InsurTech Hub wird internationaler und operativer
Die Generalversammlung machte sichtbar, wohin sich der Swiss InsurTech Hub entwickelt: weniger Netzwerk-Rhetorik, mehr Umsetzungsarchitektur. Roadshows als strukturiertes Matchmaking, London als internationaler Touchpoint, Pitch-Formate mit Fundraising-Enablement und EU-Programme als zusätzliche Kapital- und Infrastrukturspur.
Der Subtext ist deutlich: Wer InsurTech in der Schweiz skaliert, braucht heute nicht nur ein gutes Produkt, sondern Marktzugang, Finanzierungskompetenz, Daten-/Compute-Zugang und klare Compliance-Narrative. Genau an dieser Schnittstelle will der Hub die Community in den kommenden Monaten positionieren.
Binci Heeb
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