An der Risk-!n 2026 in Zürich standen zwei Sessions im Zeichen der Zukunft: Bitcoin als Grundlage einer Lebensversicherung und die bevorstehende Quantum-Ära als existenzielle Herausforderung für die Datensicherheit. Beide Themen haben mehr gemeinsam, als es zunächst scheint, sie zwingen die Versicherungsbranche, grundlegende Annahmen zu überdenken.
Binci Heeb, Chefredaktorin von thebrokernews, moderierte an der Risk-!n Konferenz 2026 eine Diskussionsrunde zu einem Thema, das im Raum zunächst für Skepsis sorgte: Bitcoin-basierte Lebensversicherung. Ihr Gast Eric Lefebvre, Versicherungsspezialist mit forensischem Investment-Hintergrund, lieferte das Grundargument: Das eigentliche Problem ist nicht die Volatilität von Bitcoin, sondern die Annahme, dass Verbindlichkeiten zwingend in Fiatwährungen denominiert sein müssen.
Das Modell ist dabei einfacher als gedacht. Wenn Prämien in Bitcoin eingehen, die Reserven in Bitcoin gehalten werden und Auszahlungen ebenfalls in Bitcoin erfolgen, fällt das Wechselkursrisiko innerhalb des Systems weg. Die Bilanz wird intern in Bitcoin geführt und am Stichtag, etwa dem 31. Dezember, zum dann gültigen Kurs in Fiat umgerechnet und dem Regulator gemeldet. Nichts davon ist rechtlich unmöglich, wie Anna-Maria D’Hulster, Verwaltungsrätin bei der UNIQA Insurance Group, bestätigte. Es braucht lediglich einen Regulator, der mitspielt.
Den gibt es bereits: In Bermuda hat die Lebensversicherung Meanwhile eine Lebensversicherungslizenz erhalten und verkauft heute Bitcoin-denominierte Produkte an Kunden in den USA. Für Europa sieht Lefebvre Liechtenstein als vielversprechendsten Standort. Das Fürstentum ist EWR-Mitglied, was einen europäischen Marktpass ermöglichen würde, und hat zudem ein Abkommen mit der Schweiz. Ob der Regulator in Vaduz bereit ist, diesen Schritt zu gehen, ist Lefebvres nächster Gesprächspartner.
Den Markt sieht er als real. Bitcoin-Besitzerinnen und -Besitzer, die langfristig in ihrer Vermögenswährung denken und ihre Familien absichern wollen, fragen nach Produkten, die in Bitcoin denominiert sind. Seit seinem Artikel zu dem Thema auf thebrokernews hätten sich zahlreiche Interessierte gemeldet. D’Hulster mahnte jedoch zu regulatorischer Sorgfalt: Ein Bitcoin-Versicherer müsse dieselben Kapitalanforderungen erfüllen wie jeder konventionelle Anbieter: möglicherweise sogar mit einem Aufschlag, solange Regulatoren das Konzept noch nicht vollständig einschätzen können.








Eine Bombe mit offenem Zünder
Während die Bitcoin-Session die Zukunft der Versicherungsarchitektur diskutierte, schlug eine Stunde später Professor Dr. Kathrin Kind, Gründerin der Plattform QubitNexus.AI und kürzlich mit einer akademischen Auszeichnung der Universität Oxford geehrt, Alarm. Ihre Botschaft war klar und unbequem: Quantencomputing ist kein Thema für übermorgen, es ist ein regulatorisches Jetzt-Problem.
Kind stellte drei Zahlen in den Raum, die sie für die Wichtigsten hielt. Erstens: Weltweit stehen Assets im Wert von einer Billion Dollar unter Verschlüsselungsrisiko. Wer kein Post-Quantum-Cryptography-Layer hat, ist erpressbar. Zweitens: Die grossen Quantencomputing-Unternehmen IonQ, SilQ und IBM erklären in Davos öffentlich, in drei Jahren bereit zu sein, heutige Verschlüsselungsstandards zu knacken. Drittens: 72 Prozent der Versicherungsunternehmen verfügen heute über keine Post-Quantum-Strategie.
Die Kernbedrohung ist die sogenannte «Harvest Now, Decrypt Later»-Strategie: Staatliche und kriminelle Akteure sammeln heute verschlüsselte Daten, in der Erwartung, sie in wenigen Jahren mit Quantencomputern zu entschlüsseln. Wer also heute sensitive Daten, beispielsweise Kundendaten, Vertragsdaten oder Finanzdaten sendet, muss damit rechnen, dass diese in absehbarer Zeit lesbar werden.
Quantenphysik für den Verwaltungsrat
Kind übersetzte die Physik für das Publikum ohne Fachjargon. Quantencomputer nutzen sogenannte Qubits, die im Gegensatz zu klassischen Bits gleichzeitig den Zustand null und eins einnehmen können, wie eine Münze, die sich dreht, bevor sie fällt. Verschränkung («Entanglement») bedeutet, dass zwei Qubits unabhängig von ihrer physischen Distanz im gleichen Zustand bleiben. Interferenz erlaubt einem Algorithmus, sich selbst zu korrigieren. Diese drei Prinzipien zusammen ermöglichen Rechenleistungen, die klassische Computer um Faktor 10’000 übersteigen.
Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das konkret: Wer zuerst über einen funktionsfähigen Quantencomputer verfügt, kann Risiken schneller bewerten, präzisere Aktuarmodelle erstellen, Betrugsversuche effizienter erkennen und CAT-Modelle mit bisher unmöglicher Tiefe durchrechnen. Wer nicht mitzieht, verliert den Wettbewerb um Kunden, noch bevor er überhaupt weiss, dass das Rennen begonnen hat.
Technologie ist neutral, Menschen nicht
Auf die Frage, ob Quantencomputer für alle zugänglich sein werden, antwortete Kind mit einem Ja, das im Saal für Stille sorgte. China hat seinen Quantencomputer-Algorithmus «Origin» bereits als Open Source veröffentlicht. Jeder kann heute über AWS, Google oder IBM auf 17 verschiedene Quantencomputer zugreifen. Die Einrichtung dauert zwei Minuten. Was fehlt, ist nicht der Zugang zur Technologie, sondern das Bewusstsein dafür.
Kinds Schlussappell richtete sich direkt an CEOs, CROs und Verwaltungsräte: Post-Quantum-Kryptographie ist nicht die Hausaufgabe der IT-Abteilung und nicht einmal die des CISO. Es ist die Hausaufgabe des Verwaltungsrats. Die Frameworks existieren, von der EU-NIS-Direktive bis zu DORA, das seit 2026 auch für Versicherungen verbindlich ist. Was fehlt, ist die Bereitschaft in den Unternehmen, diesen Wandel anzuführen.
Ihr letztes Wort an das Publikum war unmissverständlich: «Sind Sie bereit? Wenn nicht, bilden Sie sich in KI- und Quantum-Computing weiter. Es gibt keine andere Option.»
Die Risk-!n 2026 machte deutlich: Ob Bitcoin-Bilanz oder Quantenverschlüsselung, beide Themen fordern die Versicherungsbranche auf, grundlegende Gewissheiten zu überprüfen. Beides sind keine Technologiefragen. Es sind strategische und regulatorische Fragen und sie landen unweigerlich auf dem Tisch der Führungsetage.
Binci Heeb
Lesen Sie auch: Cyber ist kein IT-Problem