Die Schweiz diskutiert wieder über ihre Stromzukunft, und diesmal mit Nachdruck. Der VSE-Stromversorgungs-Index zeigt bei einem Zielwert von 100 Punkten für 2035 nur 82 und für 2050 gar nur 69 Punkte. Kritisch bleibt vor allem das Winterhalbjahr. Vier Technologien stehen zur Debatte, jede mit eigenem Preis, Tempo und Haken.
Wasserkraft liefert heute 37 Terawattstunden im Jahr und bildet die wichtigste Schweizer Stromquelle. 16 Ausbauprojekte sollen bis 2040 zwei zusätzliche Terawattstunden Winterstrom bringen, etwa durch die Erhöhung der Grimselsee-Staumauer um 23 Meter oder den neuen Speichersee Trift mit 85 Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen. Der Nachteil: lange Bewilligungsverfahren. Beim Kraftwerk Waldemme dauerte das Verfahren fast zwanzig Jahre, gebaut wurde in eineinhalb.
Kernenergie: Tür offen, aber erst nach 2050 relevant
Das Parlament hat am 19. Juni 2026 das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufgehoben, gegen die Vorlage läuft bereits ein Referendum. Ein neues Werk würde rund 13 Milliarden Franken kosten, europäische Referenzprojekte wie Hinkley Point zeigen aber Kostensteigerungen von über dem Doppelten. Bis Strom fliesst, vergehen selbst im besten Fall Jahrzehnte. Für die Winterlücke der 2030er-Jahre spielt Kernkraft daher keine Rolle.
Wind und Solar: schnell und beliebt, aber selten am richtigen Ort
Windenergie deckt heute nur 0,2 Terawattstunden, soll bis 2050 aber auf 7 Terawattstunden mit rund 1’200 Anlagen wachsen. Umfragen zeigen breite Zustimmung, konkrete Projekte scheitern aber oft am lokalen Widerstand. Photovoltaik wächst am schnellsten und deckt bereits 15 Prozent des Stroms, produziert aber vor allem im Sommer. Für Winterstrom braucht es alpine Freiflächenanlagen wie im Val d’Anniviers, wo 20 bis 25 Millionen Franken rund 4’400 Haushalte im Winter versorgen, was deutlich günstiger ist als der gleiche Effekt mit Dachanlagen, der laut BKW-Studie 65 Milliarden Franken kosten würde.
Norwegen zeigt, wie es besser geht
Ein Land, das die Schweiz oft als Vorbild zitiert, ist Norwegen. Beide Länder setzen auf Wasserkraft, doch Norwegen deckt damit fast 90 Prozent seines Strombedarfs und ist zugleich Europas grösster Stromexporteur. Der entscheidende Unterschied liegt in der Speicherkapazität: Norwegens Stauseen fassen rund 82 Terawattstunden, bis zu 70 Prozent des jährlichen Landesverbrauchs. Die Schweizer und österreichischen Alpenspeicher zusammen kommen nur auf etwa 12 Terawattstunden. Norwegen konnte seine grossen Speicherseen schon in den 1960er- und 1970er-Jahren bauen, bevor der heutige Widerstand gegen Eingriffe in die Landschaft entstand, und verfügt zudem über Seekabel nach Deutschland und Grossbritannien, die überschüssigen Strom exportieren und in Engpässen importieren. Die Schweiz hat diese Ausgangslage nicht mehr: Ihre besten Standorte sind grösstenteils genutzt, neue Projekte wie Trift oder Grimsel bringen nur einen Bruchteil dieser Grössenordnung, und ein Stromabkommen mit der EU, das den Handel absichern würde, ist weiterhin offen.
Fazit
Wasserkraft bleibt am wirksamsten für den Winter, stösst aber an geografische Grenzen. Wind ist beliebt, scheitert jedoch oft am Einzelprojekt. Solar wächst am schnellsten, braucht für den Winter aber umstrittene Alpenanlagen. Kernenergie ist wieder eine Option, aber erst für die zweite Jahrhunderthälfte. Norwegen zeigt, dass eine wasserkraftbasierte Versorgung funktioniert, wenn Speicherkapazität und Netzanbindung stimmen. Zwei Punkte, bei denen die Schweiz laut VSE-Index am schwächsten dasteht.
Binci Heeb
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