Tokenisierung: Warum Versicherer Risiko, Wert und Vertrauen neu denken müssen

Ein Vermögenswert kann heute tokenisiert werden. Aber was passiert, wenn der Token handelbar ist, der Markt trotzdem illiquide bleibt oder der digitale Anspruch nicht mit dem rechtlichen Eigentum übereinstimmt? Genau […]


Laura Arenas versteht Tokenisierung nicht als Ersatz für Vertrauen.

Laura Arenas versteht Tokenisierung nicht als Ersatz für Vertrauen.

Laura Arenas versteht Tokenisierung nicht als Ersatz für Vertrauen.

Ein Vermögenswert kann heute tokenisiert werden. Aber was passiert, wenn der Token handelbar ist, der Markt trotzdem illiquide bleibt oder der digitale Anspruch nicht mit dem rechtlichen Eigentum übereinstimmt? Genau hier beginnt die eigentliche Versicherungsfrage.

Stellen wir uns für einen Moment eine Immobilie vor. Nicht irgendeine Immobilie, sondern ein Gebäude in Zürich. Bislang ist ziemlich klar, was damit verbunden ist: Eigentum, Grundbuch, Finanzierung, Mieterträge und natürlich eine Versicherung. Nun wird der wirtschaftliche Anspruch an dieser Immobilie digital abgebildet. Aus einem schwer teilbaren Vermögenswert werden digitale Einheiten, die übertragen und möglicherweise auf einem Sekundärmarkt gehandelt werden können. Technisch ist vieles davon heute möglich. Doch sobald wir einen Schritt weiterdenken, wird die Geschichte interessanter. Was besitzt der Käufer eigentlich? Den Token? Einen Anteil am wirtschaftlichen Wert? Einen rechtlichen Anspruch? Und was geschieht, wenn die digitale Infrastruktur funktioniert, der zugrunde liegende Markt aber plötzlich illiquide wird? Noch interessanter wird es für die Versicherungswirtschaft.

Welches Risiko soll ein Versicherer in diesem Fall eigentlich versichern: den Vermögenswert, den Token oder die Infrastruktur dazwischen? Diese Fragen wirken zunächst technisch. Tatsächlich führen sie direkt zum Kern des Versicherungsgeschäfts: Was ist ein Wert, wann entsteht daraus ein Risiko und worauf basiert unser Vertrauen, dass ein Anspruch am Ende auch durchsetzbar ist? Genau hier beginnt die Geschichte der Tokenisierung für die Versicherungswirtschaft.

Von der Digitalisierung zur Tokenisierung

Die Finanzwirtschaft digitalisiert sich seit Jahrzehnten. Zunächst wurden Informationen digital, dann Prozesse. Heute erleben wir etwas anderes. Zunehmend werden wirtschaftliche Rechte und Vermögenswerte selbst digital repräsentiert. Das ist der entscheidende Unterschied. Ein digitalisiertes Dokument ist noch kein digitaler Vermögenswert. Ein tokenisierter Vermögenswert kann dagegen so strukturiert werden, dass bestimmte Rechte digital repräsentiert, übertragen und – abhängig von der rechtlichen und technischen Ausgestaltung – teilweise programmierbar werden. Damit verändert sich nicht nur die Technologie hinter einer Transaktion, sondern auch wie Wert innerhalb des Finanzsystems bewegt wird.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beschreibt Tokenisierung inzwischen als eine potenziell transformative Entwicklung der Finanzmarktinfrastruktur. In ihrer Vision eines «Unified Ledger» könnten tokenisierte Zentralbankreserven, Geschäftsbankgeld und Finanzanlagen auf einer programmierbaren Infrastruktur miteinander interagieren. Und diese Diskussion ist inzwischen weiter fortgeschritten. Im März 2026 stellte das Eurosystem seine Appia-Roadmap vor. Ziel ist die Entwicklung eines europäischen tokenisierten Finanzökosystems, in dem Zentralbankgeld weiterhin als monetärer Anker fungiert. Die Initiative soll bis 2028 weiterentwickelt werden und öffentliche wie private Marktteilnehmer zusammenbringen.

Noch konkreter wurde es mit Project Agorá. Im Mai 2026 berichtete die BIZ, dass ein Prototyp gezeigt habe, wie tokenisierte Zentralbankreserven und tokenisierte Geschäftsbankeinlagen grenzüberschreitende Wholesale-Zahlungen unterstützen können. Die Arbeiten sollen nun in Richtung Transaktionen mit realen Werten weitergeführt werden (BIZ, 2026). Das ist bemerkenswert. Damit hat sich die Diskussion ein Stück weit von der ursprünglichen Krypto-Erzählung entfernt.

Die Frage lautet heute nicht mehr nur, ob Blockchain bestimmte Finanztransaktionen schneller oder günstiger machen kann. Die grössere Frage lautet: Was passiert mit einem Finanzsystem, wenn Geld, Vermögenswerte und Vertragslogik selbst programmierbar werden? Für Versicherer ist das ein entscheidender Übergang. Denn Versicherungen reagieren nicht erst dann auf Veränderungen, wenn neue Marktstrukturen vollständig etabliert sind. Sie müssen Risiken beurteilen, während diese Strukturen noch entstehen.

Die interessanteste Frage ist nicht technologischer Natur

In meiner Dissertation «From Code to Capital: A Study of How Emerging Technologies Shape Stock Markets» habe ich mich mit den Auswirkungen von Emerging Technologies auf Finanzmärkte beschäftigt. Eine Perspektive daraus erscheint mir für die heutige Diskussion über Tokenisierung besonders relevant: Die wirtschaftliche Wirkung einer Technologie lässt sich nicht allein aus ihren technischen Möglichkeiten ableiten. Zwischen einer technologischen Möglichkeit und ihrer tatsächlichen Verbreitung liegt ein entscheidender Faktor: die Erwartung der Marktteilnehmer. Technologische Innovation schafft deshalb zunächst nicht nur Effizienz. Sie schafft auch Unsicherheit. Und Unsicherheit beeinflusst Märkte. Genau deshalb interessiert mich an der Tokenisierung weniger die Frage, ob ein Token technisch funktionieren kann. Viel spannender ist die Frage: Wann beginnen Marktteilnehmer, ihr Verhalten auf diese neue Infrastruktur auszurichten? Denn in diesem Moment wird aus Technologie wirtschaftliche Realität.

Die Illusion der automatischen Liquidität

Nehmen wir wieder unsere Immobilie. Bisher ist es schwierig, einen Anteil daran zu verkaufen. Ein Token könnte diesen Prozess technisch erheblich vereinfachen. Vielleicht kann ein Investor künftig einen kleinen Anteil erwerben und diesen nahezu jederzeit übertragen. Das klingt nach Liquidität. Aber ist es das tatsächlich? Hier lohnt sich ein zweiter Blick. Ein Token kann technisch rund um die Uhr übertragbar sein. Das bedeutet noch lange nicht, dass jederzeit ein Käufer vorhanden ist. Es braucht einen funktionierenden Markt, Preisbildung und Vertrauen, sowie ausreichend Marktteilnehmer.

Genau diese Unterscheidung ist inzwischen auch in der internationalen Forschung sichtbar. Der International Monetary Fund (IMF) kommt zu dem Schluss, dass Tokenisierung bestimmte Ineffizienzen im Lebenszyklus von Finanzanlagen reduzieren kann. Gleichzeitig können jedoch neue Ineffizienzen und Risiken entstehen – beispielsweise durch stärkere Vernetzung, geringere Liquiditätspuffer, höhere Verschuldung, fehlerhaften Code oder eine stärkere Konzentration von Marktinfrastruktur. Damit müssen wir eine attraktive Vorstellung der Tokenisierung etwas relativieren: Tokenisierung kann zwar Handelbarkeit schaffen, aber nicht automatisch einen Markt. Für einen Versicherer ist das keine akademische Unterscheidung. Bewertung und Liquidität sind zentrale Bestandteile des Risikomanagements. Wenn ein Versicherer einen tokenisierten Vermögenswert hält, muss er nicht nur wissen, dass dieser technisch übertragbar ist. Er muss auch wissen, welchen Wert dieser Vermögenswert in einem Stressszenario tatsächlich besitzt. Und genau hier treffen Technologie und klassische Finanzmarktrisiken aufeinander.

Was besitzt der Investor eigentlich?

Noch grundlegender wird die Frage, wenn wir uns vom Markt auf das Recht konzentrieren. Ein Token kann eine Aktie, eine Anleihe, einen Fondsanteil oder einen Anspruch auf einen realen Vermögenswert repräsentieren. Doch der Token selbst ist nicht automatisch gleichbedeutend mit dem wirtschaftlichen oder rechtlichen Anspruch.

Das klingt zunächst trivial. Ist es aber nicht. Denn je stärker Finanzwerte digital abgebildet werden, desto wichtiger wird die Verbindung zwischen technischer Repräsentation und rechtlicher Realität. Ein Smart Contract kann einen Transfer automatisch ausführen. Er kann aber nicht allein entscheiden, ob der zugrunde liegende Anspruch rechtlich durchsetzbar ist. Ein Ledger kann eine Transaktion eindeutig dokumentieren. Es beantwortet aber nicht automatisch die Frage, wer im Streitfall Eigentümer ist. Damit entsteht eine interessante Spannung: Die Technologie kann eine Transaktion eindeutig machen, während die rechtliche Bedeutung dieser Transaktion trotzdem komplex bleiben kann. Für die Versicherungswirtschaft ist das zentral. Denn Versicherung schützt keinen Code. Sie schützt ein wirtschaftliches Interesse.

Risiko verschwindet nicht. Es wandert.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für Versicherer. Tokenisierung wird Risiken nicht einfach verschwinden lassen. Sie wird sie teilweise verlagern. Ein traditioneller Vermögenswert bringt bekannte Risiken mit sich. Wird er tokenisiert, können zusätzliche Risiken hinzukommen: Cyberrisiken, Smart-Contract-Risiken, Daten- und Oracle-Risiken, Verwahrungsfragen oder Abhängigkeiten von bestimmten digitalen Infrastrukturen. Der IMF weist genau auf diese Ambivalenz hin: Die stärkere Integration und Programmierbarkeit tokenisierter Finanzmärkte kann Effizienzgewinne ermöglichen, gleichzeitig aber auch neue Vernetzungen und Konzentrationen sowie technische Risiken erzeugen. Auch die BIZ betont 2026, dass digitale Innovation neue makrofinanzielle Herausforderungen erzeugt und die Frage nach dem Erhalt von Vertrauen in Geld und Finanzinfrastruktur in den Mittelpunkt rückt. Das verändert die Aufgabe des Versicherers. Er muss nicht nur fragen: «Was kann hier schiefgehen?» Er muss zunehmend fragen: «Auf welcher Infrastruktur kann etwas schiefgehen?»

Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied. Aber möglicherweise ein grosser Unterschied für das zukünftige Underwriting.

Und plötzlich wird der Broker interessant

Gerade hier sehe ich eine besondere Chance für Broker. Der Broker könnte in einer tokenisierten Finanzwelt eine neue Übersetzungsfunktion übernehmen. Auf der einen Seite steht der Kunde mit seinem Vermögenswert und seinem wirtschaftlichen Interesse. Auf der anderen Seite stehen Versicherer, Rückversicherer und möglicherweise Kapitalmärkte. Dazwischen liegt eine neue Ebene: digitale Infrastruktur. Der Broker muss dann möglicherweise nicht nur verstehen, was versichert werden soll, sondern auch wie der zugrunde liegende Wert technisch und rechtlich organisiert ist. Ein Kunde könnte künftig nicht mehr nur fragen: «Ist mein Vermögenswert versichert?» Sondern: «Was passiert mit meinem Versicherungsanspruch, wenn die digitale Infrastruktur ausfällt?» Oder: «Was passiert, wenn der Token handelbar ist, aber der zugrunde liegende Markt zusammenbricht?» Oder: «Wer trägt das Risiko eines Fehlers im Smart Contract?» Damit wird Technologie nicht zu einem zusätzlichen Spezialgebiet neben Versicherung. Sie wird Teil der Risikobeschreibung selbst.

Vertrauen wird zur entscheidenden Frage

Und damit kommen wir zu einem Punkt, der aus meiner Sicht noch wichtiger ist als Blockchain oder Tokenisierung selbst: Vertrauen. Das Versicherungsgeschäft basiert auf Vertrauen. Der Kunde vertraut darauf, dass sein Anspruch im Schadenfall erfüllt wird. Der Versicherer vertraut auf Daten. Der Rückversicherer vertraut auf die Risikomodelle des Erstversicherers. Der Investor vertraut auf die Funktionsfähigkeit der Finanzmarktinfrastruktur. Tokenisierung kann bestimmte Elemente dieses Vertrauens technisch unterstützen. Sie kann Prozesse nachvollziehbarer machen. Sie kann Informationen synchronisieren. Sie kann bestimmte Abläufe automatisieren. Aber sie ersetzt Vertrauen nicht. Ein Token kann technisch perfekt funktionieren und trotzdem einen wirtschaftlich oder rechtlich unklaren Anspruch repräsentieren.

Deshalb würde ich Tokenisierung nicht als Ersatz für Vertrauen verstehen. Vielmehr könnte sie Teil einer neuen Vertrauensinfrastruktur werden. Das ist auch deshalb interessant, weil die BIZ selbst die Zukunft der tokenisierten Finanzwelt ausdrücklich mit dem Erhalt von Vertrauen in Geld und institutionelle Strukturen verbindet.

Was kommt danach?

Wir stehen damit an einem ungewöhnlichen Punkt. Die Technologie ist weit genug entwickelt, dass Zentralbanken, internationale Institutionen und grosse Finanzmarktteilnehmer konkrete Infrastrukturen und Anwendungen untersuchen.

Gleichzeitig ist noch keineswegs entschieden, welche Modelle wirtschaftlich erfolgreich sein werden. Genau diese Kombination aus technologischem Fortschritt und verbleibender Unsicherheit macht Tokenisierung so interessant. Vielleicht wird sie die Finanzmarktinfrastruktur grundlegend verändern. Vielleicht werden sich bestimmte Anwendungen durchsetzen, während andere wieder verschwinden. Vielleicht wird die Technologie am Ende weniger revolutionär sein als heute erwartet. Aber selbst dann bleibt eine wichtige Frage bestehen: Was lernen wir über Risiko, wenn sich die Infrastruktur verändert, auf der Wert entsteht und übertragen wird? Für die Versicherungswirtschaft könnte genau darin die eigentliche Chance liegen. Nicht darin, möglichst schnell jeden Vermögenswert zu tokenisieren. Sondern darin, früher als andere zu verstehen, welche Risiken, welche neuen Formen von Wert und Vertrauen daraus entstehen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wer tokenisiert zuerst? Sondern: Wer versteht zuerst, wie sich Risiko, Wert und Vertrauen dadurch verändern?

Laura Arenas

Laura Arenas ist eine international erfahrene Führungskraft für Risiko und digitale Resilienz, Forscherin und Autorin. Sie unterstützt Organisationen dabei, bei Risiken in digitalen und aufkommenden Technologien zu navigieren, Resilienz zu stärken und Transformation sicher zu gestalten. Mit über 10 Jahren internationaler Erfahrung in führenden Finanz- und Technologieunternehmen verbindet sie Branchenpraxis, Forschung und strategische Entscheidungsfindung. Laura promovierte in Betriebswirtschaftslehre mit Auszeichnung (cum laude) und erhielt den Extraordinary Doctorate Award für die beste Dissertation. 2025 wurde sie von Risky Women als «Women to Watch» ausgezeichnet. Zudem ist sie Mitglied des Executive Committee von Global Women in AI und seit 2025 Global Ambassador von Women in AI.

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