Das Herz optimiert nicht auf Kosten der Lunge. Mit diesem Bild eröffnete CSS-CEO Mirjam Bamberger die fünfte Future of Health Grant Conference in Lausanne. Der Nachmittag zeigte: Dem Gesundheitswesen fehlen oft nicht die Daten, sondern die Verbindungen dazwischen.
«Der Körper ist von Natur aus ein integriertes System, das Schweizer Gesundheitswesen ist es nicht», sagte Bamberger. Ein Patient kann von mehreren Spezialisten hervorragend behandelt werden und am Ende trotzdem schlecht dastehen, weil die Teile nicht zusammenfinden. Unter dem Titel «One Body. One System.» zog sich ein Gedanke durch die Konferenz: Vielleicht betrachten wir den Patienten schlicht in der falschen Auflösung.
Körper gerettet, Mensch gebrochen
Prof. Chantal Berna Renella vom Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) schilderte den Fall von Ben, einer fiktiven Figur aus realen Erfahrungen ihrer Schmerzklinik. Nach einem schweren Motorradunfall ist die Person technisch geheilt, die Befunde sind normal. Trotzdem leidet sie unter Schmerzen, Schwindel und Angst und wandert von Facharzt zu Facharzt. «Wir haben den Körper gerettet, aber den Menschen gebrochen.» Jeder fünfte erwachsene Überlebende einer Intensivbehandlung zeigt Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das biopsychosoziale Modell ist fast 50 Jahre alt, die Umsetzung hinkt hinterher. Ein Grund sind die Anreize: Technische Abklärungen werden grosszügig vergütet, die Zeit für Erklärung und Begleitung deutlich weniger.
Genauer hinsehen, anders hinsehen
Die vorgestellten Startups setzen an unterschiedlichen Stellen an. HealthyMentis ergänzt die Diagnostik bei ADHS und Depression um neurometabolische Profile aus Urinproben. Genknowme sucht mit Epigenetik nach Herz-Kreislauf-Risiken, die klassische Modelle übersehen. Monix entwickelt ein Wearable mit Mikronadeln, das Hormone kontinuierlich misst, weil Momentaufnahmen einem dynamischen Körper nicht gerecht werden. Prof. Mirko Trajkovski von der Universität Genf untersucht das Darmmikrobiom auf Ebene der Subspezies. Seine Hoffnung: ein einziges Profil, das Hinweise auf mehrere Krankheiten liefert.
Wem gehört das Ergebnis?
Bonescreen wiederum braucht keine neuen Messungen. Das Unternehmen erkennt Osteoporose in CT-Aufnahmen, die aus anderen Gründen gemacht wurden, und verknüpft den Befund mit dem passenden Behandlungspfad. Gemeinsam mit dem Ensemble Hospitalier de la Côte und der CSS läuft ein Praxistest, zunächst mit 250 bestehenden Untersuchungen. Die Lehre reicht über die Osteoporose hinaus: Oft ist unklar, wer als Nächster handeln muss. Bamberger formulierte es so: Es gehe weniger darum, wem der Patient gehört, als darum, wem das Ergebnis gehört.
Neues Silo oder Bindegewebe
Mehr Biomarker, mehr Datenströme, mehr KI: Die Gefahr liegt nahe, Fragmentierung mit weiteren Fragmenten zu beantworten. KI und digitale Werkzeuge könnten das neueste Silo werden oder ein Bindegewebe, so Berna Renella. Der Future of Health Grant lancierte deshalb die Pilot Factory. Sie prüft digitale Lösungen im Versorgungsalltag auf Wirtschaftlichkeit, betriebliche Akzeptanz und Skalierbarkeit. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob sich etwas bauen lässt, sondern ob es genug Wert schafft.
Ein Signal ohne Behandlungspfad verbessert keine Versorgung. Der Körper weiss längst, wie man als System funktioniert. Das Gesundheitswesen muss es noch lernen.