An der letzten General Assembly des Swiss InsurTech Hub stellten sich vier neue Mitglieder vor: ein Brillenrestaurator aus Lausanne, eine Präventionsplattform aus Frankreich, eine App zur Verbesserung digitaler Gewohnheiten und ein KI-Assistent für überlastete Versicherungsberater. Dazu gab es den Stand der Dinge zum InsurTech of the Year Award, und die Erkenntnis, dass zwei Monate bis zum Summit erstaunlich kurz sind.
Der Swiss InsurTech Hub (SIH) hat allen Grund zur Zufriedenheit. 67 Unternehmen haben sich für den Swiss InsurTech Summit & Awards 2026 beworben. Dort findet am 1. Dezember im Google Auditorium in Zürich der Summit statt, zum fünften Mal. Neben Panels, Keynotes und Fireside Chats pitchen die Finalisten auf der Bühne. Vergeben werden ein Gesamtpreis und vier Kategorienpreise, deren Zuschnitt sich an den Profilen der Bewerbenden orientiert. Das Ticketportal ist offen, und der Hub rät zur frühen Buchung: Die einzige Grenze sei die Kapazität des Saals.
Zuvor stehen zwei weitere Termine an. Am 27. Oktober organisiert der SIH in Zürich gemeinsam mit Millennials4Boards ein Networking-Format, an dem InsurTechs potenzielle Board- und Beiratsmitglieder kennenlernen können. Und in Mailand lädt der Hub am 22. Oktober zusammen mit Mia Platform und dem Quantum-Scale-up Classiq zu einem Anlass über den Weg von der KI-Adoption zum Quantencomputing ein.
Microrep: Die Brille als Schadenfall – Reparieren vor Ersetzen
Grégoire Thomas, Gründer von Microrep aus Lausanne, restauriert seit 2013 Brillen nach der Medizinprodukte-Norm ISO 13485. Rund 1200 Optikergeschäfte nutzen den Service, fast 100’000 Reparaturen sind erfolgt. Mit «Repair First» soll vor dem Ersatz im Schadenfall geprüft werden, ob sich Fassung oder Gläser retten lassen.
Neu ist das Modell «Repair First». Die Idee: Bevor eine beschädigte Brille im Schadenfall ersetzt wird, prüft ein Spezialist, ob Fassung, Gläser oder Teile davon zu retten sind. Mit dem Lötbrenner der Achtzigerjahre habe das wenig zu tun, betonte Thomas, gearbeitet werde mit Laser, das Resultat sei eine vollständige Restaurierung. Repair First setzt vor dem Leistungsentscheid an und schiebt eine technische Beurteilung ein, wo heute reflexartig ersetzt wird.
Microrep sucht nun ein bis zwei Versicherer für einen Pilotversuch über acht bis zwölf Wochen mit 50 bis 100 echten Fällen, ohne schwere IT-Integration. Gemessen werden sollen Reparierbarkeit, Kundenakzeptanz, Kosten, Durchlaufzeit und die tatsächliche Einsparung. Man wolle die Versicherer nicht bitten, an Annahmen zu glauben, sondern gemeinsam Evidenz schaffen. Ein Satz, den man sich in mancher Pitch-Präsentation wünschen würde.
Previsia: Prävention für alle Standorte
Marc Pégeot-Möller von Previsia nannte Prävention das einzige echte Nicht-Nullsummenspiel. In der Industrie- und Gewerbesachversicherung sind die Schäden in zehn Jahren um über 70 Prozent gestiegen, getrieben von Naturkatastrophen, doch 95 Prozent der Standorte erhalten nie eine Risikobesichtigung, weil diese 4000 bis 5000 Euro kostet.
Previsia strukturiert diesen Prozess mit Software. Für grosse Risiken macht sie Risk Engineers effizienter, für mittlere befähigt sie den Aussendienst zu leichteren Besichtigungen, für kleine gibt es Selbstbeurteilungen und Remote-Besichtigungen per Video. Die Präventionspläne laufen online mit Prioritäten, Fristen und Erinnerungen: die Daten stehen per API fürs Underwriting bereit. In Frankreich arbeitet Previsia mit über 30 Versicherern und Brokern, erzielt mehr als eine Million wiederkehrende Umsätze und ist von 2024 auf 2025 um das 2,5-Fache gewachsen. Nach ersten Leads in Deutschland, Italien, Spanien und Belgien ist die Schweiz noch ein weisser Fleck. Previsia sucht deshalb Rückmeldungen von Versicherern, Brokern und Risikoexperten zur Struktur des Schweizer Marktes.
Go Healthy: Gegen die digitale Überlastung
Joy Bordini, Mitgründerin und CEO von Go Healthy, stellte die App Pulse vor, die aus Bewegung, Schlaf und Aktivität Muster wie nächtliches Scrollen erkennt und mit Challenges gesündere Gewohnheiten fördert. Jede vierte Person in der Schweiz weist gemäss AXA ein verhaltensbezogenes oder psychisches Gesundheitsrisiko auf. Der volkswirtschaftliche Verlust beziffere sich auf sieben Milliarden jährlich. Bildschirmzeit, soziale Medien und soziale Ängste stehen dabei weit oben.
Verbote und App-Blocker hält Bordini für wirkungslos, weil Verhaltensänderung Bildung brauche. Pulse berechnet aus Bewegung, Aktivität und Schlaf vier Werte für Stimmung, FOMO, Stress und Offenheit, erkennt Muster wie das Scrollen um ein Uhr nachts und liefert personalisierte Empfehlungen, Wochenchallenges und Reflexionsaufgaben. Die Logik ist bewusst von den Plattformen entlehnt, die das Problem verursachen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, vergleichbar mit einem Impfstoff, der die Struktur des Virus nutzt. Als Kundin nennt Go Healthy Intesa Sanpaolo, wo sich weniger Krankheitstage und mehr Bewegung gezeigt hätten. Klinische Studien laufen, unter anderem mit einer kantonalen psychiatrischen Klinik.
In der Schweiz interessiere Prävention vor allem als Akquisitionsinstrument im November, wenn die Kassenwechsel anstehen, in Italien eher wegen ISO-Compliance und Steuervorteilen.
Insaio: KI für die Routine, Mensch für die Beratung
Dominic Strobel, Co-Founder und CEO von Insaio, verglich den Versicherungsbestand mit einem Obstgarten voller ungeernteter Früchte. Jeder Baum ein Kunde, jede Frucht ein Anlass, eine Erneuerung, eine Deckungslücke, ein Kind, ein Haus, eine Pensionierung. Bezahlt mit Akquisitionskosten und Provisionen, und trotzdem bleibt vieles ungeerntet. Denn ein Berater betreut in Deutschland rund 2000 Kundinnen und Kunden, ein Drittel seiner Zeit verschwindet in der Administration, und wer in Pension geht, wird oft nicht ersetzt.
Die Formel für Wachstum sei seit jeher dieselbe: Anzahl Beratungen mal Beratungsqualität. Insaio setzt bei der Menge an. KI-Agenten führen ausgehend Kampagnen, Erneuerungs- und Nachfassanrufe durch, übernehmen eingehende Anrufe, Rückrufe, Schadenmeldungen und Datenänderungen. Der Berater erhält einen gebuchten, vorbereiteten Termin und macht, wofür er eigentlich da ist: beraten. Die Lösung dockt an CRM-Systeme wie BSI und an Kalender an, ist nach DSGVO und EU AI Act aufgesetzt und in der EU gehostet.
Die Idee entstand, wie Strobel freimütig einräumte, bei zu viel Rotwein. Wichtiger ist, warum sie erst jetzt umsetzbar sei: Vor zwei Jahren war Voice-KI schlicht nicht gut genug. Und wer im Versicherungsgeschäft bei der Terminvereinbarung patzt, verspielt Vertrauen. Deshalb gibt sich der Assistent auch klar als digitaler Assistent zu erkennen.
Der gemeinsame Nenner
So unterschiedlich die Geschäftsmodelle sind, ein Muster zieht sich durch. Microrep will, dass vor dem Ersatz geprüft wird. Previsia möchte, dass vor dem Schaden vorgebeugt wird. Go Healthy plant, dass vor der Krankheit das Verhalten ändert. Und bei Insaio soll die Technik die Routine übernehmen, damit der Mensch wieder beraten kann. Keines der vier Modelle ersetzt das Urteil von Fachleuten. Alle versuchen, es früher, günstiger und öfter zum Einsatz zu bringen. Ob das reicht, entscheidet ab Oktober die Jury und am 1. Dezember das Publikum in Zürich.
Binci Heeb
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