Was moderne Rückversicherung und künstliche Intelligenz leisten, hat tiefere historische Wurzeln, als man vermuten würde. Ein Blick zurück bis in die Zeit des Codex Hammurabi zeigt: Der Umgang mit Risiko folgt seit Jahrtausenden ähnlichen Prinzipien, nur die Werkzeuge haben sich verändert.
Manchmal entstehen die besten Einsichten aus unerwarteten Momenten. Während einer Masterclass hoch in den Schweizer Alpen, geleitet von Shlomo Mintz, spielt die junge Alma Deutscher Violine. Ein musikalisches Ausnahmetalent, gerade einmal sieben Jahre alt und bereits Komponistin ihrer ersten Sonate.
Der gedankliche Sprung von dieser Szene führt weit zurück in die Geschichte, nämlich zu ihrem Vater, dem Linguisten Guy Deutscher, und weiter zu antiken Stätten Mesopotamiens. Dort, in Keilschrift festgehalten, finden sich frühe Formen dessen, was wir heute als Risikomanagement bezeichnen würden.
Der Codex Hammurabi, entstanden etwa 1750 v. Chr., enthält bereits Regelungen, die wirtschaftliche Unsicherheit adressieren. Händler, die Kredite für Karawanen aufnahmen, waren von der Rückzahlung befreit, wenn ihre Waren durch Raub oder höhere Gewalt verloren gingen. Kreditgeber wiederum kompensierten dieses Risiko durch Zuschläge auf den Zinssatz.
Künstliche Intelligenz als Beschleuniger
Heute übernimmt künstliche Intelligenz Aufgaben, die früher Monate intensiver Forschung erforderten. Die Entzifferung von Keilschrift, einst mühsame Detailarbeit, gelingt nun in Minuten. Eine Parallele zur Versicherungsindustrie liegt auf der Hand: Auch hier analysieren Algorithmen heute innerhalb kürzester Zeit komplexe Vertragswerke aus unterschiedlichen Ländern und Rechtssystemen.
Für Underwriter bedeutet das eine Verschiebung ihrer Rolle. Der Fokus verlagert sich weg von der reinen Datenaufbereitung hin zur inhaltlichen Bewertung und strategischen Entscheidung. Technologie wird damit zum Enabler, nicht zum Ersatz menschlicher Expertise.
Insurance-Linked Securities: Innovation mit Geschichte
Ein besonders aktuelles Beispiel für diese Entwicklung sind sogenannte Insurance-Linked Securities (ILS). Diese Finanzinstrumente ermöglichen es, Versicherungsrisiken, beispielsweise Naturkatastrophen, an den Kapitalmarkt zu übertragen. Investoren erhalten im Gegenzug eine Prämie, verlieren jedoch ihr eingesetztes Kapital ganz oder teilweise, wenn ein definiertes Schadensereignis eintritt.
Auf den ersten Blick wirkt dieses Modell wie eine Innovation der 1990er-Jahre. Tatsächlich folgt es jedoch demselben Grundprinzip wie die Regelungen im Codex Hammurabi: Risiko wird verteilt, und die Übernahme von Unsicherheit wird finanziell vergütet.
Kontinuität im Wandel
Der oft zitierte lateinische Ausdruck «Nihil Novi Sub Sole» – nichts Neues unter der Sonne – trifft auch auf die Versicherungswelt zu. Die Instrumente mögen sich wandeln, die Logik dahinter bleibt erstaunlich konstant.
Was sich jedoch grundlegend verändert hat, ist die Geschwindigkeit und Skalierbarkeit. Künstliche Intelligenz, globale Kapitalmärkte und standardisierte Produkte wie ILS ermöglichen heute eine Effizienz, die vor wenigen Jahrzehnten noch undenkbar war.
Für die Branche bedeutet das nicht nur Fortschritt, sondern auch Verantwortung. Denn je schneller und komplexer die Systeme werden, desto wichtiger bleibt das Verständnis ihrer historischen und strukturellen Grundlagen.
Binci Heeb
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