Die Generation 55+ spielt eine wichtigere Rolle auf dem Schweizer Wohnungsmarkt als lange angenommen. Eine aktuelle Studie zeigt: Wenn ältere Menschen umziehen, profitieren vor allem junge Familien, doch strukturelle Hürden bremsen dieses Potenzial.
Die Diskussion um Wohnungsknappheit konzentriert sich häufig auf junge Haushalte. Tatsächlich zeigt der neue Wohnreport von Helvetia in Zusammenarbeit mit Sotomo ein differenzierteres Bild: Die 55- bis 74-Jährigen ziehen häufiger um als bisher angenommen und ihre Bedeutung wächst, nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung.
Diese Lebensphase ist geprägt von tiefgreifenden Veränderungen wie dem Auszug der Kinder oder dem Übergang in den Ruhestand. Entsprechend steigt die Bereitschaft, die Wohnsituation anzupassen.
Wenn Ältere umziehen, gewinnen Familien
Ein zentraler Effekt dieser Umzüge liegt in der effizienteren Nutzung von Wohnraum. Ältere Haushalte verkleinern sich häufig und geben grössere Wohnungen frei. Diese werden deutlich häufiger von Familien übernommen: Der Anteil steigt von 12 auf 36 Prozent.
Damit leisten Best Ager einen messbaren Beitrag zur Entlastung des Wohnungsmarktes. Laut Michael Hermann führt diese Dynamik dazu, dass Wohnraum über verschiedene Lebensphasen hinweg besser verteilt wird.
Abwanderung aus den Zentren und ins Ausland
Entgegen gängiger Annahmen zieht es viele ältere Menschen nicht in zentrale Lagen mit guter Infrastruktur. Stattdessen verlagern sie ihren Wohnort häufig in weniger zentrale Regionen oder sogar ins Ausland. Die Auswanderung dieser Altersgruppe ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen.
Dieser Trend führt zwar dazu, dass Wohnungen in begehrten urbanen Lagen frei werden, wird jedoch durch andere Entwicklungen relativiert. Insbesondere jüngere Menschen sowie Zuziehende aus dem Ausland drängen verstärkt in die Zentren, wodurch die Knappheit bestehen bleibt.
Mobilität hängt stark vom Hintergrund ab
Ein weiterer Befund: Personen ohne Schweizer Pass sind deutlich mobiler. Ihre Umzugswahrscheinlichkeit liegt rund 50 Prozent höher als jene der Schweizer Bevölkerung. Auch die Dauer der Sesshaftigkeit spielt eine Rolle: je länger jemand am selben Ort lebt, desto geringer die Umzugsbereitschaft.
Diese Faktoren zeigen, dass Mobilität nicht nur eine Frage des Alters, sondern auch der Lebensbiografie ist.
Wohneigentum bremst den Wohnungsmarkt
Als grösstes Hindernis für mehr Bewegung identifiziert die Studie das Wohneigentum. Eigentümerinnen und Eigentümer ziehen deutlich seltener um als Mieter. Ihre Umzugswahrscheinlichkeit ist um über 60 Prozent geringer.
Dieser sogenannte Lock-in-Effekt ist weniger finanziell als emotional begründet. Viele ältere Menschen bleiben stark mit ihrem Eigenheim verbunden, selbst wenn sich ihre Lebenssituation verändert hat. Dadurch gelangen insbesondere Einfamilienhäuser seltener auf den Markt.
Interessant ist zudem, dass günstige Bestandsmieten eine geringere Rolle spielen als oft angenommen. Entgegen politischer Debatten sind sie nicht der Hauptgrund für die geringe Umzugsdynamik in älteren Generationen.
Unterschätztes Potenzial
Die Ergebnisse des Wohnreports machen deutlich: Die Generation 55+ ist ein zentraler, bislang unterschätzter Hebel für einen funktionierenden Wohnungsmarkt. Ihre Umzüge schaffen Raum für jüngere Haushalte und tragen zur besseren Nutzung bestehender Wohnflächen bei.
Gleichzeitig zeigt sich, dass dieses Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist, insbesondere aufgrund der starken Bindung an Wohneigentum. Hier könnten gezielte Anreize und Unterstützungsangebote ansetzen, um die Mobilität im dritten Lebensabschnitt zu erhöhen.