Carl Andersen will Solarstrom nicht mehr für ein paar Rappen ans Netz verkaufen, sondern direkt in Rechenleistung verwandeln. Mit seinem Unternehmen Lektra setzt der amerikanische Unternehmer auf kleine, dezentrale Rechenzentren statt auf Hyperscaler. Im Podcast-Gespräch mit Jakob Barandun von CapricornConnect erklärt er, warum nicht Chips, sondern Strom der Engpass der KI-Ära ist, weshalb Rechenzentren zum sicherheitspolitischen Risiko werden und was Unternehmer von einem guten Hotdog-Stand lernen können.
Die Idee zu Lektra entstand in Norwegen. Andersen führte dort einen Private-Equity-Fonds und beobachtete, wie schnell das Land elektrifiziert wurde und wie stark das Stromnetz dadurch unter Druck geriet. Gleichzeitig ärgerte ihn eine Asymmetrie, die jeder Besitzer einer Solaranlage kennt: Solarstrom lässt sich heute für rund drei US-Cent pro Kilowattstunde produzieren, doch wer ihn nicht selbst verbraucht, muss ihn ans Netz verkaufen. Und dort bestimmt ein Monopolist den Preis.
Für den Finanzmann ging diese Rechnung nicht auf. Er suchte deshalb nach einem anderen Abnehmer, der mehr zahlt. Erst waren es Ladestationen, dann kam mit dem Aufstieg generativer KI die eigentliche Erkenntnis: Wer neben einer Solaranlage ein kleines Rechenzentrum betreibt und dieses über das Internet mit einer dezentralen Cloud verbindet, verkauft keinen Strom mehr, sondern Rechenleistung. Laut Andersen verdienen Betreiber in seinem Modell zwischen zwei und zehn Dollar pro Stunde, statt sechs Cent pro Kilowattstunde bei der Einspeisung.
Lektra spricht dabei von «Edge Scale» statt «Hyperscale»: Rechenzentren mit 20 Megawatt Leistung oder weniger. Das Unternehmen hat Patente angemeldet, die dezentrale Energie zum Betrieb von Grafik- und anderen Prozessorkarten abdecken. Bestätigt sieht sich Andersen durch die Nvidia-Konferenz GTC, wo man offen eingeräumt habe, dass nicht mehr die Chips, sondern die Stromversorgung der limitierende Faktor sei.
Zwei Kundengruppen, ein Kreislauf
Das Geschäft ist zweigeteilt. Lektra Energy arbeitet mit Solar- und Batterieanbietern wie Sunrun oder EG4 zusammen, die Zugang zu Hunderttausenden von Standorten haben. Andersen stellt den Vergleich selbst an: AWS betreibe weltweit rund 30 Standorte, EG4 allein 150’000, Sunrun rund eine Million. Diese «Energy Hosts» erhalten 80 Prozent des Umsatzes. Auf der anderen Seite steht Lektra Cloud, aufgebaut vom früheren Architekten der KI-Cloud von IBM, die Rechenleistung an Entwickler verkauft.
Als Wachstumsmärkte nennt Andersen zuerst die USA, wo Wartezeiten für neue Rechenzentrumskapazitäten bei zwei Jahren liegen und erste Moratorien für Grossrechenzentren diskutiert werden. Europa folgt knapp dahinter: Hier gebe es deutlich mehr Haushalte mit Solaranlagen als in Amerika, und die CO₂-Bepreisung spiele einem Anbieter mit komplett emissionsfreier Cloud in die Hände. Langfristig zielt er auf Länder mit schwachen Netzen, etwa in Lateinamerika oder Südasien, wo Hyperscale-Rechenzentren schlicht nicht realisierbar sind. Dahinter steht eine geopolitische Frage: Wer baut dort zuerst die KI-Infrastruktur, westliche Anbieter oder chinesische?
Rechenzentren als verwundbares Ziel
Besonders deutlich wird Andersen beim Thema Sicherheit. Er verweist auf Angriffe im Nahen Osten, bei denen nach seiner Darstellung gezielt grosse Rechenzentren getroffen wurden, und auf die russischen Attacken auf das ukrainische Stromnetz. Sein Punkt: Wer riesige Rechenzentren auf ein ohnehin fragiles Netz setzt, bündelt kritische Infrastruktur an wenigen, leicht identifizierbaren Punkten. KI, so Andersen trocken, übernehme nicht die Welt, wenn man ihre Rechenzentren bombardiere. Kleine, verteilte Anlagen lassen sich dagegen unauffällig bauen, tarnen oder sogar als Attrappen einsetzen.
Auch für Unternehmen sieht er ein Resilienzargument. Viele, gerade in Europa, zögern bei KI, weil sie ihre Daten nicht den grossen Cloud-Anbietern überlassen wollen. Gemeinsam mit Dell baut Lektra deshalb On-Premise-Lösungen mit Solar und Batteriespeicher, auf denen Open-Source-Sprachmodelle lokal laufen. Die Daten bleiben im Haus. Für Risikomanager ist das ein vertrautes Muster: Konzentrationsrisiken bei wenigen Anbietern, Abhängigkeit von kritischer Infrastruktur, Fragen der Datensouveränität. Neu ist nur, dass die Antwort auf dem eigenen Dach liegen könnte.
Warum das Netz ins Stolpern gerät
Das technische Problem erklärt Andersen mit einem Bild. Ein Hyperscale-Rechenzentrum springe innerhalb von Sekunden von 20 auf 80 Prozent Last, als würde New York gelegentlich alle Lichter gleichzeitig ein- und ausschalten. Das Netz muss dabei seine Frequenz stabil halten. Erneuerbare Energien liefern zwar Strom, aber keine Trägheit, die solche Schwankungen abfedert. Die Folge sind Überlastungen bis hin zu Stromausfällen, obwohl rechnerisch noch Kapazität vorhanden wäre. Es sei, als wolle man Ferraris über Pferdepfade fahren lassen.
Politisch bewegt sich Lektra zwischen den Lagern. In den USA sei das Klimathema seit dem Regierungswechsel weitgehend aus der Debatte verschwunden, doch steigende Strompreise in Regionen mit vielen Rechenzentren, Wasserknappheit und lokale Widerstände spielten dezentralen Lösungen in die Karten. Auf kleine modulare Kernreaktoren als rasche Lösung setzt Andersen dagegen nicht: Die Industrie sei noch nicht so weit, und es fehlten schlicht die Fachkräfte, um solche Anlagen zu warten.
Unternehmertum ohne Heldenpose
Wer Andersen nach den Herausforderungen des Unternehmertums fragt, bekommt keine Motivationsrhetorik. Scheitern sei nicht gut, sondern mühsam, und zwar jedes Mal. Echte Unternehmer erkenne man wie gute Komiker: Sie tun es, weil sie nicht anders können. Andersen selbst trug schon als Kind Zeitungen aus und gründete später einen Broker-Dealer, einen Hedgefonds und einen Rückversicherer, nicht alle mit Erfolg. Erfolg hänge nicht nur von der Idee ab, sondern auch vom Timing, vom Team und von Zufällen, die niemand kontrolliert. Wer drei von fünf Faktoren auf seiner Seite habe, könne sich glücklich schätzen.
Unternehmen seien keine Dinge, sondern Prozesse, die ständig nachjustiert werden müssen. Und das Wichtigste sei Empathie für den Kunden. Das klinge banal, sei aber schlicht wahr. Andersen macht es an einem Beispiel aus seiner Wahlheimat New York fest: Ein Hotdog-Stand könne miserabel sein oder grossartig, dasselbe Produkt, dieselbe Strassenecke. Der Unterschied liege allein darin, ob jemand sein Handwerk liebt und den Kunden ernst nimmt. Auch ein Vier-Sterne-Hotel mit herzlichem Service schlage ein Fünf-Sterne-Haus mit gleichgültigem Personal. Wer so denke, müsse sich nicht darum kümmern, cool zu wirken. Das ergebe sich von selbst.
Energie als Anlage
Auf die Frage nach einer Superkraft wünscht sich Andersen keine Zeitmaschine, sondern Tempo: die Fähigkeit, Menschen schneller davon zu überzeugen, Energie neu zu denken. Das gängige KI-Narrativ, erst verschwinde der Job, dann die Menschheit, hält er für schlechte PR. Seine Gegenvision ist KI, die im eigenen Haus läuft, unter eigener Kontrolle, auf dem Bauernhof ebenso wie im KMU. Das Firmenmotto lautet «Powering Intelligence». Sein persönliches ist noch schlichter: Energie als Vermögenswert.
Ob sich dieses Modell im grossen Stil durchsetzt, wird sich zeigen. Die Frage, die Andersen stellt, bleibt jedenfalls unbequem: Warum bauen wir die kritischste Infrastruktur unserer Zeit ausgerechnet dort, wo sie am verwundbarsten ist?
Binci Heeb
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