LBC Insurance Radar #16: Der Sickspan, die blinde Stelle der Vorsorge

Die Versicherungsbranche redet seit Jahren über Longevity, aber sie redet über die falsche Phase. Nicht das lange Leben ist das Problem, sondern die Jahre davor, in denen der Körper nicht […]


Seit Jahren wird über Longevity geredet, aber über die falsche Phase.

Seit Jahren wird über Longevity geredet, aber über die falsche Phase.

Seit Jahren wird über Longevity geredet, aber über die falsche Phase.

Die Versicherungsbranche redet seit Jahren über Longevity, aber sie redet über die falsche Phase. Nicht das lange Leben ist das Problem, sondern die Jahre davor, in denen der Körper nicht mehr mitspielt.

Nadine Esposito, Gründerin von Wellthspan Advisory, bringt es auf den Punkt: Versicherer planen für den Lifespan, die reine Lebensdauer, und für den Healthspan, die gesunden Jahre. Was dazwischen liegt, wird kaum adressiert. Der Sickspan, jenes Jahrzehnt, das im Schnitt von chronischen Erkrankungen, Pflegebedarf und kognitivem Abbau geprägt ist, bleibt im Produktdesign eine Leerstelle. Genau dort aber steigen die Kosten am steilsten. Wer die Generation 50plus heute mit starren Standardlösungen bedient, verpasst ein Marktsegment, das nach flexiblen Übergängen zwischen Gesundheitsphasen, Pflegevorsorge und kognitiver Unterstützung verlangt. Longevity-Literacy ist damit kein Nice-to-have mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit.

Lebensversicherung im Umbau

Der demografische Wandel verändert auch die Funktion der klassischen Lebensversicherung. Aus einem reinen Vermögensaufbau-Instrument wird zunehmend ein Vehikel für die strukturierte Entnahme des Ersparten im Alter. Das Versicherungsaufsichtsgesetz und die Anlageverordnung erhöhen dabei die regulatorischen Anforderungen, das heisst mehr Dokumentation und mehr Sorgfaltspflicht. Wer das nur als Last liest, verkennt die zweite Seite: Bis 2050 soll die Zahl älterer Menschen um 122 Prozent steigen. Das ist ein Wachstumsmarkt, kein Auslaufmodell. Versicherer reagieren mit fondsgebundenen Produkten und Anlageklassen, die stärker auf das steigende Lebensalter der Versicherten zugeschnitten sind, unterstützt durch technologische Prozessintegration.

Die Rentenlücke wird konkret

Zahlen aus der Schweiz zeigen, wie dringend das Thema ist. Seit 2002 sind die Renten hierzulande im Schnitt um 16,4 Prozent gesunken. Während die AHV-Renten um 22 Prozent gestiegen sind, haben sich die Pensionskassenrenten um 40 Prozent reduziert. Dieses Auseinanderdriften trifft vor allem mittlere und hohe Einkommen. Der ursprüngliche Anspruch, mit der zweiten Säule 60 Prozent des letzten Gehalts zu ersetzen, ist für viele Neu-Rentnerinnen und -Rentner faktisch Geschichte. Die Hochschule Luzern weist zusätzlich auf ein Risiko hin, das in der Planung regelmässig unterschätzt wird: ein überdurchschnittlich langes Leben. Wer zehn Jahre länger lebt als kalkuliert, sieht seinen Kapitalbedarf nicht linear, sondern deutlich überproportional wachsen, zumal gesundheitliche Einschränkungen im Alter zusätzliche Mittel binden.

Beratung zwischen Algorithmus und Zuhören

Die Antwort der Branche liegt nicht allein in neuen Produkten, sondern auch in der Art, wie beraten wird. Eine Untersuchung von Synpulse bestätigt einen Trend, der sich in der Praxis längst abzeichnet: Digitalisierung und Automatisierung übernehmen die einfachen, standardisierbaren Aufgaben, während komplexe, emotional beladene Entscheidungen, wie sie die Vorsorge- und Pflegeplanung mit sich bringt, weiterhin Menschen brauchen, die zuhören können. Der Podcast «Paul the Insurer» illustriert das mit der Geschichte von Francisco: Am Ende entscheidet nicht nur der Tarif, sondern das Vertrauen in die beratende Person. Künstliche Intelligenz kann hier vorbereiten, verdichten und Muster erkennen, aber sie ersetzt nicht das Gespräch, in dem eine Kundin oder ein Kunde erstmals ausspricht, wovor sie oder er sich eigentlich fürchtet.

Eine Frage der Positionierung

Wer den Sickspan als eigenständiges Segment begreift, statt ihn stillschweigend der klassischen Alters- oder Pflegevorsorge unterzuordnen, verschafft sich einen Vorsprung. Das reicht von flexiblen Pflegeversicherungen über kognitive Unterstützungsangebote bis zu personalisierten Gesundheitsplänen, die auf Datenanalyse und prädiktiven Modellen basieren. Die demografische Entwicklung liefert dafür den Rückenwind, der Handlungsdruck aus sinkenden Pensionskassenrenten liefert die Dringlichkeit. Was fehlt, ist vielerorts noch der Mut, den Sickspan nicht als Randnotiz, sondern als eigenes strategisches Feld zu behandeln.

Binci Heeb

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