Weniger ist manchmal mehr

Die Versicherungsbranche gilt oft als ein Geschäft, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Mehr Prämien, mehr Kunden, mehr Produkte. Doch nicht immer führt Expansion automatisch zu besseren Ergebnissen. Manchmal ist das […]


Weniger ist manchmal mehr im Podcast von Paul the Insurer.

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Die Versicherungsbranche gilt oft als ein Geschäft, das auf Wachstum ausgerichtet ist. Mehr Prämien, mehr Kunden, mehr Produkte. Doch nicht immer führt Expansion automatisch zu besseren Ergebnissen. Manchmal ist das Gegenteil der klügere Weg. Die Geschichte eines jungen Versicherungsmanagers aus Lateinamerika zeigt, warum strategisches Schrumpfen eine Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg sein kann.

Ein junger Mann übernahm in einem lateinamerikanischen Land die Leitung eines traditionsreichen Versicherungsunternehmens. Die Gesellschaft war ein klassischer Multi-Line-Versicherer und bot nahezu jede denkbare Versicherung an. Vom Motorfahrzeug über Feuer- und Lebensversicherungen bis zu Policen für Wohngebäude, Industrieanlagen oder Angestellte grosser Unternehmen. Die Produktpalette war breit, die Kundschaft ebenso.

Sein Vorgänger hatte eine klare Strategie verfolgt: Wachstum um jeden Preis. Hauptsache, das Geschäftsvolumen stimmte. Doch der neue Geschäftsführer, der zugleich ein bedeutender Aktionär des Unternehmens war, war mit den Resultaten unzufrieden. Die Dividenden blieben bescheiden, obwohl das Unternehmen in vielen Segmenten aktiv war.

Die Erkenntnis: Breite führt selten zu starken Margen

Aus Besuchen in anderen Märkten wusste der junge Manager, dass ein Versicherer selten profitabel wird, wenn er versucht, alles gleichzeitig anzubieten. Wer überall präsent ist, erzielt oft nirgends wirklich starke Margen. Stattdessen drohen hohe Kosten, komplexe Strukturen und schwer steuerbare Risiken.

Er begann daher, das Unternehmen systematisch zu analysieren. Er untersuchte die Wettbewerbssituation in den einzelnen Sparten, das Potenzial verschiedener Versicherungsprodukte, die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im Land sowie die Volatilität der jeweiligen Geschäfte. Auch die Exponierung gegenüber Naturkatastrophen spielte eine Rolle, ebenso wie die organisatorischen Fähigkeiten des Unternehmens selbst.

Das Ergebnis dieser Analyse führte zu einer mutigen Entscheidung.

Der strategische Rückzug aus vielen Sparten

Der neue Geschäftsführer beschloss, sich aus nahezu allen Geschäftsbereichen schrittweise zurückzuziehen und sich auf jene Sparte zu konzentrieren, die langfristig die besten Perspektiven bot und sich mit den vorhandenen Führungskräften am effizientesten entwickeln liess.

Diese Entscheidung bedeutete in der Praxis, dass das Unternehmen zunächst kleiner werden würde. Prämienvolumen ging verloren, Geschäftsbereiche wurden reduziert oder ganz aufgegeben. Doch der Fokus lag klar darauf, die ausgewählte Sparte zu stärken und dort Marktführerschaft anzustreben.

Ein langer Prozess mit viel Fingerspitzengefühl

Der Strategiewechsel konnte nicht über Nacht umgesetzt werden. Zwei Faktoren verlangten ein besonders vorsichtiges Vorgehen.

Zum einen waren die Aktionäre nicht bereit, zusätzliches Kapital zu investieren. Das Unternehmen musste den Wandel also aus eigener Kraft finanzieren.

Zum anderen spielte das Verhältnis zu den Brokern eine entscheidende Rolle. Viele von ihnen arbeiteten seit Generationen mit der Gesellschaft zusammen. Diese Beziehungen durfte der junge Manager nicht gefährden.

Der Umbau zog sich deshalb über fast zehn Jahre hin. Schritt für Schritt wurden weniger rentable Geschäftsfelder reduziert, während die ausgewählte Sparte systematisch ausgebaut wurde.

Der Mut zum kleineren Unternehmen

Der Weg verlangte Durchhaltevermögen, starke Nerven und ein klares Vertrauen in das langfristige Ziel. Kurzfristig bedeutete die Strategie Verzicht auf Volumen. Langfristig schuf sie jedoch die Grundlage für ein deutlich stärkeres Marktprofil.

Die Geschichte zeigt eine grundlegende Erkenntnis der Versicherungswirtschaft. Wachstum ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist nicht, wie gross ein Unternehmen ist, sondern wie klar seine strategische Position und wie solide seine Margen sind.

Manchmal führt der Weg zum Erfolg deshalb nicht über Expansion, sondern über bewusste Konzentration. Oder anders gesagt: Manchmal muss ein Versicherer zuerst kleiner werden, um wirklich besser zu wachsen.

Binci Heeb

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