Der Anruf kam kurz nach neun. Eine Kundenstimme, ruhig, aber angespannt darunter. Und eine Frage, die tiefer reicht als jeder abgelehnte Schadenfall: ob in dieser Branche noch jemand wirklich einsteht. Eine, die bleibt.
Der Anruf kam kurz nach neun.
Eine Kundin, Mitte fünfzig, seit zwanzig Jahren versichert, ruhige Stimme, aber man hörte die Anspannung darunter. Ihr Schaden war abgelehnt worden, automatisch, kein Mensch hatte je hingeschaut.
Sie fragte nicht: «Warum hat der Algorithmus das so berechnet?»
Sie fragte: «Wird mir hier noch jemand helfen?»
Ich habe diesen Satz nicht vergessen, nicht wegen der Kundin, sondern wegen der Frage, die er in mir ausgelöst hat: Wer hätte ihr geantwortet?
Die stille Versuchung der Effizienz
Wir leben gerade in einem Moment, in dem die Versicherungsbranche eine stille Versuchung erlebt, nicht die Versuchung, zu viel zu riskieren oder zu wenig zu regulieren, sondern eine ältere, subtilere: die Versuchung, Verantwortung abzugeben, ohne es so nennen zu müssen.
Man nennt es Effizienz. Man nennt es Skalierung. Man nennt es Digitalisierung, und darunter liegt manchmal etwas anderes.
Wenn Entscheidungen delegiert werden
Ich beobachte dieses Muster seit Jahren, nicht nur in der Versicherung, sondern überall dort, wo Entscheidungen zunehmend an Systeme delegiert werden. Und ich beobachte, wie erleichtert Führungspersonen oft wirken, wenn ein Algorithmus eine schwierige Entscheidung trifft: keine Diskussion, keine Rückfrage, kein unangenehmes Gespräch. Das Unbehagen kommt erst später, meistens dann, wenn jemand anruft.
Die Frage dahinter ist keine Technologiefrage, sie ist eine Charakterfrage: Was bin ich bereit, selbst zu verantworten?
Warum Vertrauen menschlich ist
Hier ist, was in diesen Momenten psychologisch passiert. Vertrauen entsteht neurobiologisch nicht dadurch, dass jemand eine Entscheidung nachvollziehen kann, sondern weil jemand spürt, dass eine andere Person dafür einsteht. Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgerichtet, sozialen Akteuren zu vertrauen, Wesen, die Absichten haben, Fehler machen können und für Konsequenzen geradestehen.
Algorithmen fallen nicht in diese Kategorie, nicht weil sie schlechter entscheiden, sondern weil sie nicht einstehen können.
Algorithmic Aversion
Das bedeutet: Selbst wenn ein System die objektiv bessere Entscheidung trifft, statistisch fundierter, fairer als ein Mensch es je wäre, kann es kein Vertrauen aufbauen, nicht weil es falsch liegt, sondern weil das Gehirn des Gegenübers schlicht kein Vertrauenssignal empfängt.
In der Verhaltensforschung nennt man das Algorithmic Aversion: die tiefe Abneigung gegen algorithmische Urteile, sobald etwas schiefläuft. Dokumentiert, reproduzierbar und vollkommen menschlich. Für die Versicherungsbranche bedeutet das etwas Konkretes: Kundinnen und Kunden, die einen automatisierten Entscheid erhalten, hinterfragen bei Ablehnung nicht das System. Sie hinterfragen die Beziehung.
Wenn Menschen Fehler machen dürfen
Wenn eine Person eine falsche Entscheidung trifft, kann sie sich erklären. Sie kann sagen: Ich habe das so gesehen, und ich hatte Unrecht. Sie kann sich entschuldigen, den Fall neu beurteilen, das Vertrauen Schritt für Schritt zurückgewinnen. Diese Momente sind unangenehm, aber sie sind das Fundament, auf dem Vertrauensverlust repariert wird.
Ein Algorithmus kann das nicht: Er optimiert weiter nach denselben Parametern, bis jemand die Parameter ändert, und für die Kundin bedeutet das, dass sie niemanden anrufen, niemanden überzeugen kann, sondern nur akzeptieren oder klagen.
Regulierung als Realität
Die Regulierungsbehörden haben das bereits verstanden, auch wenn die Branche noch zögert. FINMA und europäische Vorgaben fordern bei automatisierten Entscheiden zunehmend Erklärbarkeit, nicht aus Technikskepsis, sondern weil Regulierer wissen, was Psychologen schon länger wissen: Ein Entscheid, den niemand verantworten kann, ist kein Entscheid. Er ist ein Risiko.
In Gesprächen mit Führungspersonen, die unter Druck entscheiden müssen, beobachte ich regelmässig, wie automatisierte Entscheidesysteme unbewusst ein Phänomen etablieren, das Psychologen Responsibility Diffusion nennen. Die Verantwortung verteilt sich so breit auf System, Daten, Modell und Aufsicht, dass am Ende niemand mehr wirklich zuständig ist. Alle haben mitentschieden, niemand hat entschieden.
Der Broker im Dilemma
Für Führungspersonen in effizienzgetriebenen Organisationen ist das verlockend, für Broker ist es existenziell gefährlich, denn der Broker steht in der Mitte. Er hat die Kundin beraten, das Produkt empfohlen, die Beziehung aufgebaut. Wenn der Versicherer automatisiert ablehnt und der Broker erklären soll, ohne den Entscheid zu kennen, steht er vor seiner Kundschaft ohne Antwort.
Das beschädigt nicht das System. Es beschädigt ihn.
Wer wir sein wollen
Ich schreibe hier nicht über Technologie, sondern darüber, wer wir sein wollen, wenn das System für uns entscheidet. Das zeigt sich täglich, in konkreten Momenten: Wer unterschreibt einen Entscheid, den ein Modell getroffen hat, ohne ihn zu hinterfragen? Wer erklärt einer Kundin, warum ihr Schaden abgelehnt wurde, und bleibt dabei wirklich präsent, statt auf das System zu verweisen? Wer übernimmt das Gespräch, das niemand führen will?
Führung zeigt sich im Unbequemen
Führungspersönlichkeit zeigt sich nicht darin, wie man Systeme einführt. Sie zeigt sich darin, wie man mit dem umgeht, was Systeme nicht können.
Und Systeme können nicht einstehen: Das können nur Menschen.
Die Frage war nie: «Wie viel KI setzen wir ein?» Die Frage war immer: «Was bin ich bereit, selbst zu verantworten?»
Ein Versprechen, das trägt
Effizienz ist wichtig, Skalierung ist wichtig, und Modelle, die besser entscheiden als ein Mensch unter Zeitdruck, sind wichtig. Aber Versicherung ist, auf das Wesentliche reduziert, ein Versprechen: Man zahlt heute, damit jemand morgen da ist, wenn etwas schiefläuft. Dieses Versprechen funktioniert nicht, weil man es berechnen kann. Es funktioniert, weil man es glaubt.
Und Glaube braucht jemanden, der dafür einsteht.
Vertrauen ist kein Feature, das man in ein Modell einbauen kann. Es ist eine Haltung, die man täglich wählt, oder eben nicht.
Am Ende hebt jemand ab
Die Kundin von neulich hat ihren Schaden erstattet bekommen, nachdem ein Mensch hingeschaut hat. Sie hat eine Freundin angerufen und ihr gesagt, sie sei gut versichert.
Das steht in keiner KPI, aber es ist der einzige Grund, weshalb diese Branche morgen noch existiert. Dahinter steckt jemand, der den Hörer abgenommen hat.
Marcus Selzer
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