Zwischen Regulierung und geopolitischer Zeitenwende

Die 35. Generalversammlung der Swiss Insurance Brokers Association (SIBA) stand ganz im Zeichen wachsender regulatorischer Belastungen, digitaler Herausforderungen und geopolitischer Unsicherheiten. Gleichzeitig nutzte der Verband den Anlass, um personelle Veränderungen […]


SIBA fordert weniger Bürokratie, mehr Wettbewerbsfähigkeit und klare Rahmenbedingungen.

SIBA fordert weniger Bürokratie, mehr Wettbewerbsfähigkeit und klare Rahmenbedingungen.

SIBA fordert weniger Bürokratie, mehr Wettbewerbsfähigkeit und klare Rahmenbedingungen.

Die 35. Generalversammlung der Swiss Insurance Brokers Association (SIBA) stand ganz im Zeichen wachsender regulatorischer Belastungen, digitaler Herausforderungen und geopolitischer Unsicherheiten. Gleichzeitig nutzte der Verband den Anlass, um personelle Veränderungen im Vorstand bekanntzugeben und zentrale Projekte für die Zukunft der Brokerbranche vorzustellen.

SIBA-Präsident Markus Lehmann konnte in Luzern eine rekordhohe Zahl an Gästen, Branchenvertretern und Partnerorganisationen begrüssen. Neben Vertretern von Versicherern und Brokerhäusern nahmen auch zahlreiche Exponenten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden teil, darunter SVV-Direktor Urs Arbter, VBV-Präsident Mathias Zingg, OAK-BV-Präsidentin Vera Kupper sowie Vertreter der IG B2B und des liechtensteinischen Brokerverbandes.

Veränderungen im Vorstand

Die Generalversammlung verlief laut SIBA «erfreulich». Präsident Markus Lehmann und der Vizepräsident wurden für ein weiteres Jahr bestätigt. Gleichzeitig kam es im Vorstand zu mehreren personellen Wechseln.

Nach den Rücktritten von Sacha Baumli (ACA) und Kilian Manz (WTW wurden neu Reto Ebnöther (WTW) sowie Salvatore Lavorato (RVA) in den Gesamtvorstand gewählt. Besonders die Wahl von Lavorato (ACA) wertete die SIBA als Signal für eine engere Zusammenarbeit innerhalb der Branche: Er vertritt die Association des courtiers en Assurances ACA im Vorstand und soll den gemeinsamen Dialog zwischen den Marktteilnehmern stärken.

Trotz anhaltender Konsolidierung in der Brokerlandschaft bleibt der Mitgliederbestand laut SIBA stabil. Auch das von den Mitgliedern betreute Prämienvolumen bewege sich weiterhin auf konstant hohem Niveau.

Branchenleitfaden verabschiedet

Einen wichtigen Meilenstein sieht die SIBA in der Verabschiedung eines neuen Leitfadens für die Zusammenarbeit zwischen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen. Die Vereinbarung soll künftig als Branchenstandard dienen und wiederkehrende Konfliktpunkte zwischen Marktteilnehmern beseitigen.

Parallel dazu arbeitet die SIBA gemeinsam mit Partnern an einem neuen dreistufigen Ausbildungsmodell für die zweite Säule. Dieses soll der OAK BV vorgestellt werden und langfristig zur Professionalisierung der Branche beitragen.

Kritik an Rezertifizierungen und FINMA

Kritische Worte fand die Verbandsführung erneut für regulatorische Entwicklungen. Für Irritationen sorgten insbesondere die laufenden Rezertifizierungsprüfungen für Mandatsleiter und FINMA-registrierte Personen. Laut SIBA hätten zahlreiche Broker überrascht festgestellt, dass ein erheblicher Teil der Prüfungsfragen den Krankenkassenbereich betreffe, ein Segment, das viele klassische SIBA-Broker bewusst meiden würden.

Die Thematik sei bereits in Gesprächen mit dem VBV aufgenommen worden und solle an der Branchenverbandskonferenz im Herbst vertieft diskutiert werden. Gleichzeitig zeigte sich die SIBA erleichtert darüber, dass keine Mitgliedsbroker in den Fall der erschlichenen Prüfungszertifikate involviert gewesen seien, der im vergangenen Jahr für Schlagzeilen sorgte. Die Zusammenarbeit zwischen VBV und FINMA bei der Aufarbeitung dieser Fälle wurde ausdrücklich gelobt.

Deutlich schärfer fiel die Kritik gegenüber der FINMA aus. Die SIBA bemängelte erneut fehlende Transparenz über die Kosten der Aufsicht. Während Versicherer und Broker detaillierte Offenlegungspflichten erfüllen müssten, fehle es der Aufsichtsbehörde selbst an nachvollziehbaren Informationen über die Verwendung der Gebühreneinnahmen.

Besonders kritisch sieht der Verband den Ausbau der Vermittlungsaufsicht. Laut SIBA seien dort, trotz vergleichsweise geringer Beanstandungen bei qualifizierten Brokern, inzwischen 24 Stellen geschaffen worden. Die eigentlichen Probleme lägen vielmehr im Bereich der Krankenkassenvermittlung und bei damit verbundenen Lebensversicherungsmodellen.

Als Hinweis auf die geringe Zahl tatsächlicher Streitfälle verwies die SIBA darauf, dass die neu geschaffene Ombudsstelle für SIBA-Broker im ersten Betriebsjahr keinen einzigen Fall bearbeiten musste.

Kritik am UK-Abkommen

Ein weiteres zentrales Thema war das sogenannte UK-Abkommen, das britischen Brokern erlaubt, ohne Niederlassung in der Schweiz tätig zu sein. Aus Sicht der SIBA führt dies zu einer klaren Benachteiligung inländischer Brokerunternehmen.

Während Schweizer Broker umfangreiche Anforderungen erfüllen müssten – darunter FINMA-Registrierung, Strafregister- und Betreibungsregisterauszüge, Ausbildungsnachweise und Gebührenpflichten –, könnten britische Anbieter Schweizer Kunden betreuen und Verträge abschliessen, ohne denselben regulatorischen Vorgaben zu unterstehen.

Die SIBA kritisierte insbesondere, dass mögliche Aufsichtskosten im Problemfall letztlich von der Schweizer Brokerbranche getragen würden. Zudem bestehe die Gefahr, dass Geschäft aus der Schweiz ins Ausland abwandere.

EcoHub und Digitalisierung bleiben Sorgenkinder

Auch die Digitalisierung der Branche bleibt für den Verband ein sensibles Thema. Vier Jahre nach der Gründung der EcoHub AG vermisst die SIBA weiterhin konkrete Fortschritte und marktfähige Lösungen.

Während digitale Standards und Plattformlösungen in verschiedenen Nachbarstaaten längst etabliert seien, komme die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Brokern in der Schweiz nur schleppend voran. Die Branche hoffe nun auf neue Impulse sowie auf Effizienz- und Kostenvorteile für alle Beteiligten.

Bürokratie belastet die Wirtschaft

Markus Lehmann nutzte seine Rede auch für eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Standortbestimmung. An verschiedenen Veranstaltungen von Wirtschaftsverbänden sei immer wieder dieselbe Botschaft zu hören gewesen: Die Bürokratie nehme massiv zu, Verordnungen würden inflationär wachsen und führten zu immer neuen Stellen sowie steigenden Kosten für Unternehmen und Steuerzahler.

Die Schweiz bewege sich aus Sicht der SIBA zunehmend in Richtung einer höheren Staatsquote: ein Zustand, der früher eher mit Ländern wie Frankreich assoziiert worden sei. Gefordert wurden deshalb strengere Folgekostenabschätzungen für neue Regulierungen sowie eine stärkere Begrenzung administrativer Eingriffe.

Thomas Süssli: «Die Zeitenwende ist eingetreten»

Für den Höhepunkt des Morgens sorgte das Gastreferat des ehemaligen Chefs der Schweizer Armee, Thomas Süssli. Unter dem Titel «Die aktuelle geopolitische Welt(un)ordnung» zeichnete Süssli ein düsteres Bild der internationalen Lage.

Thomas Süssli: bis Ende 2025 Chef der Armee, Manager, wird bei den Nationalratswahlen 2027 für die FDP des Kantons Luzern (FDP.Die Liberalen Luzern) antreten.

Seine zentrale Botschaft lautete: Die geopolitische Zeitenwende sei längst Realität geworden. Die bisherige regelbasierte Weltordnung zerfalle zunehmend und werde nicht mehr in ihre frühere Stabilität zurückfinden. Die Welt befinde sich in einer neuen multipolaren Ordnung, geprägt von den Machtzentren USA, China und Russland.

Süssli kritisierte, dass Europa und der Westen diese Entwicklung über Jahre unterschätzt hätten. Besonders China habe sich in nur wenigen Jahrzehnten von einem armen Entwicklungsland zu einer technologischen und wirtschaftlichen Supermacht entwickelt. Der ehemalige Armeechef erinnerte daran, dass China innerhalb einer Generation rund 800 Millionen Menschen aus der Armut geführt habe und heute offen eine neue Weltordnung anstrebe.

Dabei sprach Süssli auch über die zunehmende geopolitische Verschiebung hin zu Asien. Städte wie Shenzhen (aktuelle Population 20,622.630) oder Shanghai stünden exemplarisch für den technologischen Vorsprung Chinas. Europa hingegen verliere zunehmend an Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit.

Russland setzt auf hybride Kriegsführung

Breiten Raum nahm auch die Analyse Russlands ein. Süssli machte deutlich, dass Russland seinen Einflussanspruch weiterverfolgen werde. Dies würde nicht zwingend über direkte militärische Angriffe geschehen, sondern verstärkt über hybride Kriegsführung.

Dazu gehörten Cyberangriffe, Desinformation, wirtschaftliche Einflussnahme sowie Sabotageakte. Russland befinde sich laut Süssli bereits heute in einem hybriden Konflikt mit dem Westen. Als Beispiele nannte er gezielte Desinformationskampagnen, Cyberattacken sowie zunehmende Einflussoperationen innerhalb Europas.

Gleichzeitig warnte er davor, die russische Bedrohung ausschliesslich militärisch zu interpretieren. Ein direkter Angriff auf Europa sei zwar derzeit unwahrscheinlich, dennoch baue Russland seine militärischen Fähigkeiten und seine Einflusszonen konsequent weiter aus.

Europa verliert technologisch den Anschluss

Besonders kritisch äusserte sich Süssli zur technologischen Entwicklung Europas. Während China und die USA Milliarden in künstliche Intelligenz investierten, verliere sich Europa zunehmend in Regulierung und Bürokratie.

Die Schweiz und Europa verfügten zwar weiterhin über ein hohes Bildungsniveau, würden jedoch Gefahr laufen, technologisch ins Hintertreffen zu geraten. Gerade im Bereich künstliche Intelligenz drohe Europa den Anschluss zu verlieren.

Süssli warnte zudem vor strukturellen Schwächen der Schweiz: steigende Staatsquote, wachsende Bürokratie, Energieabhängigkeit und mangelnde Reformfähigkeit. Die grossen Probleme würden politisch kaum mehr gelöst, stattdessen nehme die Regulierung immer weiter zu.

«Gleichzeitig reich und schwach zu sein, ist gefährlich»

Mit besonderer Deutlichkeit sprach Süssli über die Verwundbarkeit wohlhabender Staaten. Wohlstand allein garantiere künftig keine Stabilität mehr. In einer zunehmend instabilen Weltordnung sei es gefährlich, gleichzeitig reich und sicherheitspolitisch schwach zu sein.

Auch die demografische Entwicklung, die Alterung der Gesellschaft sowie die steigenden Belastungen für Sozialwerke und Infrastruktur würden die Handlungsspielräume der Staaten zusätzlich einschränken.

Zum Abschluss appellierte Süssli an mehr Eigenverantwortung, Reformbereitschaft und Innovationskraft. Europa und die Schweiz müssten wieder lernen, schneller und entschlossener zu handeln.

Sein Schlusszitat blieb vielen Gästen in Erinnerung: «Machen ist wie wollen – nur krasser.»

Binci Heeb

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