Amal Clooney: KI als Hebel für Zugang zu Recht

Am zweiten Tag des Health Tech Global Summit in Basel standen zwei Leitfragen im Zentrum: Wie bleibt ein solidarisches Gesundheitssystem bezahlbar und innovationsfähig, und wie kann Künstliche Intelligenz den Zugang […]


Amal Clooney macht KI für Rechtsstaatlichkeit mit der Gründung des Oxford Institute of Technology and Justice nutzbar.

Amal Clooney macht KI für Rechtsstaatlichkeit mit der Gründung des Oxford Institute of Technology and Justice nutzbar.

Amal Clooney macht KI für Rechtsstaatlichkeit mit der Gründung des Oxford Institute of Technology and Justice nutzbar.

Am zweiten Tag des Health Tech Global Summit in Basel standen zwei Leitfragen im Zentrum: Wie bleibt ein solidarisches Gesundheitssystem bezahlbar und innovationsfähig, und wie kann Künstliche Intelligenz den Zugang zu Recht und Schutz für die Verletzlichsten verbessern? Von der föderalen Komplexität der Schweizer Versorgung bis zu digitalen Tools für Opfer von Gewalt spannte sich der Bogen zwischen Politik, Technologie und Verantwortung.

Nach einem ersten Konferenztag voller Networking und Debatten sollte der zweite Tag laut Moderation nicht nur Energie, sondern Tempo bringen. Die Organisatoren betonten den Anspruch, Diskussionen aus dem Saal in die Öffentlichkeit zu tragen und dem Standortwechsel nach Basel eine klare Bedeutung zu geben: Das Ökosystem solle nicht nur auf Slides überzeugen, sondern vor Ort erlebbar werden. Wegen geopolitischer Unsicherheiten und eingeschränkter Reisemöglichkeiten mussten einzelne Programmpunkte kurzfristig ins Virtuelle wechseln, darunter auch der Beitrag von Amal Clooney. Die Botschaft war dennoch eindeutig: Virtuelle Auftritte gelten nicht als Ersatz, sondern als strategisches Format mit gleicher Bühne, technischer Priorität und Interaktionsanspruch.

Gründung des Oxford Institute of Technology and Justice

Der nächste Block schlug die Brücke von Gesundheitspolitik zu Gerechtigkeitstechnologie. In der virtuellen Session wurde Amal Clooney als prominente Stimme vorgestellt, die KI gezielt für den Zugang zu Recht einsetzen will. Ein zentrales Beispiel war die Gründung des Oxford Institute of Technology and Justice, das KI für Rechtsstaatlichkeit nutzbar machen soll. Genannt wurden drei Schwerpunkte: mehr Verantwortlichkeit bei Cybercrime, bessere Verwertbarkeit digitaler Beweise durch Mustererkennung und Verifikation sowie Skalierung von Rechtswissen durch Datenplattformen und Schulungsangebote.

Besonders konkret wurde es bei Anwendungen in Ländern mit extrem geringer juristischer Versorgung. In Malawi, wo auf Millionen Einwohner nur wenige Hundert Anwältinnen und Anwälte kommen, entstehen digitale Tools für Ersthelferinnen und Ersthelfer, die in Krisensituationen rechtliche Fragen schnell beantworten und Kontakte zu pro bono Juristinnen und Juristen herstellen können. Ein weiteres Tool unterstützt Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt beim Erstellen von Schutzanordnungen, indem ein Grossteil der Schritte automatisiert wird, unter anwaltlicher Qualitätskontrolle.

Vom Einzelfall zur Systemwirkung

Im Gespräch zeichnete Clooney ihren Weg vom Unternehmensrecht hin zur Menschenrechtsarbeit nach. Sie beschrieb, wie pro bono Fälle ihr gezeigt hätten, dass juristische Kompetenz nicht nur Unternehmen, sondern auch marginalisierten Gruppen dienen kann. Entscheidend sei oft ein Gefühl der Empörung über Unrecht, kombiniert mit der Frage, ob rechtliche Intervention Wirkung entfalten kann. Veränderung entstehe, so Clooney, selten durch den grossen Wurf, sondern durch strategisch gewählte Fälle, die Präzedenz schaffen und damit über den Einzelfall hinaus wirken.

Ein Gipfel, zwei Perspektiven, ein gemeinsamer Nenner

Der zweite Summit-Tag machte sichtbar, wie eng Gesundheit, Recht und Technologie inzwischen verwoben sind. Auf der einen Seite steht die Herausforderung, ein komplexes, solidarisches System unter Kosten und Personalstress stabil zu halten, auf der anderen die Chance, KI als Infrastruktur für Zugang zu Schutz, Information und fairen Verfahren zu nutzen. Der gemeinsame Nenner ist Governance: Ohne klare Regeln, Vertrauen und Verantwortung bleibt Innovation fragil, mit ihnen wird sie skalierbar.

Dr. Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel Stadt und Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren.
Schweizer Gesundheitssystem zwischen Zugang, Qualität und Kosten

Dr. Lukas Engelberger, Gesundheitsdirektor des Kantons Basel Stadt und Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren skizzierte das Grunddilemma moderner Gesundheitspolitik als Dreieck: breiter Zugang, hohe Qualität und tragbare Kosten. Die Schweiz profitiere heute von sehr guten Kennzahlen wie hoher Lebenserwartung und tiefer Kindersterblichkeit, doch die Stabilität dieses Modells stehe unter Druck.

Engelberger erklärte die föderale Architektur als Stärke und Belastung zugleich. 26 Kantone, zahlreiche Gemeinden und eine Vielzahl privater Akteure bilden ein System mit vielen Schnittstellen. Der Bund setze primär den gesetzlichen Rahmen, etwa bei Krankenversicherung, Epidemien, Transplantationen oder Gesundheitsberufen, während die Kantone zentrale operative Verantwortung tragen, insbesondere bei Spitalplanung, Teilen der Finanzierung und in Krisenlagen. Diese Dezentralität ermögliche Nähe zur Bevölkerung, erhöhe aber die Komplexität und den Koordinationsaufwand.

Fachkräftemangel und Prämienlast als drängendste Baustellen

Als besonders kritisch bezeichnete Engelberger die demografische Entwicklung und den damit verbundenen Bedarf an Versorgung für ältere Menschen mit Mehrfacherkrankungen. Der Engpass verschiebe sich zunehmend von Infrastruktur zu Personal. Der Mangel an Gesundheitsfachkräften drohe zum dominierenden Problem zu werden, während gleichzeitig die Finanzierung stärker politisiert werde. Hohe Krankenkassenprämien sind ein zentrales Sorgenfeld, und es zeichnet sich ab, dass künftig mehr öffentliche Mittel nötig werden. Ein weiterer Systemschritt sei für 2028 geplant, was die Reformdynamik unterstreicht.

Medikamentenpreise: Zugang zu Innovation unter geopolitischem Druck

Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie die Schweiz auch künftig rasch Zugang zu neuen Medikamenten sichern kann. Engelberger verwies auf internationale Spannungen rund um Preisgestaltung und auf den wachsenden Druck aus den USA. In der Diskussion wurde deutlich, dass ein stärkerer Einfluss externer Preislogiken die Schweizer Priorität der breiten Zugänglichkeit herausfordern könnte. Im Raum stand die unbequeme Option, für früheren Zugang höhere Preise in Kauf nehmen zu müssen und parallel kreativere Preis und Erstattungsmodelle zu entwickeln, etwa mit stärker fallenden Preisen über die Zeit. Gleichzeitig betonte Engelberger, dass die Schweiz am Grundsatz festhalten wolle, Medikamente nicht nur für jene verfügbar zu machen, die sie sich leisten können.

Digitalisierung: Daten nutzen, Vertrauen sichern

Neben Kosten, Personal und Arzneimitteln nannte Engelberger die Digitalisierung als strategische Priorität. Zentral sei die Frage, wie Patientendaten sicher dort verfügbar werden, wo sie medizinisch benötigt werden, ohne Datenschutz und Datensouveränität zu untergraben. Die technologische Entwicklung, insbesondere durch KI in Forschung, Übersetzungstools und klinischen Informationssystemen, eröffne neue Perspektiven, zwinge aber zu pragmatischen Lösungen. Regulierung werde naturgemäss hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, entscheidend sei deshalb ein Rahmen, der sensibelste Daten schützt und gleichzeitig Fortschritt nicht blockiert. Engelberger plädierte zudem für stärkere internationale Abstimmung, orientiert an europäischen Standards, und verwies auf die Weiterentwicklung der Schweizer Datenschutzgesetzgebung.

Basel als Ökosystem: Werte als Standortfaktor

Engelberger verknüpfte die Gegenwart mit einer Standorterzählung: Innovation brauche Infrastruktur, Forschung, klinische Exzellenz, aber auch Werte wie Rechtsstaatlichkeit, geistiges Eigentum, akademische Freiheit und offene Debatte. Basel sei historisch durch internationale Vernetzung geprägt, von frühen akademischen Impulsen bis zur heutigen Rolle als Life Sciences Hub. Die grossen Unternehmen seien ein starkes Herz, doch ein Ökosystem entstehe erst durch das Netzwerk aus Startups, Forschung, Spitälern und Talenten. In unruhigen Zeiten, so sein Appell, lohne sich die Rückbesinnung auf Menschenwürde, Toleranz, Integrität und die freie Konkurrenz der Ideen.

Binci Heeb

Lesen Sie auch: Was uns die Raumfahrt über Gesundheit, Risiko und Leistung lehrt


Tags: #Basel #Cybercrime #Datenplattformen #Gerechtigkeitstechnologie #Labor #Malawi #Menschenrechtsarb #Oxford Institute of Technology and Justice #Solidarität #Systemwirkung #Zugang zu Schutz #Zukunft