Baukasten statt Festung

Die Versicherungsbranche baut ihr Geschäftsmodell um, aber nicht alle in dieselbe Richtung. Der 15. Global Insurance Report von BlackRock zeichnet eine Branche, die modularer wird, ohne einheitlicher zu werden. Die […]


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Der 15. Global Insurance Report von BlackRock ist auf den ersten Blick beinahe langweilig stabil.

Der 15. Global Insurance Report von BlackRock ist auf den ersten Blick beinahe langweilig stabil.

Der 15. Global Insurance Report von BlackRock ist auf den ersten Blick beinahe langweilig stabil.
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Die Versicherungsbranche baut ihr Geschäftsmodell um, aber nicht alle in dieselbe Richtung. Der 15. Global Insurance Report von BlackRock zeichnet eine Branche, die modularer wird, ohne einheitlicher zu werden. Die Schweizer Versicherer fallen dabei mit zwei Eigenheiten auf: Sie sind konjunkturell deutlich zuversichtlicher als der Rest der Welt – und bei der KI deutlich weniger weit, als sie es gerne wären.

Für den diesjährigen Report hat BlackRock zwischen Juli und August 2026 insgesamt 463 Führungskräfte aus 31 Ländern befragt, die zusammen Versicherungsvermögen von über 24 Billionen US-Dollar verantworten. Auf den ersten Blick wirkt das Bild beinahe langweilig stabil: 82 Prozent der Versicherer wollen ihr Anlagerisiko in den nächsten zwölf Monaten unverändert lassen, nur je 9 Prozent wollen es erhöhen oder senken. Zum Vergleich: 2021, mitten in der Tiefzinsphase, wollten noch 60 Prozent mehr Risiko eingehen. Heute erlauben die höheren Renditen, die Ertragsziele ohne zusätzliche Risikoakrobatik zu erreichen.

Doch der Durchschnitt verdeckt mehr, als er zeigt. Bei den grossen Häusern mit über 25 Milliarden Dollar Anlagevermögen wollen 17 Prozent das Risiko erhöhen und nur 2 Prozent es senken. Bei den kleineren Versicherern ist es genau umgekehrt: 5 Prozent wollen mehr, 12 Prozent weniger Risiko. Aufschlussreich ist auch, warum die Mehrheit stillhält. 57 Prozent sehen schlicht keine Gelegenheiten, die mehr Risiko rechtfertigen würden – ein Plus von 22 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Stillhalten ist also weniger Angst als Wählerischsein. BlackRock hat den Report denn auch «Different by Design» getauft: Die Branche wird flexibler, aber nicht gleichförmiger.

Die Schweiz: zuversichtlich, aber zurückhaltend

Für die Schweiz hat BlackRock eine Teilauswertung von zwölf Versicherern bereitgestellt – eine kleine Stichprobe, bei der ein einzelnes Unternehmen die Quote um gut acht Prozentpunkte verschiebt. Als Trendindikator taugt sie trotzdem. Elf von zwölf Schweizer Versicherern rechnen mit einer weichen Landung der Konjunktur. Global sind es 61 Prozent, in der Region EMEA 75 Prozent. Die Schweizer Branche ist damit selbst im ohnehin optimistischen Europa ein Ausreisser nach oben. «Versicherer suchen zunehmend Partner, die mehr können, als Kapitalanlagen zu verwalten», sagt Sandro Krättli, Leiter Institutionelle Kunden Schweiz bei BlackRock. Um ihre langfristigen Ziele zu erreichen und sich in einem immer komplexeren Umfeld zu behaupten, brächten sie Kapitalanlage, Kapitalmanagement und Technologie nicht einzeln betrachten, sondern zusammen. Diese Kompetenzen zusammenzubringen, werde in diesem Markt zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Bei den Privatmärkten zeigt sich ein zweites, interessanteres Muster. 83 Prozent der Schweizer Versicherer planen eine höhere Private-Markets-Allokation, mehr als im globalen Schnitt von 76 Prozent. Beim Private Debt hingegen wollen nur 25 Prozent zulegen, global sind es 41 Prozent. Die Schweizer wollen also mehr Privatmarkt, aber auffällig wenig vom derzeit populärsten Segment. Ob dahinter die Eigenmittelbehandlung unter dem SST, eine traditionell starke Immobilien- und Infrastrukturorientierung oder schlicht Skepsis gegenüber einem überhitzten Markt steckt, lässt die Umfrage offen. Global nennen jedenfalls 56 Prozent die regulatorische und kapitalmässige Behandlung als grösste Sorge beim Private Debt – noch vor Liquiditäts- und Kreditrisiken.

Privatmärkte: vom Experiment zum Inventar

Global sind Privatmärkte längst kein Abenteuer mehr, sondern fester Bestandteil der Portfolios. Zwar ist der Anteil der Versicherer, die ihre Allokation ausbauen wollen, von 94 Prozent im Vorjahr auf 76 Prozent gesunken, doch reduzieren will sie niemand. Gefragt sind vor allem Direct Lending (40 Prozent), Investment-Grade-Privatplatzierungen (39 Prozent) und Wohnhypotheken (38 Prozent). Bemerkenswert ist, dass selbst Versicherer mit konstanter Private-Debt-Quote kräftig umschichten: 83 Prozent von ihnen wollen mindestens ein Teilsegment aufstocken und ein anderes abbauen. Die eigentliche Bewegung findet unter der Oberfläche statt.

Umgesetzt wird das kaum mehr in Eigenregie. 90 Prozent der Versicherer wollen für Private Debt externe Manager nutzen, drei Viertel bevorzugen massgeschneiderte Mandate. Dass ausgerechnet ein Vermögensverwalter zum Schluss kommt, die Auswahl des richtigen Vermögensverwalters sei besonders wichtig, darf man mit einem Lächeln zur Kenntnis nehmen. Falsch ist es deswegen nicht.

Modular statt vertikal

Das eigentliche Thema des Reports geht über die Kapitalanlage hinaus. Versicherer lösen sich vom vertikal integrierten Modell, in dem sie Vertrieb, Risiken, Kapital und Anlagen allein stemmen. 84 Prozent bezeichnen ihr Asset Management bereits als hybrid, knapp die Hälfte will externe Verwaltung weiter ausbauen. 88 Prozent arbeiten bei den Anlagen mit Partnern, 57 Prozent bei Kapitalthemen und 43 Prozent bei Produktentwicklung. Nur der Vertrieb bleibt mit 7 Prozent weitgehend Chefsache. 82 Prozent kooperieren in mindestens zwei Bereichen.

Je breiter die Partnerschaften, desto stärker rückt die Kapitaleffizienz in den Fokus: 83 Prozent der Versicherer mit Partnern in drei Bereichen nennen sie als Kernziel, bei jenen mit nur einem Partnerbereich sind es 55 Prozent. Beim Kapitalmanagement selbst sticht die Onshore-Captive-Rückversicherung heraus, deren Einsatz 53 Prozent ausbauen wollen. Das grösste Hindernis bleibt aber auch hier die Regulierung, genannt von 60 Prozent.

KI: Die Teppichetage sieht mehr als der Maschinenraum

KI ist zum zweiten Mal in Folge die wichtigste Technologieinvestition. Global wollen 62 Prozent der Versicherer die KI-Ausgaben in der Anlagefunktion erhöhen, in der Schweiz sind es 83 Prozent. Beim tatsächlichen Stand klafft die Lücke allerdings in die andere Richtung: Global melden 60 Prozent mindestens einen skalierten oder fest eingebetteten Anwendungsfall, in der Schweiz nur 42 Prozent. Der Wille ist da, die Umsetzung hinkt.

Aufschlussreich ist auch, wer was sieht. 73 Prozent der Befragten aus der Geschäftsleitung berichten von mindestens einem skalierten KI-Einsatz, bei den übrigen Führungskräften sind es nur 51 Prozent. Am weitesten ist die KI dort, wo das Versicherungsgeschäft selbst stattfindet: im Underwriting und Pricing (54 Prozent), in der Schadenbearbeitung (53 Prozent) und im Compliance-Reporting (52 Prozent). In der Anlagerecherche steckt sie dagegen grösstenteils noch im Pilotstadium. Als Bremsklötze nennen die Versicherer Regulierung (49 Prozent), Cyber- und operationelle Risiken (46 Prozent), Datenqualität (45 Prozent) und die Integration in bestehende Systeme (40 Prozent).

Jeff Mauro, CIO von Fortitude Re, bringt es im Report auf den Punkt: Das Problem seien selten die Modelle, sondern Datenqualität, Governance und Kontrollen. Wer diese Grundlagen überspringe, skaliere Fehler statt Erkenntnisse. Und Martin Zingg, Group CIO von Swiss Re, betont, es gehe nicht darum, menschliches Urteilsvermögen zu ersetzen, sondern es zu stärken. Ein Satz, den man sich in manchen KI-Strategiepapieren als Präambel wünschen würde.

Nachhaltigkeit: die Mehrheit überzeugt, die Kleinen zweifeln

Auch beim nachhaltigen Investieren lohnt der Blick unter die Schlagzeile. 62 Prozent der Versicherer berichten von gestiegener Überzeugung, nach 70 Prozent im Vorjahr. EMEA bleibt mit 75 Prozent das Zentrum der Zuversicht, Lateinamerika ist die einzige Region, in der die Zweifler überwiegen. Noch deutlicher ist das Grössengefälle: Bei Versicherern mit über 100 Milliarden Dollar Anlagevermögen ist die Überzeugung bei 74 Prozent gewachsen, bei den kleinsten Häusern mit 1 bis 10 Milliarden bei 51 Prozent – und ein Drittel von ihnen meldet schwindende Überzeugung. Die grössten Chancen der Energiewende sehen die Versicherer in der Infrastruktur, das grösste Risiko in einem ungeordneten Übergang.

Gleiche Lage, verschiedene Antworten

Der Report liefert keine Branchenformel, und genau das ist seine Botschaft. Versicherer mit ähnlichen Konjunkturerwartungen treffen unterschiedliche Anlageentscheide, gleiche Allokationsquoten verbergen unterschiedliche Portfolios, und die Antwort auf die Frage «selbst machen oder einkaufen» fällt je nach Bilanz, Grösse und Region anders aus. Für die Schweizer Versicherer stellt sich die Frage, ob die Kombination aus konjunktureller Zuversicht und Zurückhaltung beim Private Debt kluge Vorsicht ist oder verpasste Rendite. Und ob sich die Lücke zwischen KI-Budget und KI-Alltag schliessen lässt, bevor sie zum Wettbewerbsnachteil wird. Die Antwort liefert keine Umfrage, sondern die Umsetzung.

Hier ist der Link zum Global Insurance Report.


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