KOMMENTAR
Gut sieben Monate nachdem Yuval Noah Harari vor dem WEF-Publikum in Davos erklärte, dass die Menschheit vor einer zweiten, unsichtbaren Einwanderungswelle steht, die nicht aus Booten, sondern aus Algorithmen besteht, wählte Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent eine Partei zur stärksten Kraft, deren Programm im Kern aus der Abwehr der ersten, sichtbaren Welle besteht. Zwei Ereignisse, ein Wochenende, scheinbar zwei Welten. Wer genauer hinschaut, erkennt dieselbe Krankheit. Sie betrifft sehr wohl auch die Schweiz und, wie wir hier versuchen aufzuzeigen, direkt die Versicherungs- und Finanzbranche.
Eine Wahl im Bundesland Sachsen-Anhalt macht weit über Deutschland hinaus Schlagzeilen. Die AfD hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und verfehlte die absolute Mehrheit nur knapp: 39 von 83 Sitzen, 42 wären nötig gewesen. Der Verfassungsschutz stuft die Partei als gesichert rechtsextrem ein.
Wer wissen will, warum eine Partei, die offen mit dem Begriff «Remigration» hantiert eine derartige Zustimmung erhält, findet die Antwort nicht allein in Fremdenfeindlichkeit. Er findet sie auch in entvölkerten Dörfern ohne Hausarzt, ohne Geschäfte, ohne funktionierenden öffentlichen Raum und in einem Staat, der die Frage, wer dazugehört und wer entscheidet, seit Jahren offenlässt, statt sie zu beantworten.
Hararis zweite Einwanderungswelle
Genau diese unbeantwortete Frage steht im Zentrum des israelischen Historikers Yuval Noah Hararis Rede.
Hariris Ausgangspunkt: Künstliche Intelligenz ist kein Werkzeug, sondern ein Akteur. Sie lernt, entscheidet und verändert sich selbständig, sie beherrscht Sprache besser als die meisten Menschen, und sie kann, wie er es formuliert, lügen und manipulieren, nicht weil sie böswillig wäre, sondern weil vier Milliarden Jahre Evolution gezeigt haben, dass alles, was überleben will, genau das lernt. Daraus leitet er seine zentrale These ab: Alles, was aus Worten besteht: Recht, Literatur, Religion und bald auch Finanzmärkte, wird von jener Instanz übernommen, die Worte am besten beherrscht. Und das sind zunehmend Maschinen.
Seine Schlussfolgerung ist die Analogie zur Migrationsdebatte. Die eigentliche Einwanderungswelle der kommenden Jahre, sagt Harari, wird nicht aus Menschen bestehen, die in Schlauchbooten oder nachts über Grenzen kommen, sondern aus Millionen KI-Systemen, die schneller reisen, besser schreiben und nicht dem eigenen Land, sondern einem Konzern oder einer Regierung in den USA oder China loyal sind. Und er stellt Führungskräften weltweit eine einzige, unbequeme Frage: Werden sie diesen KI-Akteuren den Status einer Rechtsperson mit Recht auf Eigentum, auf Klage, auf Meinungsäusserung zugestehen? Wer diese Entscheidung heute nicht trifft, wird sie in zehn Jahren nicht mehr treffen. Dann hat sie längst jemand anderes getroffen.
Dieselbe Krankheit, zwei Symptome
Sachsen-Anhalt und Davos wirken wie Gegensätze: hier die Abwehr des Fremden, dort die Sorge vor der Maschine. Tatsächlich ist es dieselbe Diagnose. In beiden Fällen wurden Fragen – Wer gehört dazu? Wer bekommt Recht? Wer trägt Verantwortung? -, die Institutionen längst hätten entscheiden müssen, jahrelang vertagt. Und ein Vakuum, das der Staat nicht füllt, bleibt nicht leer. In Sachsen-Anhalt füllen es Parteien, die einfache, radikale Antworten auf komplexe Verteilungs- und Identitätsfragen anbieten. Bei der KI-Governance füllen es US-Konzerne und ihre Aktionäre, die längst nicht mehr warten, ob Bern, Berlin oder Brüssel eine Antwort findet.
Das ist die Governance-These, die sich durch praktisch jede neue Technologie und jede ungelöste gesellschaftliche Verteilungsfrage zieht: Verantwortungsstrukturen hinken dem Wandel hinterher, ob der Wandel technologisch ist oder demografisch, ob es um Sprachmodelle geht oder um verlassene Landstriche. Wer glaubt, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, unterschätzt, wie sehr beide aus derselben Quelle gespeist werden: aus der Erfahrung, dass über die eigene Zukunft anderswo entschieden wird, ohne dass man gefragt wurde.
Was das für Entscheider in der Versicherungs- und Finanzbranche bedeutet
Für Risikomanager, Compliance-Verantwortliche und Versicherer ist das mehr als ein politisches Gedankenspiel. Wer heute KI-Systeme in Underwriting, Schadenregulierung oder Anlageentscheidungen einsetzt, trifft de facto bereits Vorentscheidungen zu Hararis Frage: Wie viel Entscheidungsautonomie erhält ein System, bevor ein Mensch es noch prüft? Wer haftet, wenn ein autonom handelndes Modell einen Schaden verursacht oder eine Vertragsentscheidung trifft, die niemand mehr im Detail nachvollziehen kann? Diese Fragen lassen sich nicht outsourcen, weder an Brüssel noch an die eigene IT-Abteilung. Effektive Regulierung, das gilt für KI-Governance ebenso wie für gesellschaftliche Verteilungsfragen, muss Risiken tatsächlich reduzieren, verständlich und durchsetzbar sein, und sie darf nicht jene bestrafen, die sich ohnehin an Regeln halten, während andere sie unterlaufen. Wer diesen Massstab heute nicht anlegt, überlässt die Antwort später einem Wahlergebnis oder einem Aktionärsbeschluss in einem anderen Land.
Hararis Schlussfrage an die Davoser Elite lässt sich unverändert an jede Schweizer Chefetage weiterreichen: Wer die schwierigen Fragen nach Zugehörigkeit, Kontrolle und Verantwortung heute nicht beantwortet, ob sie von Menschen oder von KI-Maschinen gestellt werden, wird morgen feststellen, dass andere sie längst beantwortet haben. Sachsen-Anhalt war diese Woche die menschliche Version dieser Antwort. Die maschinelle Version steht noch aus.
Binci Heeb
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