Am ersten Health Tech Global Summit in Basel (3./4. März 2026) wurde Dr. Anthony Fauci, der berühmteste Immunologe der Welt, aus den USA zugeschaltet und erinnerte das Publikum daran, wie schnell das Unerwartete zur globalen Gesundheitskrise wird. Seine zentrale Botschaft: Pandemie-Resilienz entsteht nicht in der Krise, sondern durch langfristige Forschung, belastbare Institutionen und eine Kommunikation, die auch unbequeme Wahrheiten aushält.
Die Moderation übernahm Rute Fernandez, eine international erfahrene Life-Sciences-Managerin. Dr. Anthony Fauci blickte auf seine 54 Jahre an den US National Institutes of Health (NIH) zurück, davon 38 Jahre als Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Sein Weg sei alles andere als linear gewesen und genau daraus leite sich eine seiner wichtigsten Lektionen ab: In Medizin und im Gesundheitswesen müsse man stets das Unerwartete erwarten.
HIV/AIDS: Dunkle Jahre und die Lehre vom Zuhören
Den Wendepunkt markierte für Fauci der Sommer 1981, als die CDC (U.S. Centers for Disease Control and Prevention) über ungewöhnliche Pneumonien und Kaposi-Sarkome bei zuvor gesunden jungen Männern berichteten. Er sprach von Gänsehaut und von einer Karriereentscheidung gegen den Rat seiner Mentoren: Er gab ein erfolgreiches Forschungsprogramm zu entzündlichen Gefässerkrankungen ab, um sich vollständig der neuen, rätselhaften Krankheit zu widmen.
Diese Phase nannte er die dunklen Jahre seines Berufslebens, weil fast alle Patienten starben. Genau dort, so Fauci, habe er gelernt, was später bei Ebola und COVID-19 entscheidend wurde: Führung bedeutet Ressourcen zu mobilisieren, wissenschaftliche Programme konsequent aufzubauen und die betroffene Community nicht als Störfaktor zu betrachten, sondern als Partner. Die AIDS-Aktivisten hätten mit ihrer theatralischen und disruptiven Interessenvertretung oft recht gehabt. Die Lektion war: zuhören, bevor man erklärt.
PEPFAR: Moralische Verantwortung als politischer Hebel
Als Beispiel dafür, was politische Führung im Verbund mit Wissenschaft leisten kann, schilderte Fauci die Entstehung von PEPFAR (U.S. President’s Emergency Plan for AIDS Relief). Nachdem HIV-Therapien ab 1996 in reichen Ländern Leben retteten, blieb Subsahara-Afrika abgehängt. Präsident George W. Bush habe ihn 2002 beauftragt zu prüfen, ob ein transformierbares Programm möglich sei.
Das Ergebnis war PEPFAR und wurde am 28. Januar 2003 in der State-of-the-Union-Rede, zunächst mit 15 Milliarden Dollar für fünf Jahre, angekündigt. Heute, so Fauci, habe das Programm über 100 Milliarden Dollar in mehr als 50 Ländern mobilisiert und 25 Millionen Leben gerettet. In Basel diente diese Rückschau als Argument, dass globale Gesundheit keine Wohltätigkeit ist, sondern messbare Wirkung erzeugt, wenn Ziele, Finanzierung und Rechenschaft zusammenpassen.
COVID-19 in zwei Töpfen: Wissenschaft glänzte, Gesundheitswesen nicht immer
Für COVID-19 wählte Fauci eine klare Trennung: Im wissenschaftlichen Topf sei die Leistung spektakulär gewesen und führte von der Veröffentlichung der Virus-Sequenz bis zur Impfung in nur elf Monaten dank Public-Private-Partnership. Im Topf für das Gesundheitswesen sei die Bilanz in den USA dagegen nicht optimal gewesen. Man hätte viel besser sein müssen. Das sei kein abstrakter Befund, sondern ein Arbeitsauftrag: Die nächste Pandemie komme sicher, nur der Zeitpunkt sei offen.
Integrität im Machtzentrum: Unbequeme Wahrheiten sind Pflicht
Auf die Frage, wie man sieben Präsidenten über ideologische Grenzen hinweg berät, beschrieb Fauci seinen Orientierungspunkt als: Wissenschaft, Ehrlichkeit und Integrität, auch wenn es unbequem wird. Ein älterer Kollege habe ihm vor dem ersten Termin im Weissen Haus geraten, sich jedes Mal einzureden, es könne das letzte Mal sein, weil man vielleicht eine Wahrheit aussprechen müsse, die der Präsident nicht hören will. Genau dieser Mechanismus, nicht gefallen zu wollen, sei sehr gefährlich.
Fauci zog die Brücke zu COVID-19, als er Interventionen wie Hydroxychloroquin oder Ivermectin als unwirksam bezeichnete und dafür Gegenwind bekam. Sein Punkt in Basel: Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Popularität, sondern durch Konsistenz.
NIH und Forschungsfreiheit: Wenn Politik Wissenschaft steuert
Besonders deutlich wurde Fauci bei einem aktuellen Thema, der Veränderungen bei der NIH-Finanzierung und Führung. Er sprach von seiner Sorge über eine Entwicklung, in der wissenschaftliche Leitung geschwächt und durch politische Ideologien ersetzt werde. Sein Grundsatz lautet umgekehrt: «Science drives policy», nicht «policy drives science» (die Wissenschaft gibt die Richtung für politische Entscheidungen vor, nicht umgekehrt). Forschung, die nur noch erlaubt ist, wenn sie zu administrativen Prioritäten passt, bedrohe Kreativität und schrecke Nachwuchs ab. Die Folgen seien nicht sofort sichtbar, aber in einigen Jahren umso schmerzhafter.
Misinformation als Gesundheitsrisiko und als Demokratietest
Was ihn derzeit am meisten beschäftige, sagte Fauci, sei die Normalisierung von Unwahrheiten: Mis- und Desinformation mache es Menschen schwer, Wahrheit von Behauptung zu unterscheiden. Das zerstöre Vertrauen in Institutionen und koste im Gesundheitsbereich unmittelbar Leben. In Basel klang das wie eine Warnung an die gesamte HealthTech- und MedTech-Branche: Innovation kann nur wirken, wenn Gesellschaften wieder lernen, evidenzbasierte Entscheidungen zu akzeptieren.
Pandemie-Bereitschaft: Langfristige Forschung, globale Vernetzung, robuste Systeme
Seine Empfehlung für Regierungen und Organisationen war unmissverständlich: Vorbereitung ist permanent. Die Grundlagen für schnelle Reaktionen entstehen Jahre vorher, wie etwa die Entdeckung der Reversen Transkriptasen, ohne die HIV-Diagnostik und Therapiezielstrukturen kaum denkbar gewesen wären. Zusätzlich brauche es eine global vernetzte Frühwarn- und Reaktionsfähigkeit, weil neue Erreger nicht an Grenzen warten. Wer Pandemien nur als Problem ungesunder Bevölkerungen abtut, ignoriere die Geschichte.
Gesundheitswesen bedeutet nationale Sicherheit
Fauci verknüpfte Gesundheitspolitik mit Geopolitik: Ein «ungesundes Land ist ein instabiles Land», zitierte er sinngemäss Colin Powell – der Vier-Sterne-General der US Army war von 1987 bis 1989 Nationaler Sicherheitsberater – Instabilität öffne Räume für Extremismus und Konflikte. Damit rückte er das Gesundheitswesen in Basel explizit in die Logik von Resilienz, Stabilität und Sicherheitsarchitektur.
Schlussbotschaft: Weniger Spaltung, mehr gemeinsamer Nenner
Zum Ende wurde Fauci persönlich. Sein Appell richtete sich an die über 1’000 anwesenden Führungskräfte: Die Welt werde gesünder Mensch für Mensch, wenn man anerkennt, wie ähnlich Menschen einander sind. Polarisierung sei ein Feind eines guten Gesundheitswesens. Vertrauen, wissenschaftliche Redlichkeit und ein Mindestmass an gesellschaftlicher Einigkeit seien nicht Beiwerk, sondern sind die Infrastruktur, auf der Innovation überhaupt erst Wirkung entfalten kann.
Binci Heeb
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