Holcim trennt Nord- und Restamerika. ABB spinnt seine Robotiksparte ab. Continental zerfällt in drei Einheiten. Wolfgang Reitzle brachte es im April 2025 auf den Punkt: Nicht die Grossen fressen die Kleinen mehr, sondern die Schnellen überholen die Langsamen. In Technologie, Mobilität und Handel gilt das längst als Gesetz. Doch gilt es auch für die Versicherungsbranche? Paul the Insurer geht in dieser Episode genau dieser Frage nach.
Die Versicherungsbranche funktioniert nach anderen Regeln als der Rest der Wirtschaft. Kapitalisierung ist hier keine blosse Bilanzgrösse, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit. Wer Cyberangriffe, Naturkatastrophen oder globale Haftpflichtprogramme zeichnen will, braucht finanzielle Tiefe und zwar nachweisbar. Kein Grosskonzern, kein komplexes Risiko.
Hinzu kommt die Diversifikation. Ein multinationaler Versicherer, der über Märkte, Sparten und Geographien hinweg aufgestellt ist, absorbiert Schocks, die einen Nischenanbieter schlicht aus der Bahn werfen würden. Leben, Kranken, Schaden-Unfall, Spezialsparten: all das zusammen ergibt eine natürliche Absicherung gegen Volatilität. Und schliesslich wirkt der Markeneffekt. In einer Branche, die fundamental auf Vertrauen aufgebaut ist, öffnet ein etablierter Name Türen bei Brokern, Regulatoren und Rückversicherern gleichermassen, die für Newcomer verschlossen bleiben.
Der Gegenbeweis kommt aus dem Silicon Valley
Reitzles Warnung ist trotzdem kein Irrtum, nur weil sie aus einer anderen Branche stammt. Tech-native Insurtechs schreiben gerade neu, was Versicherung bedeutet. Neue Produkte entstehen in Wochen, nicht Jahren. Künstliche Intelligenz übernimmt die Risikozeichnung in Echtzeit. Customer Journeys laufen mobil, reibungslos, ohne Formularberge. Und immer häufiger ist Versicherung gar nicht mehr als eigenständiges Produkt erkennbar, da sie direkt in digitale Plattformen und Marktplätze eingebettet ist.
Kapitalstärke und Markengeschichte fehlen diesen Spielern. Was sie haben, ist etwas anderes: ein genaues Verständnis dafür, was Kundinnen und Kunden in einer digitalen Welt erwarten. Und sie setzen die etablierten Riesen damit unter Druck, sich anzupassen oder zurückzufallen.
Die Zukunft gehört dem Hybridmodell
Das Ergebnis ist kein klares Entweder-oder. Weder werden die Konglomerate verschwinden, noch werden die Disruptoren das Feld allein bestimmen. Die Zukunft gehört jenen, die beide Welten miteinander verbinden: die Kapitaltiefe und das Risikowissen der Grossen mit der Agilität und dem nutzerzentrierten Denken der Digitalen. Wer diese Kombination beherrscht, wird die nächste Generation der Versicherungsbranche anführen.
Binci Heeb
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