SVV: Neue Haftungsrisiken im Wandel

Die Risikolandschaft der Haftpflichtversicherung verschiebt sich grundlegend. Der aktuelle Bericht des Schweizerischer Versicherungsverband (SVV) zu «Emerging Risks» zeigt, wie technologische Innovationen, gesellschaftliche Dynamiken und ökologische Entwicklungen neue Unsicherheiten schaffen und […]


SVV identifiziert 10 zentrale Emerging Risks.

SVV identifiziert 10 zentrale Emerging Risks.

SVV identifiziert 10 zentrale Emerging Risks.

Die Risikolandschaft der Haftpflichtversicherung verschiebt sich grundlegend. Der aktuelle Bericht des Schweizerischer Versicherungsverband (SVV) zu «Emerging Risks» zeigt, wie technologische Innovationen, gesellschaftliche Dynamiken und ökologische Entwicklungen neue Unsicherheiten schaffen und warum klassische Bewertungsmodelle zunehmend an ihre Grenzen stossen.

Emerging Risks zeichnen sich durch ihre Unschärfe aus. Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenspotenzial lassen sich kaum verlässlich prognostizieren. Anders als traditionelle Risiken entwickeln sie sich oft über lange Zeiträume hinweg mit der Folge, dass ihr tatsächliches Ausmass erst spät oder sogar rückwirkend erkannt wird.

Ein historisches Beispiel verdeutlicht diese Dynamik: Asbest galt lange als sicherer Werkstoff, bevor sich Jahrzehnte später massive gesundheitliche Schäden und daraus resultierende Haftungsansprüche manifestierten. Entscheidend ist dabei weniger die Neuartigkeit eines Risikos als vielmehr das sogenannte Änderungsrisiko, also die Möglichkeit, dass sich die Risikoeinschätzung im Zeitverlauf fundamental verschiebt.

Für Haftpflichtversicherer bedeutet dies: Frühzeitige Identifikation und kontinuierliche Neubewertung sind essenziell, um langfristige Schadenentwicklungen antizipieren zu können.

Grenzen klassischer Risikomodelle

Die Besonderheit von Emerging Risks liegt auch darin, dass sie sich traditionellen Bewertungsansätzen entziehen. Häufig fehlen belastbare Daten, Kausalzusammenhänge sind nicht eindeutig nachweisbar, und die Risiken lassen sich weder geografisch noch branchenmässig klar eingrenzen.

Hinzu kommt das «All Risk»-Prinzip der Haftpflichtversicherung: Alles, was nicht explizit ausgeschlossen ist, gilt grundsätzlich als gedeckt. Dadurch können Emerging Risks bereits unbemerkt in bestehenden Portefeuilles mit potenziell erheblichen finanziellen Folgen enthalten sein.

Die Wahrnehmung dieser Risiken ist zudem heterogen. Während einige Gefahren früh erkannt werden, bleiben andere lange unter dem Radar oder werden unterschiedlich bewertet, was die Steuerung zusätzlich erschwert.

Breites Spektrum neuer Haftungsfelder

Der SVV identifiziert zehn zentrale Emerging Risks, die exemplarisch für die aktuelle Entwicklung stehen. Sie zeigen, wie breit das Spektrum neuer Haftungsfragen ist.

Im technologischen Bereich rücken insbesondere süchtig machende Software und soziale Medien in den Fokus. Regulatoren reagieren zunehmend auf manipulative Designmechanismen und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, insbesondere bei jungen Nutzern. Jüngst wurden Meta und Youtube in einem US-Prozess dazu verurteilt Millionen wegen Suchtrisiken zu bezahlen. Parallel dazu wirft die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz neue Fragen zur Haftung bei Fehlentscheidungen, Diskriminierung oder Datenschutzverletzungen auf.

Auch die Mobilität befindet sich im Umbruch. Mit dem Fortschritt autonomer Systeme verschieben sich Haftungsrisiken weg von klassischen Motorfahrzeugdeckungen hin zu Produkt- und Betriebshaftpflicht. Gesetzgeber versuchen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, doch technische und ethische Fragen bleiben offen.

Ökologische Risiken gewinnen ebenfalls an Gewicht. Klimawandel und Extremwetterereignisse führen zu neuen Haftungsszenarien, während Themen wie Mikroplastik oder langlebige Chemikalien wie PFAS zunehmend regulatorisch adressiert werden. Besonders herausfordernd sind latente Produktrisiken, deren Auswirkungen sich oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten zeigen und die Schadenregulierung erheblich erschweren.

Gleichzeitig verändert die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft die Anforderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Fragen der Produktsicherheit, des Recyclings und potenziellen Greenwashings rücken stärker in den Fokus von Haftungsansprüchen.

Gesellschaftlicher Druck und neue Klagerisiken

Neben technologischen und ökologischen Entwicklungen prägen auch gesellschaftliche Trends die Haftpflichtlandschaft. Die sogenannte Social Inflation, also steigende Schadenersatzforderungen und eine zunehmende Klagebereitschaft, führt insbesondere in den USA, aber zunehmend auch in Europa, zu höheren finanziellen Belastungen für Versicherer.

Parallel dazu verschärfen sich die Anforderungen im Bereich ESG. Unternehmen und ihre Führungsgremien sehen sich wachsenden Haftungsrisiken gegenüber, etwa durch strengere Sorgfaltspflichten, erhöhte Transparenzanforderungen und eine stärkere gesellschaftliche Erwartung an nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln.

Frühwarnsystem für eine unsichere Zukunft

Mit seiner regelmässigen Analyse versteht sich der SVV als Frühwarnsystem für die Branche. Ziel ist es, relevante Trends frühzeitig sichtbar zu machen und Orientierung in einem zunehmend komplexen Umfeld zu bieten.

Für Versicherer wie auch für Unternehmen wird damit klar: Die Auseinandersetzung mit Emerging Risks ist keine optionale Zukunftsaufgabe, sondern eine zentrale Voraussetzung für belastbare Risikostrategien in einer Welt, in der sich Haftungsdimensionen schneller verändern als je zuvor.

Download zur Emerging Risks Broschüre 2026


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