Wenn Prof. Dr. Kathrin Kind über Künstliche Intelligenz und Quantencomputing spricht, klingt das selten nach Hype. Die Technologin, die seit über zwanzig Jahren an der Schnittstelle von Quantencomputing, KI und industrieller Skalierung arbeitet, holt lieber weit aus, bis zurück zu Mosaic, dem ersten grafikfähigen Webbrowser der Neunzigerjahre. Im Gespräch mit Jakob Barandun im Capricorn-Podcast zeichnet sie ein Bild der Gegenwart, das weniger von Disruption als von Verantwortung geprägt ist: Wer verstehen will, wohin uns Künstliche Intelligenz führt, muss zuerst verstehen, was sie eigentlich ist und was sie niemals sein wird.
Kathrin Kind, Gründerin von QuibitNexus, erinnert daran, dass Künstliche Intelligenz keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre ist. Ihre mathematischen Grundlagen reichen bis in die 1950er-Jahre zurück. Was sich verändert hat, ist die Rechenleistung und die Fähigkeit, abstrakte Mathematik in Bilder, Videos und intuitive Oberflächen zu übersetzen. Erst als OpenAI diese Fähigkeit für ein breites Publikum zugänglich machte, entfaltete sich jene kollektive Vorstellungskraft, die seither ganze Branchen umkrempelt. Für Kind ist das ein vertrautes Muster: Dieselbe Dynamik habe sie bereits bei der Kommerzialisierung des Internets erlebt, als Netscape von Microsoft mit Internet Explorer verdrängt wurde, weil man aufgehört hatte, dem Markt zuzuhören.
Datenpflege statt Datenerzeugung: Der Beruf der Zukunft
Ein zentraler Gedanke des Gesprächs betrifft die Arbeitswelt. Kind widerspricht der These, dass klassische Rollen wie Softwareentwicklung oder Data Engineering schlicht verschwinden. Vielmehr verschieben sie sich. Besonders bemerkenswert ist ihr Hinweis auf die sogenannte Datenbereinigung: Da Trainingsdaten zunehmend als geistiges Eigentum oder aus regulatorischen Gründen wieder aus KI-Modellen entfernt werden müssen, entsteht ein neuer Berufsstand und der gezielte Rückbau von Daten aus bestehenden Systemen.
Bemerkenswert ist dabei ihr Hinweis auf die Grössenordnung: Der eigentliche Algorithmus hinter ChatGPT sei erstaunlich kompakt. Die Leistungsfähigkeit entstehe fast ausschliesslich durch die enormen Mengen an Trainingsdaten. Dieser Umstand zeigt, wie sehr KI-Systeme weiterhin auf menschlich erzeugte, organische Daten angewiesen bleiben. Ohne kontinuierlichen Nachschub drohe das sogenannte Modellkollaps-Phänomen.
Warum Philosophie wichtiger wird, nicht unwichtiger
Kind rät jungen Menschen ausdrücklich, neben Mathematik und Materialwissenschaften auch Philosophie zu studieren. Ihr Argument: Es gibt mehrere Formen von Intelligenz: kognitive, motorische, emotionale und metakognitive. Während Maschinen kognitive und zunehmend auch physische Intelligenz beherrschen, bleibt echte emotionale Intelligenz aus ihrer Sicht bislang reine Mustererkennung, keine echte Empfindung, die auf biochemischen Prozessen und evolutionärer Prägung beruht.
Während Maschinen kognitive und zunehmend auch physische Intelligenz beherrschen, hapert es an der (echten) emotionalen Intelligenz. Maschinen arbeiten bislang aus ihrer Sicht mit reiner Mustererkennung: keine echte Empfindung, die auch biochemischen Prozessen und evolutionären Prägung beruht.
Die eigentliche Grenze sieht sie bei der Metakognition, also jener schöpferischen Fähigkeit, aus dem Nichts etwas völlig Neues zu erschaffen, wie es Künstlern wie Van Gogh oder Komponisten wie Bach gelang. Diese Fähigkeit, so Kind, lasse sich einer Maschine nicht antrainieren, weil selbst die Wissenschaft menschliches Unterbewusstsein bislang nicht vollständig versteht. Genau deshalb brauche es Philosophinnen, Psychologen und Geisteswissenschaftlerinnen, die ethische Leitplanken nicht nachträglich als Regulierung aufsetzen, sondern von Anfang an in die Technologie einbauen.
Der Preis der Bequemlichkeit: Warum Handschrift den Kopf trainiert
Besonders eindringlich wird Kind, wenn sie über die kognitiven Folgen ständiger KI-Nutzung spricht. Zwei Forscher in den USA hätten gezeigt, dass Lesen und Schreiben von Hand nach wie vor die wirksamste Methode sei, um neue neuronale Verbindungen zu bilden und Alzheimer vorzubeugen. Wird diese Fähigkeit nicht mehr trainiert, drohe eine Art geistige Atrophie.
Kind beschreibt das an ihrem eigenen Beispiel: Nach Jahren automatischer Grammatikkorrektur ertappt sie sich dabei, einfache Zeichensetzungsregeln zu verwechseln. Noch eindrücklicher ist ihre Erfahrung aus der Automobilentwicklung: Als Mitentwicklerin früher Assistenzsysteme wie ACC Stop-and-Go erlebte sie selbst, wie schnell man sich auf automatisierte Systeme verlässt, bis ein Beinahe-Unfall sie daran erinnerte, dass Automatisierung Aufmerksamkeit nicht ersetzt, sondern neu verteilt. Seither parkt sie, eigenen Angaben zufolge, bewusst manuell.
Diese Erkenntnis lebt sie auch privat: In ihrer Familie gibt es einen bewusst offline gehaltenen Tag am Wochenende, an dem Mobiltelefone weggelegt werden, gemeinsam gekocht, gelesen und gespielt wird. Der Auslöser war ein Urlaubsfoto, auf dem die ganze Familie auf ihre Bildschirme starrte, statt den Moment zu teilen.
Quantencomputing: Eine neue Rechenlogik mit engem Anwendungsfenster
Im zweiten Teil des Gesprächs führt Kind durch die Grundlagen des Quantencomputings. In diesem Feld forscht und entwickelt sie selbst, mit Fokus auf raumtemperaturbasierte, photonische Architekturen als nachhaltigere Alternative zu kryogenen Systemen nahe dem absoluten Nullpunkt. Während klassische Computer auf binären Zuständen beruhen, nutzen Quantencomputer die Prinzipien der Superposition und Verschränkung, um mehrere Zustände gleichzeitig zu verarbeiten. Das mache sie extrem leistungsfähig für eng abgegrenzte Anwendungsfälle wie Cybersicherheit, chemische Simulationen oder die Verarbeitung hochkomplexer Datenmengen, jedoch nicht für Alltagsanwendungen.
Die Fehleranfälligkeit bleibt laut Kind eine reale Hürde: Je nach Architektur und Algorithmus könnten Fehlerraten von bis zu 40 Prozent auftreten, bei photonischen Systemen mit Raumtemperatur immerhin günstigere, aber noch immer relevante Fehlerquoten. Deshalb würden Quantencomputer aktuell meist hybrid betrieben und in Kombination mit klassischer Hochleistungsrechenleistung, die als Kontrollinstanz dient.
Ein besonders greifbares Zukunftsszenario sieht sie in der personalisierten Medizin: Die Simulation von DNA-Sequenzen und Wirkstoffkombinationen, für die klassische Systeme rechnerisch Jahrzehnte bräuchten, liesse sich mit Quantencomputern auf Stunden verkürzen.
Die Uhr tickt: Post-Quanten-Kryptografie als Pflichtaufgabe
Mit Nachdruck warnt Kind vor einem Zeitfenster, das gerade für die Finanzindustrie kritisch wird. Einige US-Unternehmen rechnen bereits für das Jahr 2029 mit einem technologischen Durchbruch, der heutige Verschlüsselungsstandards obsolet machen könnte. Unternehmen jeder Grösse seien deshalb gut beraten, bereits jetzt eine Post-Quanten-Kryptografie-Strategie zu entwickeln, da die Frist bis 2030 kürzer sei, als viele glauben.
Wandel beginnt in der Chefetage, nicht in der IT-Abteilung
Aus ihrer langjährigen Erfahrung mit grossen, traditionell strukturierten Industrieunternehmen leitet Kind vier Voraussetzungen für erfolgreichen Wandel ab. Entscheidend sei zuerst, dass das Management selbst KI-kompetent wird, ganz unabhängig von Alter oder Hierarchieebene, denn technologisches Verständnis sei längst zur neuen Grundfertigkeit geworden, vergleichbar mit den PC-Kenntnissen der Neunzigerjahre. Zweitens brauche es systematische Trainings- und Change-Management-Strukturen. Drittens müsse Weiterbildung direkt an konkrete Rollenveränderungen und Geschäftsfälle gekoppelt werden, damit Mitarbeitende den Wandel nicht als abstrakte Bedrohung, sondern als greifbaren nächsten Schritt erleben. Ausdrücklich warnt sie vor Altersdiskriminierung in diesem Prozess: Gerade die Kombination unterschiedlicher Generationen in einem Team erzeuge nachweislich mehr Innovationskraft als homogene, junge Teams allein.
Führung wird situativ oder sie verschwindet
Auch das Verständnis von Führung müsse sich wandeln, so Kind. Statische, rein hierarchische Autorität funktioniere nicht mehr. Gefragt sei situative Führung: die Fähigkeit, je nach Lage zwischen coachender, dienender und – in echten Krisensituationen – klar autoritativer Führung zu wechseln. Wer als Führungskraft aufhöre zuzuhören und sich für unangreifbar halte, werde von jüngeren, schnelleren, besser vermarkteten Wettbewerbern verdrängt. Die Beispiele Netscape, Nokia und Blockbuster dienen ihr dabei als Mahnung: Nicht fehlende Technologie oder fehlendes Kapital hätten diese Unternehmen zu Fall gebracht, sondern der Verlust der Demut, dem Markt zuzuhören.
Dankbarkeit als Kompass
Auf die Frage nach ihrem persönlichen Lebensmotto antwortet Kind ohne Zögern: jeden Morgen in Dankbarkeit für das aufzuwachen, was bereits da ist. Ein bewusst unspektakulärer Schlusspunkt für ein Gespräch, das sich sonst zwischen Quantenmechanik, Neurobiologie und Konzernstrategie bewegt und gerade dadurch daran erinnert, worum es am Ende wirklich geht: nicht um die Frage, was Maschinen können, sondern darum, was Menschen bewusst bleiben wollen.
Binci Heeb
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