Die Weltwirtschaft wirkt komplexer denn je, doch ihr Fundament ist überraschend simpel: Energie. Wenn Energie knapp, teuer oder politisch unsicher wird, gerät das gesamte System unter Druck. Steigende Preise bei gleichzeitig schwachem Wachstum lassen ein Wort wieder auftauchen, das viele Ökonomen längst in den Geschichtsbüchern wähnten: Stagflation.
Komplexe Systeme versagen selten plötzlich. Wie ich in meiner Kolumne letzte Woche dargelegt habe, baut sich der Druck meist still und leise unter der Oberfläche auf, für die meisten Beobachter unsichtbar. Wenn es schliesslich zur Explosion kommt, verursacht diese selten das Problem, sondern deckt es lediglich auf.
In den vergangenen Monaten sind mehrere Themen in die wirtschaftlichen Diskussionen zurückgekehrt: eine Inflation, die sich hartnäckig hält, geopolitische Spannungen, die die Energiemärkte beeinflussen, und eine zunehmende Debatte darüber, ob die Weltwirtschaft erneut mit etwas konfrontiert sein könnte, das viele Ökonomen für längst überwunden hielten.
Stagflation.
Als ich diesem Wort zum ersten Mal begegnete, war ich etwa fünfzehn. Bis dahin hatte Wirtschaft in meiner Welt kaum eine Rolle gespielt. In der Schule wurde das Fach kaum unterrichtet. In vielerlei Hinsicht hat sich daran nichts geändert. Selbst heute können überraschend wenige Menschen klar erklären, was eine Wirtschaft eigentlich ist.
Meine Neugier war ein Jahr zuvor geweckt worden. Im Oktober 1987 brachen die globalen Märkte ein, mit einem Ereignis, das als Schwarzer Montag bekannt wurde. Ich war vierzehn.
In diesem Alter konnte ich nicht ganz verstehen, was geschehen war, aber der Schock blieb mir im Gedächtnis. Etwas an diesem Ereignis deutete darauf hin, dass die Märkte nicht die geordneten Systeme waren, als die sie erschienen. Im folgenden Jahr gewann die Neugierde die Oberhand. Mit fünfzehn begann ich, mich ernsthaft mit Wirtschaft zu beschäftigen.
Was mich sofort faszinierte, war, dass die Wirtschaftswissenschaften alles vereinten, was mir intellektuell Spass machte: Geschichte, Mathematik, Wahrscheinlichkeit und sogar ein wenig Physik, alles angewendet auf etwas zutiefst Menschliches.
Doch je mehr ich las, desto öfter kehrte eine Frage zurück.
Was ist eine Wirtschaft?
Ökonomen beginnen meist mit Abstraktionen: BIP, Konsum, Produktivität, Zinssätze.
Doch das sind Ergebnisse. Sie beschreiben, was innerhalb des Systems geschieht, nicht was das System ist.
Wenn wir das Konzept auf seine physikalischen Grundlagen zurückführen, wird die Antwort überraschend einfach.
Eine Wirtschaft ist ein System, das Energie in nützliche Dinge umwandelt.
Energie wird zu Bewegung, Bewegung wird zu Arbeit und Arbeit wird zu Produktion.
Stahl ist umgewandelte Energie. Lebensmittel sind umgewandelte Energie. Verkehrsnetze, Fabriken und digitale Infrastruktur existieren alle, weil Energie organisiert und mobilisiert wurde.
Ohne Energie geschieht nichts: keine Produktion, kein Transport, keine Industrie, keine Wirtschaft.
Diese Denkweise mag in modernen makroökonomischen Debatten ungewöhnlich klingen, doch mehrere Denker beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten damit.
Der Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen argumentierte bereits in den 1970er Jahren, dass wirtschaftliche Prozesse letztlich den Gesetzen der Thermodynamik gehorchen. Der Energieforscher Vaclav Smil hat dokumentiert, wie jede Phase der industriellen Zivilisation durch Veränderungen in den Energiesystemen geprägt wurde. Und Forscher wie Robert U. Ayres haben gezeigt, dass Verbesserungen der Energieeffizienz historisch gesehen zu den stärksten Triebkräften des Produktivitätswachstums gehörten.
Mit anderen Worten: Industrielle Revolutionen waren nicht nur technologische Revolutionen.
Sie waren Energierevolutionen.
Eine einfache Realität
Lässt man den Finanzjargon und die komplexen Modelle beiseite, ruht die Weltwirtschaft immer noch auf etwas bemerkenswert Einfachem.
Energie.

Die Grafik veranschaulicht eine auffällige historische Tatsache: Über lange Zeiträume verlaufen die weltweite Wirtschaftsleistung und der weltweite Energieverbrauch fast parallel. Die industrielle Zivilisation ist in vielerlei Hinsicht schlichtweg ein Energiesystem.
Menschliche Gesellschaften bilden keine Ausnahme von dieser Regel. Die Natur funktioniert auf dieselbe Weise. Pflanzen wandeln Sonnenlicht in chemische Energie um. Tiere nehmen Kalorien auf und wandeln sie in Bewegung, Wärme und Arbeit um. Menschen tun dasselbe: Nahrung wird zu Energie, Energie wird zu Anstrengung und Anstrengung bringt Ergebnisse hervor.
Während des grössten Teils der Geschichte hing die wirtschaftliche Aktivität daher weitgehend von menschlicher und tierischer Muskelkraft ab, gelegentlich ergänzt durch Wind oder Wasser. Die Entdeckung und Nutzung fossiler Brennstoffe hat diese Gleichung völlig verändert. Kohle, Öl und Erdgas ermöglichten es Maschinen, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen, indem sie riesige Mengen an gespeicherter Energie nutzten, die sich über Millionen von Jahren angesammelt hatte.
Das Ausmass dieser Transformation lässt sich leicht unterschätzen. Ein Barrel Öl enthält in etwa das Äquivalent eines ganzen Jahres menschlicher Arbeit. Der moderne Verkehr, die Industrie und die Logistik arbeiten daher mit Millionen von «Energiearbeitern», die in Motoren und Maschinen eingebettet sind und die Arbeit für uns verrichten.
Die gleiche Logik gilt für Elektrizität. Ein einziger mittelgrosser Kernreaktor mit einer Leistung von etwa 1 Gigawatt erzeugt rund 8 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr: genug, um mehrere Millionen Haushalte oder grosse Industrieregionen mit Strom zu versorgen.
Die industrielle Zivilisation ist in diesem Sinne nicht nur ein technologisches System. Sie ist ein System, das menschliche Anstrengung durch Energie vervielfacht.
Finanzen: Energie über die Zeit hinweg organisieren
Sobald Energie in Produktion umgewandelt wurde, benötigen Gesellschaften Mechanismen, die in der Lage sind, die Ergebnisse dieser Arbeit über die Zeit hinweg zu organisieren.
Hier kommen die Finanzen ins Spiel.
Banken leiten die durch vergangene Produktion erwirtschafteten Ersparnisse in die zukünftige Produktion um.
Versicherer schützen die angesammelten Ergebnisse wirtschaftlicher Aktivität vor unerwarteten Schocks.
In diesem Sinne sind Banken und Versicherer Werkzeuge, die die Ergebnisse von Energieverbrauch und menschlicher Arbeit in Kapital umwandeln, das über die Zeit hinweg zirkulieren kann.
Das Finanzwesen steht über der Realwirtschaft.
Und wenn das physische Fundament schwächer wird, breitet sich die Instabilität schliesslich nach oben in das Finanzsystem aus.
Das Paradoxon, das einen Teenager faszinierte
Das Wort, das mich faszinierte, Stagflation, verbindet zwei Ideen: Stagnation und Inflation.
Eine Wirtschaft, die aufhört zu wachsen, während die Preise weiter steigen. Jahrzehntelang glaubten Ökonomen, dass diese Kombination nicht existieren dürfte. Inflation sollte auftreten, wenn sich Volkswirtschaften überhitzten, nicht wenn sie sich verlangsamten.
Doch die 1970er Jahre bewiesen das Gegenteil. Auf den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Währungssystems nach dem Nixon-Schock folgte kurz darauf die Ölkrise von 1973. Die Energiepreise stiegen sprunghaft an, das Wachstum verlangsamte sich und die Inflation beschleunigte sich.
Aus der Perspektive der Energie betrachtet, lässt sich das Paradoxon leichter verstehen. Wenn der Treibstoff des Wirtschaftssystems knapp oder teuer wird, verlangsamt sich die Produktion, während die Kosten für alles, was produziert wird, steigen.
Die brutale Kur: Volckers Schock
Die stagflationäre Spirale der 1970er Jahre zwang die politischen Entscheidungsträger schliesslich, sich der Realität zu stellen. Die Kur kam Anfang der 1980er Jahre unter der Führung von Paul Volcker.
Volckers Antwort war einfach und brutal: die Zinsen so lange anzuheben, bis die Inflation zusammenbrach.
Zu einem Zeitpunkt lag der Leitzins bei über 20 Prozent. Das Mittel wirkte, hätte den Patienten aber beinahe umgebracht. Es folgten zwei tiefe Rezessionen, bevor die Inflation schließssich gebrochen wurde.
Volcker vs. heute

Im historischen Vergleich wirkt der Straffungszyklus, der auf die COVID-Jahre folgte, im Vergleich zu der von Volcker angewandten Schocktherapie fast schon homöopathisch. Das wirft eine schwierige Frage auf. Wenn es zu einer echten stagflationären Phase käme, würde die hoch verschuldete Weltwirtschaft von heute dieselbe Medizin überstehen?
Ölschocks und Wirtschaftskrisen

Real betrachtet war der Ölpreisanstieg von 2008 stärker als die Schocks der 1970er Jahre: eine Tatsache, die bei Diskussionen über die Finanzkrise oft vergessen wird.

Energieschocks lösen selten die Explosion aus, sie zünden lediglich die Zündschnur.
Eine bemerkenswerte Ausnahme: der Dotcom-Crash
Nicht jede Krise folgt dem gleichen Muster. Der Zusammenbruch der Technologieblase im Jahr 2000 war in erster Linie ein finanzielles Phänomen. Die Ölpreise blieben damals relativ moderat.
Finanzblasen können von selbst platzen. Wenn jedoch das Energiesystem selbst instabil wird, reichen die Folgen oft weit über die Finanzmärkte hinaus.
Die Welt läuft immer noch mit Öl

Öl bleibt die grösste einzelne Energiequelle der Welt.
Wer produziert das meiste Öl?

Die Vereinigten Staaten sind heute der grösste Ölproduzent der Welt. Interessanterweise waren die Vereinigten Staaten auch während der Ölkrise von 1973 der größte Produzent. Die Geschichte scheint wie ein Pendel zu schwingen.
Das deutsche Energieexperiment
Die Energiepolitik ist daher von enormer Bedeutung. Seit Jahrzehnten ist Deutschland der industrielle Motor Europas. Die deutsche Fertigungsindustrie, der Maschinenbau und der Export sind seit langem eine der Säulen der europäischen Wirtschaft. Wenn Deutschland Gas gibt, zieht Europa meist mit.
Doch im letzten Jahrzehnt traf Deutschland eine bemerkenswerte Entscheidung. Nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima beschloss Berlin, seine Kernkraftwerke schrittweise stillzulegen. Sie waren die Quelle für stabilen, kostengünstigen Strom, die die deutsche Industrie jahrzehntelang gestützt hatte.
Der Kontrast zu anderen grossen Volkswirtschaften ist auffällig.

Während China seine Kernkraftkapazitäten ausbaute und Frankreich sein Kernkraft-Rückgrat beibehielt, baute Deutschland sein eigenes ab. Eine Zeit lang blieben die Folgen verborgen. Billiges russisches Gas ersetzte die verlorenen Kernkraftkapazitäten und hielt die Energiepreise für die deutsche Industrie wettbewerbsfähig. Doch dieses Modell beruhte auf einer entscheidenden Annahme: dass russisches Gas billig und verfügbar bleiben würde. Als die russische Invasion in der Ukraine diese Annahme zunichte machte, war das System plötzlich ungeschützt. Sanktionen unterbrachen die Energieflüsse. Die Gaspreise schossen in die Höhe. Die Stromkosten stiegen stark an.
Das Land, das freiwillig eine wichtige Quelle billiger heimischer Energie stillgelegt hatte, sah sich plötzlich gefährlich anfällig für externe Schocks.
Industrielle Folgen für Deutschland
Die Folgen sind nun in der gesamten deutschen Industriebasis sichtbar. Energieintensive Branchen wie die Chemie, die Stahlindustrie und die Schwerindustrie geraten zunehmend unter Druck.
Der Chemiekonzern BASF, einer der grössten industriellen Energieverbraucher Europas, hat bereits erhebliche Umstrukturierungen und Kapazitätskürzungen in Deutschland angekündigt.
Auch die Automobilbranche, seit langem das Rückgrat der deutschen Industriekraft, durchläuft einen der schwierigsten Wandel der letzten Jahrzehnte, da Unternehmen wie Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz mit steigenden Kosten und einem sich verschärfenden globalen Wettbewerb konfrontiert sind. Für eine auf der Fertigung basierende Wirtschaft sind Energiekosten keine zweitrangige Variable.
Sie sind ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Auf Deutschland entfällt etwa ein Viertel der Industrieproduktion der Europäischen Union. Wenn der deutsche Motor schwächelt, wirken sich die Folgen auf den gesamten Kontinent aus.
Das geldpolitische Experiment seit 2008

Dutzende Billionen Dollar an Liquidität wurden in das globale Finanzsystem gepumpt. Das wirft eine naheliegende Frage auf. Wenn Öl zu 147 $ pro Barrel das System 2008 destabilisierte… wie würde der entsprechende Schock heute aussehen?
Die Zündschnüre der Gegenwart
Mehrere potenzielle Zündschnüre sind erkennbar. Geopolitische Spannungen bedrohen kritische Energiewege wie die Strasse von Hormus. Rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs fliessen durch diesen engen Korridor. Nichts davon garantiert eine Stagflation.
Volkswirtschaften überraschen uns oft. Doch die Geschichte lehrt uns: Wenn sich unter komplexen Systemen genügend Druck aufbaut, kann der kleinste Funke enorme Energie freisetzen.
Hinter der Komplexität
Die Finanzmärkte erscheinen heute ausserordentlich ausgefeilt: Derivate, Hebelwirkung, algorithmischer Handel. Doch hinter all dieser Komplexität verbirgt sich eine bemerkenswert einfache Kette:
Energie → Arbeit → Produktion → Kapital
Bricht man die Stabilität des ersten Glieds, breitet sich die Fragilität im restlichen System aus. In komplexen Systemen ist die Explosion selten die Überraschung. Sie offenbart lediglich den Druck, der sich die ganze Zeit über aufgebaut hatte.
Eine Frage an die Leser
Wenn wirtschaftliche Macht letztlich auf der Fähigkeit beruht, Energie in industrielle Produktion umzuwandeln, welche Länder bauen diese Fähigkeit dann aus, und welche schwächen sie?
Die Antwort könnte viel über das sich verschiebende Gleichgewicht der Weltwirtschaft erklären. Wir werden auf diese Frage zurückkommen.
Denn in komplexen Systemen entstehen Explosionen selten aus dem Nichts.
Sie offenbaren den Druck, der sich die ganze Zeit über aufgebaut hatte.
Eric Lefebvre
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