Versicherungsbroker-Forum 2026: Der Weg ist steinig

Das sechste Versicherungsbroker-Forum der Finanz und Wirtschaft in Rüschlikon zog eine nüchterne Bilanz: Die Schweiz steht gut da, entwickelt sich aber schlecht. Die VAG-Teilrevision belastet, Cyberrisiken nehmen zu, und der […]


Versicherungsbroker-Forum 2026: Die Schweiz steht gut da, entwickelt sich aber schlecht. Bild: Alexander Keberle economiesuisse.

Versicherungsbroker-Forum 2026: Die Schweiz steht gut da, entwickelt sich aber schlecht. Bild: Alexander Keberle economiesuisse.

Versicherungsbroker-Forum 2026: Die Schweiz steht gut da, entwickelt sich aber schlecht. Bild: Alexander Keberle economiesuisse.

Das sechste Versicherungsbroker-Forum der Finanz und Wirtschaft in Rüschlikon zog eine nüchterne Bilanz: Die Schweiz steht gut da, entwickelt sich aber schlecht. Die VAG-Teilrevision belastet, Cyberrisiken nehmen zu, und der Nachwuchs stellt altbekannte Gewissheiten infrage.

Das Versicherungsbroker-Forum ist seit seiner ersten Ausgabe 2021 zu einem festen Treffpunkt der Schweizer Broker-Branche geworden. Dieses Jahr lautete das Motto «Gestärkt in die Zukunft». Der Titel erwies sich im Laufe des Tages als Anspruch und Herausforderung zugleich. Über 200 Teilnehmende diskutierten in Rüschlikon über Wirtschaftslage, Regulierung, Digitalisierung, Cyberangriffe und die grossen Ereignisse der jüngsten Vergangenheit.

Die Schweiz lebt vom Speckgürtel der Vergangenheit

Den Auftakt machte Alexander Keberle, Leiter Staat und Politik bei economiesuisse. Seine Botschaft war unmissverständlich: Die Schweiz befindet sich zwar nach wie vor in der absoluten Spitzengruppe der OECD: bei Reallöhnen, Wirtschaftsleistung und Produktivität belegt sie Plätze zwischen drei und fünf. Doch bei der Entwicklung der letzten zehn Jahre liegt sie im hinteren Feld. Die Wirtschaftsleistung wächst fast am langsamsten unter den entwickelten Ländern.

Keberle sprach von einem «Speckgürtel», den die Schweiz aus vergangenen Jahrzehnten zehrt, ohne zu merken, wie der Vorsprung schrumpft. Besonders alarmierend: Die Staatsausgaben wachsen deutlich schneller als die Wirtschaft. Seit Einführung der Schuldenbremse sind die Pro-Kopf-Ausgaben des Bundes bei einem Wirtschaftswachstum, das im gleichen Zeitraum deutlich schwächer war, kaufkraftbereinigt um 30 bis 40 Prozent gestiegen.

Als grösste Sorge der Unternehmen nannte Keberle die Bürokratie, die laut Umfragen sowohl bei Grosskonzernen als auch bei KMU an erster Stelle steht. Die Folgekosten der Regulierung bezifferte er auf rund 80 Milliarden Franken pro Jahr mit fast so viel, wie der gesamte Bundeshaushalt. 95 Prozent des regulatorischen Wachstums stamme nicht aus dem Parlament, sondern aus Verordnungen der Verwaltung.

Zur Energieversorgung mahnte er ebenfalls: Die Industriestrompreise der Schweiz gehören zu den höchsten in Europa, zwei- bis dreimal so hoch wie in den USA oder China. Ohne neue Kernkraftwerke werde man die Winterstromversorgung bis 2050 nicht sicherstellen können. Die implizite Staatsschuld, also versprochene, aber nicht finanzierte Leistungen wie die 13. AHV, bezifferte Keberle auf 350 Prozent des BIPs. Die nominellen Staatsschulden dagegen betragen lediglich 18 Prozent.

Auf Nachfragen aus dem Publikum sprach er auch über die Volksinitiativen und Zölle: Die US-Zölle seien parteiübergreifend verankert und würden auch nach Trump nicht verschwinden. Die Schweiz müsse konsequent auf Diversifikation setzen und endlich Freihandelsabkommen wie jenes mit Mercosur über die Ziellinie bringen.

V.l.n.r.: Jonathan Progin (Finanz und Wirtschaft), Jürg Zellweger (VBV/AFA), Markus Lehmann (SIBA, Markus) Geissbühler (FINMA).
VAG-Teilrevision: Viel Aufwand, viele Fragezeichen

Die erste Podiumsdiskussion war der VAG-Teilrevision, zweieinhalb Jahre nach deren Inkrafttreten, gewidmet. Die Umfrage im Saal ergab ein klares Bild: 83 bis 84 Prozent der Anwesenden berichteten von «deutlich mehr» administrativem Aufwand.

Markus Geissbühler von der FINMA räumte ein, dass der Aufbau der Aufsicht enorm aufwändig war. Er legte eine ernüchternde Zahl vor: Rund 10 Prozent der ungebundenen Vermittler, das sind über tausend von rund elfeinhalbtausend registrierten Marktteilnehmern, seien völlig losgelöst von der Regulierung tätig: nicht bewilligt, nicht registriert und nicht qualifiziert. Zudem hat die FINMA über 3000 Beschwerden erhalten und 300 Untersuchungen eröffnet. Der Fokus liege auf Lebens- und Krankenversicherungen, wo das Missbrauchspotenzial am grössten sei.

Markus Lehmann, Präsident des Brokerverbands SIBA, liess an der Umsetzung kein gutes Haar: Die Idee hinter der VAG-Revision sei gut gewesen, die Ausführung aber «gelinde gesagt mangelhaft». Von Beanstandungen seriöser Broker sei ihm nichts bekannt, das eigentliche Problem liege bei den Krankenkassenmaklern.

Jürg Zellweger vom Berufsbildungsverband VBV erklärte das neue Prüfungssystem: Von rund 12 000 aufgebotenen Personen, die noch nie eine Zertifizierungsprüfung abgelegt hatten, haben bislang 3000 die Prüfung absolviert. Die Bestehensquote betrage 80 Prozent. Das Format ist ein 30-minütiger Online-Check. Kritik gab es an der Gewichtung: zu viele Krankenkassenfragen für Broker, die ausschliesslich im Nicht-Leben-Bereich tätig sind. Hier soll bis Herbst nachgebessert werden.

Ein besonderer Aufreger im Saal war die bevorzugte Behandlung britischer Broker. Dank des bilateralen Staatsvertrags zwischen Bern und London müssen UK-Broker in der Schweiz keine Niederlassungspflicht erfüllen und sind von den hiesigen Aus- und Weiterbildungsanforderungen befreit. Lehmann bezeichnete dies als «Inländerbenachteiligung» und berichtete, man sei in Bern «brandschwarz angelogen worden». Eine englischsprachige Prüfungsvariante speziell für britische Industriebroker wird derzeit erarbeitet.

Digitalisierung: Nicht das Tool entscheidet, sondern die Begleitung

Im Spotlight-Format präsentierten drei Referenten digitale Lösungen für die Broker-Praxis. Thomas Bürki von WMC IT Solutions AG zeigte, wie ein modernes Kundenportal über die reine Dokumentenverwaltung hinausgehen muss: mit fallspezifischer Kommunikation direkt im Portal, nahtloser Integration ins IT-Ökosystem des Kunden und API-Offenheit als Grundvoraussetzung. Heute verlasse die Kommunikation nach einer Kundenanfrage über das Portal meist sofort wieder den Kanal per Telefon oder E-Mail. Das führe zu Informationschaos und mangelnder Nachvollziehbarkeit.

Philipp Klossner von Sobrado präsentierte die Ergebnisse aus 15 Jahren Digitalisierungserfahrung. Sobrado extrahiert heute 97 Prozent aller AKD-Dokumente komplett fehlerfrei mithilfe von KI, Daten, die direkt in Ausschreibungsprozesse einfliessen und Jahresberichte automatisieren. Sein zentrales Fazit: Nicht das Tool entscheidet über den Erfolg der Digitalisierung, sondern das Change Management, das aber in den meisten Unternehmen nicht strukturiert stattfinde. Laut einer eigenen Broker-Umfrage haben 54 Prozent der Nutzer eine Zeitersparnis von über 50 Prozent erzielt.

Die ZKB mit Antti Peltonen stellte in Zusammenarbeit mit Profund und M&S Software Engineering einen digitalen Vorsorgebegleiter vor, der als erstes Schweizer Angebot Pensionskassendaten direkt mit dem E-Banking verbindet. Ab dem dritten Quartal 2026 sollen alle ZKB-Kunden damit ihre Vorsorgesituation simulieren und verstehen können inklusive automatischer Datensynchronisierung. Die erste Säule folgt voraussichtlich 2028.

Cyberangriffe: Zwei Fälle, ein MillionenunterschiedO

Chubb präsentierte zwei anonymisierte Schadensfälle aus der Praxis und der Unterschied war drastisch. Im ersten Fall, einem Schweizer Produktionsunternehmen, reagierte das interne Incident-Response-Team vorbildlich: Innerhalb von 48 Stunden waren das Netzwerk isoliert, die IT-Forensiker vor Ort und die Versicherung informiert. Der Gesamtschaden betrug rund 250 000 Franken.

Im zweiten Fall, einem Schweizer Onlinehändler mit Holdingstruktur, lief so ziemlich alles schief. Der interne IT-Dienstleister war überfordert, die im Versicherungsformular angegebene Netzwerksegmentierung existierte in der Realität nicht, und vier Tage lang blieben Malware-Alerts unbeachtet. Über 600 Gigabyte Daten wurden exfiltriert, bevor die Ransomware zuschlug. Der Schaden belief sich auf rund eine Million Franken und war damit viermal höher als im ersten Fall.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus beiden Fällen: Eine Multi-Faktor-Authentifizierung für alle externen Zugänge ist unverzichtbar. Backups müssen physisch getrennt aufbewahrt werden. Admin-Accounts gehören nicht ins VPN. Und Incident-Response-Pläne müssen regelmässig geübt werden und nicht nur schriftlich existieren.

Urs Arbter, CEO SVV.
Blatten und Wallis: Bewährungsproben für die Branche

Urs Arbter vom Schweizerischen Versicherungsverband SVV berichtete über die zwei grossen Schadenereignisse des vergangenen Jahres: den Felsabsturz in Blatten im Kanton Wallis und die Tragödie in Crans Montana.

In Blatten funktionierte das System. Innert 48 Stunden entschied die Branche, 75 Prozent des Schadens sofort auszubezahlen, die restlichen 25 Prozent bei Wiederaufbau und zwar nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern im gesamten Kanton, innerhalb von fünf statt zwei Jahren. Über 90 Prozent der Gebäude waren versichert. Was fehlte war die kommunale Infrastruktur, die in der Schweiz traditionell nicht versichert ist und eine Lücke ist, die Arbter als dringend diskussionswürdig bezeichnete.

Beim Ereignis in Crans Montana sei die Haftpflichtsituation noch nicht abschliessend geklärt. Die AXA als Versicherer der Betreiber habe sich klar zu ihrer Leistungspflicht bekannt. Doch die Gesamtschadenssumme inklusive Regressansprüche der Sozialversicherer und langfristiger Erwerbsunfähigkeitsleistungen werde erst nach Jahren bekannt sein.

Die Forderung nach einer kantonalen Gebäudeversicherung im Kanton Wallis wies Arbter zurück: Das Problem habe nicht in der Versicherungsform gelegen, sondern im Vollzug der Brandschutzvorschriften. Private Versicherer reagierten schnell und effizient, wie das Beispiel zeige.

V.l.n.r.: Jonathan Progin, Meliha Sabotic (Verlingue), Mira Weingart (SRF + SRF Virus), Prof. Dr. Aexandra Cloots (iDNA), Yves Krismer (Kessler).
Gen Z: Flexibilität ja, aber kein Wunschkonzert

Ein weiterer Punkt bildete eine Podiumsdiskussion über die Generation Z im Brokertum. TV-Moderatorin Mira Weingart als Vertreterin der jungen Generation, Professorin Alexandra Cloots von der Ostschweizer Fachhochschule, HR-Leiterin Meliha Sabotic von Verlingue und Yves Krismer von Kessler diskutierten über Homeoffice, Karriere und Arbeitsmoral.

Die Kernbotschaft: Die Unterschiede innerhalb einer Generation sind grösser als jene zwischen Generationen. Flexibilität ist kein Generationenthema, sondern ein Lebensphasenthema. Und wer junge Talente gewinnen will, kommt nicht um einen echten Dialog auf Augenhöhe herum, auch wenn er unbequem ist.

Binci Heeb

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