Ein junger Aktuar reist in den 1980er-Jahren erstmals nach Südamerika, um den Versicherungsmarkt kennenzulernen. Was als faszinierende Auslandserfahrung beginnt, endet mit einer Geschichte über Vertrauen, Betrug und eine der wichtigsten Lektionen der Versicherungsbranche.
Fast vierzig Jahre ist es her, dass ein junger Aktuar eines grossen Schweizer Rückversicherers für einige Monate nach Bolivien geschickt wurde. Für den Nachwuchsfachmann war es der erste längere Einsatz ausserhalb Europas, entsprechend gross war die Mischung aus Neugier und vorsichtiger Zurückhaltung.
Bolivien in der Mitte der 1980er-Jahre wirkte wie eine andere Welt. Die Strassen von La Paz pulsierten vor Leben, die klare Bergluft mischte sich mit den Farben der Märkte und einem Rhythmus des Alltags, der sich deutlich von der gewohnten Schweizer Präzision unterschied. Während seines Aufenthalts arbeitete der junge Aktuar bei zwei lokalen Lebensversicherungsgesellschaften. Dort lernte er einen Markt kennen, der weniger formal, persönlicher und überraschend vertrauensvoll funktionierte.
Geschäfte wurden mit Handschlag besiegelt, Gespräche verliefen offen und direkt. Für jemanden aus der strukturierten Welt der europäischen Rückversicherung wirkte vieles improvisiert und gleichzeitig erstaunlich herzlich.
Ein Schadenfall wirft Fragen auf
Nach einigen Monaten endete der Aufenthalt, und der junge Aktuar kehrte nach Zürich zurück. Die Erinnerungen an Bolivien waren positiv, fast nostalgisch. Doch kurze Zeit später landete ein Schadenfall auf seinem Schreibtisch, der diese Erinnerung in ein neues Licht rückte.
Eine der Gesellschaften, bei denen er gearbeitet hatte, meldete einen tragischen Unfall. Ein Fahrzeug mit vier leitenden Angestellten sei in eine Schlucht gestürzt, alle Insassen seien ums Leben gekommen. Die Schadenhöhe war aus Schweizer Sicht nicht aussergewöhnlich, für bolivianische Verhältnisse jedoch beträchtlich.
Trotzdem war etwas an der Meldung merkwürdig. Vielleicht war es die ungewöhnlich schnelle Übermittlung der Unterlagen. Vielleicht auch der Mangel an Details im Bericht. Der Aktuar entschied sich, seinem Gefühl zu folgen. Dank der Kontakte aus seinem Aufenthalt bat er einen lokalen Bekannten, die Geschichte diskret zu überprüfen.
Eine sorgfältig konstruierte Täuschung
Wochen vergingen. Dann traf der Bericht ein und mit ihm eine überraschende Wahrheit. Es hatte keinen Unfall gegeben. Kein Fahrzeug war in eine Schlucht gestürzt. Es gab weder Beerdigungen noch trauernde Familien.
Die angebliche Versicherungsgesellschaft existierte nicht einmal.
Die gesamte Geschichte war eine sorgfältig konstruierte Fälschung: Dokumente, Unterschriften, Siegel, sogar die dramatische Unfallbeschreibung waren erfunden worden. Ziel war es, das Vertrauen ausländischer Rückversicherer auszunutzen, die in der Region kaum über eigene Netzwerke verfügten.
Für den jungen Aktuar war die Erkenntnis ein Schock. In Lehrbüchern erscheint Versicherungsbetrug als theoretisches Konzept, sauber analysiert und in Statistiken erfasst. Nun hatte er erlebt, wie eine solche Täuschung in der Realität funktionieren kann.
Der Schaden wurde selbstverständlich abgelehnt. Danach verschwand die Geschichte fast geräuschlos, ohne Schlagzeilen, ohne Verhaftungen und ohne öffentliches Echo.
Eine Lektion, die bleibt
Doch die Erfahrung hinterliess Spuren. Sie machte deutlich, dass selbst präzise Zahlen wenig wert sind, wenn ihnen der Kontext fehlt. Dass lokale Kenntnisse in internationalen Märkten keine Nebensache sind, sondern eine Voraussetzung.
Und sie zeigte, dass Vertrauen zwar das Fundament der Versicherungsbranche bildet, aber nur dann Bestand hat, wenn es von nüchterner, disziplinierter Skepsis begleitet wird.
Viele Jahre später hallt diese Lektion noch immer nach. Immer dann, wenn ein ungewöhnlicher Schadenfall geprüft werden muss, taucht die Erinnerung wieder auf.
Vertrauen ist wichtig. Doch ebenso wichtig ist es, zu überprüfen.
Binci Heeb
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